Kreuzigung in Oberammergau
Christian Stückl wagte 2010 eine grundlegende Neuinszenierung
Oberammergau 1633: In Bayern wütet der Dreißigjährige Krieg und in seinem Gefolge die Pest. Als die Krankheit das Dorf erreicht, flehen die Bürger Gott um Hilfe an. In der Hoffnung verschont zu bleiben, wollen sie alle zehn Jahre das Passionsspiel aufführen. Seit dem Versprechen gab es im Dorf keine Pest mehr - und die Oberammergauer halten sich seit mehr als 375 Jahren an ihr Gelübde. Auch im Sommer 2010 stand Oberammergau wieder ganz im Zeichen der Passionsspiele."Der Mann für's Katholische"
"Der Mann für's Katholische" - so nennen Theaterkollegen den Spielleiter Christian Stückl. Der 49-jährige Regisseur führt nach 1990 und 2000 zum dritten Mal Regie beim Leiden und Sterben Jesu Christi. Der gebürtige Oberammergauer hat das Stück dieses Jahr noch einmal komplett überarbeitet.Der gelernte Holzbildbauer sammelte erste Regie-Erfahrungen 1988 als Assistent von Volker Schlöndorf und hat sich seitdem mit verschiedenen Inszenierungen einen Namen gemacht. Seit 2002 ist er Intendant des Münchner Volkstheaters. Dass er auch Sommermärchen inszenieren kann, bewies er mit der farbenfrohen Inszenierung der Eröffnungsfeier der Fußball-WM in München 2006.
Eine Flugbegleiterin spielt die Maria
Nicht Hollywood-Stars wie James Caviezel spielen in Oberammergau die Hauptrolle, sondern Menschen wie du und ich. In diesem Jahr stehen in den Hauptrollen ein Zahnarzt, ein Psychologe und eine Flugbegleiterin auf der Bühne.Wer eine der begehrten Rollen ergattern will, muss entweder in Oberammergau geboren sein oder bereits seit 20 Jahren in der Gemeinde wohnen. Seit einem Gerichtsentscheid von 1990 dürfen auch verheiratete und über 35-jährige Frauen sowie Nichtkatholiken an der Aufführung teilnehmen. Die Hauptrollen werden auf Vorschlag des Spielleiters durch den Gemeinderat in geheimer Abstimmung vergeben.
Die Rolle seines Lebens
Andreas Richter ist einer der zwei Jesus-Darsteller. Im wahren Leben ist der 32-jährige Oberammergauer Psychologe und arbeitet in der Jugendarbeit.Aber es verbindet ihn eine lange Geschichte mit dem Stück: Bereits 1980 stand er als Kind im Volk auf der Bühne und bei der letzten Aufführung spielte er einen Priester. Der frischgebackenen Vater will der schwierigen Rolle trotz großem Respekt für seine Vorgänger einen "eigenen Stempel aufdrücken".
Halb Oberammergau ist dabei
Als Bühnenarbeiter, Kostümbildnerin, im Chor oder auf der Bühne: Über die Hälfte der 5.000 Dorfeinwohner beteiligt sich im Jahr 2010 an der Aufführung des berühmten Passionsspieles.Bei Massenszenen stehen bis zu 1000 Leuten auf der Bühne. Und auch die ganz jungen Oberammergauer sind mit von der Partie. 450 Kinder wirken bei den über 100 Vorstellungen zwischen Mai und Oktober 2010 mit.
Passion in fünf Stunden
Erstmals wird Jesus in diesem Jahr zu später Stunde an das Kreuz geschlagen. Regisseur Stückl nutzt die einbrechende Dunkelheit für dramaturgische Zwecke. Das Passionsspiel beginnt um 14.30 Uhr und endet um 23 Uhr, unterbrochen von einer dreistündigen Pause, in der zu Abend gegessen werden kann.Angefangen hat das Passionsspiel 1643 mit einem einfachen Holzgerüst als Bühne, 1890 wurde die erste Bühne errichtet und bereits 1922 kamen 420.000 Zuschauer zur Neuinszenierung von Georg Johann Lang.
Nicht nur das Kreuz, sondern auch das Himmelreich
Die Bedeutung des Kreuzes neu entdecken, das sollen die Zuschauer. Spielleiter Stückl möchte mit seiner Inszenierung nicht nur das Leiden, sondern auch die Botschaft Jesu in den Vordergrund stellen.Deshalb beginnt die Inszenierung erstmalig mit zentralen Sätzen aus der Bergpredigt, die die Botschaft Jesu charakterisieren. Dabei ist Stückl die Authenzität wichtig: "Alle von Jesus im Stück gesprochenen Sätze stehen in der Bibel", betont der Katholik.
Jude, nicht Katholik
"Jesus ist Jude und nicht Katholik", betont der Regisseur Stückl und ist deshalb mit seinen Schauspielern im September 2009 nach Israel gepilgert. Die intensive Auseinandersetzung mit der Herkunft und Geschichte Jesu hat Früchte getragen: Erstmals wird auf der Bühne das für die Juden zentrale Gebet "Sch'ma Israel" vom Volk auf hebräisch angestimmt.Weil die Passionsspiele in ihrer langen Geschichte auch unter dem Vorwurf standen, Antisemitismen zu fördern, hat Stückle bewusst umstrittene Textpassagen entfernt. Außerdem hat er den Aufführungstext mit den beiden größten internationalen jüdischen Organisationen abgestimmt.
4.000 Takte, 110 Chorleute und 12 Solisten
"Die Musik trägt eigentlich das Stück", sagt Andreas Richter, einer der zwei Jesus-Darsteller. Und nicht nur weil sie rund 4.000 Takte und damit ein Drittel der Spieldauer des Stückes ausmacht. 110 Chorleute und 12 Solisten samt Orchester mit 100 Musikern sorgen für den richtige Ton.Die heutige Musik ist durch den Oberammergauer Lehrer und Komponisten Rochus Dedler geprägt. Im Laufe der Jahre gab es verschiedene musikalische Veränderungen und Anpassungen. Der diesjährige musikalische Leiter, Markus Zwink, passte die Musik beispielsweise an die stärkere Betonung jüdischer Elemente der Neuinszenierung an.
Maßgeschneidert - nicht von der Stange
Die Festspiele sind ein Gesamtkunstwerk, bei dem es auf kleine Details ankommt: 15 Schneiderinnen sind seit Mai 2009 mit der Fertigung von über 2.000 Kostümen beschäftigt. Über 5.000 Einzelteile waren termingerecht zur Premiere am 15. Mai fertig zu stellen.Damit alles in das Gesamtkonzept passt, müssen sich die Oberammergauer Passionsspieler gemäß Haar- und Barterlass bereits über ein Jahr vorher den Bart und die Haare wachsen lassen.
Heiligenschein in allen Größen
Bühnenplastiker Armin Hecht "gibt" den Erzengel Michael und probt eines der 13 sogenannten "Lebenden Bilder". Diese zeigen passend zur Passion zentrale Szenen aus dem Alten Testament. In der "Vertreibung aus dem Paradies" soll der Erzengel weit oben stehen. Dafür werden die Flügel auf ein Holzgerüst mit einer Spannweite von vier Metern montiert. Den dazu passenden Heiligenschein gibt es in den Größen Small, Medium und Large.Wirtschaftsfaktor Passionsspiele
Alle zehn Jahre wird das bayrische 5.000-Seelendorf Oberammergau zum Nabel der Welt: Die Passionsspiele ziehen Besucher aus aller Welt an, über 500.000 Zuschauer werden auch in diesem Jahr erwartet. Mindestens 50 Euro muss ein Zuschauer berappen, um der über fünfstündigen Aufführung beiwohnen zu können. Wer das Schauspiel von den besten Plätzen aus genießen möchte, ist mit 165 Euro dabei.Die Festspiele bescheren der Gemeinde wichtige Millionen- Einnahmen, denn die notwendigen Investitionen von 33 Millionen Euro für das Passionsspiel 2010 konnten nur mit Hilfe eine Bürgschaft des Freistaates getätigt werden.
