Ein Heiliger und sein Werk

Josemaria Escriva wurde als Gründer des "Opus Dei" bekannt
So schnell wie Josemaria Escriva ist in den vergangenen 500 Jahren niemand in der katholischen Kirche heiliggesprochen worden. Nur knapp 27 Jahre nach seinem Tod wurde der Gründer der Gemeinschaft "Opus Dei" am 6. Oktober 2002 vor rund 370.000 Pilgern auf dem Petersplatz vom damaligen Papst Johannes Paul II. zur Ehre der Altäre erhoben."Seine Gestalt auch als Seliger und Heiliger ist von vornherein überdurchschnittlich geprägt durch das Vorverständnis, das jemand zu dem von ihm gegründeten Werk, dem 'Opus Dei', mitbringt", schrieb der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, anlässlich der Heiligsprechung und verwies damit auf die anhaltenden Diskussionen um die von Escriva gegründete Laienorganisation.
Was aber hat es mit dem "Opus Dei" und seinem Gründer auf sich? Josemaria Escriva lebte in einer Zeit, die für Europa und besonders für Spanien sehr schwierig war; er erlebte zwei Weltkriege und den Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) mit. Der am 9. Januar 1902 geborene Josemaria erkannte, dass ihn der Weg als Diözesanpriester nicht ausfüllen werde und versuchte eine Vision umzusetzen: Menschen aus allen Berufen und sozialen Situationen sollen inmitten ihres alltäglichen Tuns nach der Fülle des christlichen Lebens streben.
Erstes Ziel des von Escriva 1928 ins Leben gerufenen "Opus Dei" ist die "Heiligung" des Alltagslebens. Katholische Gläubige sollen ihre Berufung zu geistlichem Leben, zur tätigen Nächstenliebe und zur Heiligkeit im Alltag entdecken und leben. Dieses Laienethos war zur Zeit der Gründung des "OpusDei" revolutionär, da es alte geistliche Privilegien in Frage stellte.
Das "Opus Dei" setzt sich damit von den klassischen Orden ab. Josemaria Escriva bestritt entschieden, dass nur diejenigen ein auf Gott gerichtetes Leben führen können, die durch Klostermauern, Gelübde oder Ordensregeln Abstand von der Welt halten. Vielmehr heilige und verbessere der Christ die Erde durch seine Arbeit in dieser Welt und wirke wie ein Sauerteig. Die Krankenschwester, der Berufsschullehrer oder Rechtsanwalt seien eben keine "Christen zweiter Klasse", die die bedingungslose Nachfolge Jesu Christi nicht beschreiten könnten.
Das "Opus Dei" wirkt vorrangig im Bereich der Seelsorge und der geistlichen Bildung von Laien. Die Mitglieder gelten als diszipliniert, gebildet und dem Papst besonders ergeben. Alle Mitglieder müssen täglich einen so genannten "Lebensplan" erfüllen, der üblicherweise mit dem Ausdruck "Normen" bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um bestimmte festgelegte Gebete, Askese und Übungen, die den Alltag strukturieren sollen. Disziplin wird dabei groß geschrieben.
Josemaria Escriva suchte von Beginn an die Anerkennung des "Opus Dei" durch römische Autoritäten und lebte von 1946 bis zu seinem Tod am 26. Juni 1975 als Generalpräsident der Gemeinschaft in Rom. Der Spanier wurde während dieser Zeit häufiger von Papst Pius XII. in Privataudienz empfangen und suchte die Anerkennung der Laienorganisation durch den Heiligen Vater.
Am 11. Oktober 1943 erhielt das "Opus Dei" schließlich die erste Approbation beim Heiligen Stuhl. Seit 1982 genießt die Gemeinschaft innerhalb der römisch-katholischen Kirche zudem eine Sonderstellung: Papst Johannes Paul II., der der Organisation besondere Wertschätzung entgegenbrachte, verlieh ihr den bislang einmaligen Status einer Personalprälatur. Dieser besondere kirchenrechtliche Status ermöglicht dem "Opus Dei" die Errichtung eigener Priesterseminare und eine eigene Rechssprechung.
Kritiker werfen dem Opus Dei allerdings Elitedenken, sektenhafte Strukturen und politisches Machtstreben vor. Das Verhältnis von Escriva und anderen "Opus Dei"-Mitgliedern zum faschistischen Franco-Regime im Spanien der 1930er Jahre ist zudem umstritten.Der kirchenrechtliche Sonderstatus hat den Eindruck des Geheimnisvollen der Gemeinschaft verstärkt und bei manch einem die Angst vor einer "Kirche in der Kirche" geschürt. Spekulationen, die beispielsweise auch Dan Browns Bestseller "The Da Vinci Code" befördert hat.
Aller Kritik zum Trotz steht auf der Habenseite von Escriva eine immense Erfolgsstory: Seine bekannteste Schrift "Camino" (Der Weg) - 999 Meditationssätze zur Umsetzung von Gottes Willen in der eigenen Lebensführung – ist in 42 Sprachen übersetzt und über vier Millionen Mal verkauft worden. Der von ihm konzipierten und gegründeten Gemeinschaft des "Opus Dei" gehören heute 87.000 Mitglieder in 60 Ländern an, davon knapp 600 in Deutschland.
Bald nach Escrivas Tod am 26. Juni 1975 entstand eine große Wallfahrt zu seinem Grab. Junge Menschen aus aller Welt erweisen dem Verstorbenen dort regelmäßig die Ehre. Bereits am 12. Mai 1981 wurde der Seligsprechungsprozess eröffnet, nachdem 1976 eine Karmelitin ihre Heilung der Fürbitte Escrivas zugeschrieben hatte. Als auch der Arzt Manuel Nevado Rey seine Heilung von einer Krebserkrankung im Jahr 1992 der Fürsprache des Spaniers zuschrieb, war ein weiterer Grundstein für die Heiligsprechung gelegt.
Am Tag der Heiligsprechung im Okober 2002 forderte Papst Johannes Paul II. die Pilger auf: "Folgt seinen Spuren und verbreitet in der Gesellschaft das Bewusstsein, dass wir alle zur Heiligkeit berufen sind, ohne dabei Unterschiede zu machen nach Hautfarbe, Gesellschaftsschicht, Kultur oder Alter."
