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Mechthild von Magdeburg  Seite drucken

"Die Wahrheit kann niemand verbrennen"

Mechthild von Magdeburg
© Andreas Praefcke
Mechthild von Magdeburg ist eine wichtige Persönlichkeit der Kirchengeschichte des Mittelalters.

Mechthild von Magdeburg war Begine, Poetin und Mystikerin

Als Frau aus niederem Adel scheint Mechthilds Leben im heiratsfähigen Alter von zwölf Jahren vorgezeichnet: Ehe oder Kloster. Doch ihre ersten unmittelbaren Gottesbegegnungen krempeln ihr Weltbild um und stärken ihr den Rücken für eine radikale Lebensentscheidung: Mit 20 Jahren verlässt sie heimlich das elterliche Haus, um sich der Armutsbewegung anzuschließen - sie wird Begine in Magdeburg.

Damit wählt sie eine "alternative" Lebensform, die ihrer Zeit weit vorauseilte: Weder der rechtlichen Vormundschaft eines Mannes noch der einer Äbtissin unterstellt, schlossen sich diese frommen Frauen ohne Standesunterschiede in kleinen Wohngemeinschaften zusammen, lehnten Ordensgelübde ab und sicherten durch eigene Arbeit und Schenkungen ihre wirtschaftlich Unabhängigkeit. Sie lebten ein Leben für die "Armen" - im materiellen, aber auch im geistigen Sinne. Ihre Kraft schöpften sie aus einer tiefen persönlicher Spiritualität, die durch Bibelstudien und eine fundierte theologische Ausbildung vertieft wurde.

Eine Autorin von Weltrang

Erst mit vierzig Jahren beginnt Mechthild mit der Aufzeichnung ihrer visionären Gottesoffenbarungen. Ganz im Geist des dominikanischen Volksbildungsideals schreibt sie in der Sprache ihres Volkes, also auf Mittelniederdeutsch. So entsteht eines der bedeutendsten Zeugnisse mittelalterlicher Literatur; ein Buch, das sie - auf göttliche Eingebung hin - "Das fließende Licht der Gottheit" nennt. Seine Minnetexte zählen heute zum Kanon der europäischen Literaturgeschichte.

Sie verzaubern durch die Poesie ihrer Liebesdialoge zwischen Gott und der menschlichen Seele, auch wenn uns deren "gewagte" Erotik befremden kann. Beeindruckend ist die Unmittelbarkeit und schutzlose Hingabe, mit der sich Gott der Seele als einer innig Geliebten zuwendet: So nah will Gott uns sein! Die Seele begegnet Gott auf Augenhöhe - als Gottes Ebenbild - und lässt sich umwerben vom großen DU.  Auch wenn sich Mechthilds Minnelyrik im Schutzraum zeitgenössischer Brautmystik bewegt - Glauben als Beziehungsgeschehen, das spricht uns auch heute noch an.

Beginen

Die Beginen entstanden im 13. Jahrhundert. Sie ließen sich in den sozialen Brennpunkten der aufblühenden Handelsstädte nieder, um sich der Verlierer der gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzungen des Spätmittelalters anzunehmen. Ab dem 14. Jahrhundert gerieten sie immer häufiger in die Mühlen der Inquisition; viele Beginen endeten auf dem Scheiterhaufen. Die Beginenbewegung als geistliche Lebensform für Frauen wird derzeit wiederentdeckt.
"Die Wahrheit kann niemand verbrennen"

Für Mechthilds Zeitgenossen allerdings bedeutete die Veröffentlichung ihres Buches eine mehrfache Provokation: Hier erhob eine "ungebildete" Frau das Wort und äußerte sich zu theologischen Fragestellungen, zudem nicht in Latein als heilige Sprache: Sie verteidigt die Würde der Frau aus dem Geist der Bibel, stellt die persönliche Würde des Menschen über die Standesordnung. Ihre Visionen lassen sie Kritik üben an den Weltgeistlichen: "Dass Gott die Domherren Böcke nennt, tut er darum, weil ihr Fleisch vor Unkeuschheit stinkt in der ewigen Wahrheit vor seiner Heiligen Dreifaltigkeit" (FLG VI, 3).

Mechthilds Werk droht die Bücherverbrennung: "Ich wurde vor diesem Buche gewarnt und von Menschen also belehrt: Wolle man davon nicht absehn, dann wird es in Flammen aufgehen" (FLG II,26). Da wird sie von Gott getröstet: "Die Wahrheit kann niemand verbrennen!"

Altersblüte in Helfta

Fast erblindet und geschwächt von den Anfeindungen der "Glaubensbrüder", zieht sich Mechthild in ihren letzten Lebensjahren ins Kloster Helfta zurück. Hier diktiert sie - in Niederdeutsch - das letzte Kapitel ihres Buches: Ein bewegendes Zeugnis gereifter Glaubensbeziehung, die die Einsamkeit und die "stete Fremde" Gottes als Teil ihres Glaubensweges angenommen hat, - und doch immer getröstet wird durch Gott, den Minnefreund ihrer Jugendtage.

Das Vorbild der welterfahrenen Mystikerin ermutigt zwei junge, hochgebildete Klosterfrauen zur Niederschrift ihrer eigenen Visionen: Gertrud von Helfta und Mechthild von Hackeborn. Gemeinsam begründen sie den Ruf Helftas als Zentrum mittelalterlicher Frauenmystik.

Von Katharina Wieacker
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