"Die WM ist kein Entwicklungsprojekt"

Experten sehen aber durchaus positive Effekte für Südafrikas Wirtschaft
Zehn neue oder modernisierte Stadien, achtspurige Autobahnen, saubere Straßen, einladende Hotels und der Flughafen in Johannesburg auf höchstem technischem Niveau - die Fußball-WM hat in Südafrika milliardenschwere Investitionen ermöglicht. Doch trotz kräftiger ökonomischer Impulse dämpfen Experten die Erwartung, dass das internationale sportliche Event in dem Schwellenland die Entwicklung nachhaltig anschiebt.So warnt der Hamburger Politologe und Afrika-Experte Christian von Soest, sich mit Blick auf die Armutsbekämpfung in dem Land "zu viel Hoffnung" zu machen. Zwar gebe es positive Effekte - gerade mit Blick auf die Infrastruktur. Doch würden bei internationalen Ereignissen wie der WM generell die Kosten unter- und die Wirkung der Investitionen überschätzt. Sein Fazit: Wer die Weltmeisterschaft als Entwicklungsprojekt betrachte, überfrachte das Sportereignis.
Fußball-WM ersetzt keine Armutsbekämpfung
Ähnlich sieht es der Geschäftsführer der im Auftrag der Bundesregierung tätigen entwicklungspolitischen Bildungsagentur InWEnt, Bernd Schleich: Die WM dürfe nicht mit einem Entwicklungsprojekt verwechselt werden. Das Fußballereignis ersetze keinesfalls eine Politik der Armutsbekämpfung. Gleichwohl erleichtere und begünstige es wirtschaftliche und soziale Verbesserungen in dem Land, in dem die Hälfte der 48 Millionen Einwohner als arm gelten. Entwicklung gebe es aber nicht "durch" Fußball, sondern allenfalls "mit" dem Fußball, so Schleich.
Auch von Soest betrachtet die WM als "Katalysator" für Fortschritte und verweist auf Aktivitäten von Nichtregierungsorganisationen. So seien durch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit im ganzen Land 100 Bolzplätze entstanden, damit auch ärmere Jugendliche von der WM profitieren. Ohne Weltmeisterschaft hätte man die jungen Menschen noch nicht erreicht.
Und ohne das Sportereignis gäbe es auch nicht das neue Zug-System zwischen Johannesburg und Pretoria, womit die stundenlange quälende Fahrt auf der 70-Kilometer-Strecke der Vergangenheit angehöre. Die Armut, von der meist die Schwarzen betroffen sind, werde aber auch über die WM hinaus als sozialer Sprengstoff die Gesellschaft bedrohen. Experten beobachten, dass gerade auf dem Land oft grundlegende Lebensmittel wie sauberes Trinkwasser oder Strom fehlen. Und die Kriminalität in Townships liege wesentlich höher als der Durchschnitt.
Menschen einander näher bringen
Von der ersten Weltmeisterschaft in einem afrikanischen Land gehen aber aus Sicht von Soests wichtige Impulse aus. Er verweist auf das Sommermärchen 2006 in Deutschland, das in besonderer Weise zur nationalen Identität beigetragen habe. In ähnlicher Weise könne die WM die Menschen in Südafrika einander näherbringen. Das Land habe lange unter der Apartheid gelitten, auch 20 Jahre nach der Freilassung von Nelson Mandela seien die Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen groß. Der Stolz aber auf das Fußballfest gehe quer durch alle soziale Schichten und könne die verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammenführen.
Als größten Wert der WM betrachtet von Soest aber den enormen Imagegewinn, wenn die Südafrikaner durch das internationale Sportereignis in den Fokus der Welt kommen, ihre wunderbaren Städte präsentieren und ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen, eine solch große Veranstaltung zu stemmen.
In diesem Sinne spricht auch Marianne Hoffmann von Marketing-Effekten. Die WM-Koordinatorin 2006 von Hamburg hat wie zahlreiche andere Experten deutscher Kommunen südafrikanische WM-Städte bei den Vorbereitungen beraten. "Mit der WM kann man kein Geld verdienen", betont sie und verweist auf die 46 Millionen Euro, die die Hansestadt für das Fußballfest vor vier Jahren investieren musste. Am Ende wirke sich aber die Werbung für das Land und die Region positiv aus. In diesem Sinne schwört sie ihre südafrikanischen Partner darauf ein, den hunderten Journalisten gutes Material an die Hand zu geben - um sie und die Medien über die WM hinaus dauerhaft für Südafrika zu gewinnen.
