logo


E-Mail-Adresse *

Anrede 

Vorname

Nachname

Aktion wählen:
 Anmelden
 Abmelden

Angaben mit * sind Pflichtangaben.


Interview  Seite drucken

"Die Menschen von Herzen lieben"

Felix Genn, Bischof im Bistum Münster
© Martin Engelbrecht
Bischof Felix Genn

Bischof Genn äußert sich zu aktuellen Fragen des Priesteramtes

Die Priester befinden sich angesichts des Missbrauchskandals in der Kirche derzeit in einer schwierigen Situation. Im Interview erläutert der Münstersche Bischof Felix Genn, wie Geistliche und Gläubige damit umgehen können. Er sagt, welche Lehren die Kirche aus dieser Krise ziehen kann, aber auch welche Bedeutung das Priesteramt hat, wofür die Kirche die Kleriker braucht und was der Kern ihres Dienstes ist.

Kirche+Leben: Herr Bischof, vor einem Vierteljahr ist das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene Priesterjahr zu Ende gegangen. Wie fällt mit einiger zeitlicher Distanz Ihre Bilanz dieses Jahres aus?

Genn: Üblicherweise werden derartige, von Rom ausgerufene thematische Jahre in Deutschland kritisch aufgenommen. Doch mit Blick auf das Priesterjahr kann ich feststellen, dass doch sehr viel geschehen ist; darum fällt meine Bilanz positiv aus. Mir bleiben im Herzen sowohl die Feiern in Rom mit Papst Benedikt als auch die Feier mit den Priestern aus dem Bistum Münster: Das war auch ein schönes Miteinander, das die brüderliche Gemeinschaft im Presbyterium der Kirche von Münster zu stärken vermochte und vermag. Ich bin selber zudem im Rahmen des Priesterjahres außerhalb der Diözese zu einigen Vorträgen eingeladen worden. Unser Priesterrat hat eine Anregung von mir aufgenommen und Anfang September eine Wallfahrt der Priester nach Xanten organisiert, die unser Miteinander bereichert hat.

Kirche+Leben: Sie fühlen sich unter den Priestern wohl, und Sie sind gern Priester ...

Genn: Auf jeden Fall. Ich würde niemals etwas anderes machen wollen. Ich habe es noch nie bereut, auch wenn die Last mitunter schwer ist; dies kann ich in gleicher Weise auch mit Blick auf den bischöflichen Dienst sagen. Ich bin gern Priester, weil ich in der Tiefe meines Herzens spüre: Das ist das, was du in deinem Leben sollst. Psychologen würden wohl sagen, das ist "dein Ding"; der moderne Mensch könnte es so vielleicht besser verstehen. Aber der priesterliche Dienst ist mir zu heilig, um es so salopp zu charakterisieren.

Kirche+Leben: Wofür braucht die Kirche Priester?

Genn: Wir kommen mit dieser Frage an den Kern unseres Dienstes: Wir brauchen Priester, damit die Gläubigen immer wieder neu genährt werden von Wort und Sakrament, um so sich um die Ärmsten der Armen kümmern zu können.

Kirche+Leben: Macht das den priesterlichen Dienst aus?

Genn: Ja, das ist für mich der Kern des priesterlichen Dienstes; alles Weitere legt sich darum. Priesterlicher Dienst hat sicher auch mit Leitung zu tun, aber Leitung geschieht eben in Vollmacht und Dienst. Das Eigentliche tut der Herr, und er braucht mich als Werkzeug. Wenn dann derzeit in den Gemeinden das ein oder andere an priesterlichen Aufgaben wegfällt, dann kann dies genau diese Frage provozieren: Wofür brauchen wir den Priester? Das ist eine kritische Rückfrage an unsere Gemeinden und an die Gläubigen, die mitunter auch Dinge von den Priestern erwarten, die mit ihrem Amt gar nichts zu tun haben.

Kirche+Leben: Früher ging man meilenweit für einen Primizsegen. Es ist noch nicht lange her, da war jeder Priester der Stolz seiner Familie und Gemeinde – heute hat es sich zum Teil ins Gegenteil verkehrt. Worin sehen Sie die Ursachen dafür?

Genn: Aktuell liegt eine Ursache sicherlich auch in den Skandalen, die es um unseren Beruf gegeben hat. Eine weitere Ursache beruht darin, dass die inneren Stützen in den Gemeinden für den priesterlichen Dienst oft weggefallen sind: Man betrachtet den Priester bisweilen sehr kritisch, man verlangt von ihm so viele Dinge, die er nicht alle tun kann.

Kirche+Leben: Keine so guten Perspektiven ...

Genn: Ich weiß nicht; es gibt auch Überraschendes. Ich finde es interessant, dass eine Reihe unserer Priesteramtskandidaten aus Kontexten kommen, die kirchlich nicht gebunden sind. Dann denke ich: Der Herr mischt einfach mit und auf.

Kirche+Leben: Die Priester befinden sich heute vielfach in der Defensive: Ihre Lebensform der gottgeweihten Ehelosigkeit wird nicht verstanden und auch die Forderungen nach dem Frauenpriestertum verstummen nicht. – Wie können die Geistlichen wieder aus dieser Defensive herauskommen?

Genn: Das Allerwichtigste ist, dass sie von Herzen die Menschen lieben, auf die Menschen zugehen und ihnen ihre Liebe schenken. Dann werden die Menschen sehen: Da ist jemand, der ist ganz für uns da, der mischt sich unter das Volk, der ist Zeuge des Evangeliums. Dann treten die Fragen nach Zölibat und Frauenpriestertum in den Hintergrund. So wird eine Atmosphäre entstehen, in der man all diese Fragen in einer großen Offenheit und in ihrem Für und Wider miteinander besprechen kann. Dann ist es auch möglich, Gegenposition zu beziehen, weil die Menschen nicht unbedingt die allgemein gängigen Antworten und Parolen möchten. Diese eigenständigen Positionen brauchen aber eine Atmosphäre von liebender Freundlichkeit.

Zur Person

Felix Genn (Jahrgang 1950) ist seit Mitte Dezember 2008 Bischof von Münster, zuvor hatte er das Bischofsamt in Essen inne. Er ist Vorsitzender der Kommission Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste der Deutschen Bischofs- konferenz.
Kirche+Leben: Im ersten Petrusbrief heißt es: "Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft" (1 Petr 2,9). Theologen sprechen vom "allgemeinen Priestertum" aller Gläubigen. Wie verhält sich dies zum Weihe-Priestertum?

Genn: Das kann man sehr schön und schlicht sagen: Das Weihe-Priestertum ist dazu da, dass das allgemeine Priestertum seiner Sendung folgen kann. Und das tut das Weihe-Priestertum, indem es das Wort Gottes verkündet und die Sakramente feiert.

Kirche+Leben: Wie kann das "allgemeine Priestertum" aller Gläubigen geistlich gefüllt und fruchtbar gemacht werden?

Genn: Indem die Leute wirklich Nahrung bekommen in den Predigten und durch die Gottesdienste. Sie sollen dadurch angeregt werden, darüber nachzudenken, was ihre Sendung als Christen ist.

Kirche+Leben: Und was ist ihre Sendung? Hätten Sie einen konkreten Tipp, wie die Gläubigen ihr "allgemeines Priestertum" leben können?

Genn: Ich habe zwei Tipps. Leben mit dem Wort Gottes: Was will Gott mir in seinem Wort sagen? Was soll ich tun? Das Zweite: Eine hohe Sensibilität für die Ärmsten der Armen in der Gemeinde.

Kirche+Leben: Überschattet wurde das Priesterjahr durch den öffentlich gewordenen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. In Deutschland hat er hohe Wellen geschlagen. Die sonst angesehenen Geistlichen standen plötzlich unter einem Generalverdacht – viele Priester bedrückt dies sehr. Wie haben Sie selbst bei den Priestern gegenwirken können? Was konnten Sie den Klerikern sagen?

Genn: Den Klerikern sage ich, dass ich an ihrer Seite stehe. Ich will sie in ihrem Dienst stärken. Ich will sie ermutigen, trotz aller Zerbrechlichkeit und Schwachheit auf den großen Schatz zu vertrauen, den ihre Berufung darstellt.

Kirche+Leben: Die Öffentlichkeit in Deutschland war angesichts des Missbrauchsskandals hoch sensibel und reagiert nicht immer fair. Auch viele Engagierte in den Gemeinden waren verunsichert und beargwöhnten ihre Seelsorger. Wie können Priester und Gläubige aus dieser Situation herauskommen?

Genn: Wir sollten unsererseits fair und ehrlich mit den Skandalen umgehen und auf diese Wirklichkeit schauen – auch wenn sie uns unangenehm ist. Wir sagen auch sehr deutlich, dass hier Fehler geschehen sind. Es hilft uns nur weiter, dass wir offen damit umgehen, nichts vertuschen, aus der Defensive kommen und schauen, wie es zu einer wirklichen Reinigung und Klärung kommt. Wir müssen uns aber überdies darum bemühen, eine offene Atmosphäre zu gestalten, damit Kinder und Jugendliche nicht Angst haben, wenn sie sich einer kirchlichen Gruppe anschließen oder sich im Bereich der Kirche engagieren.

Kirche+Leben: Welche Lehren vor allem muss die Kirche aus dem Missbrauchsskandal ziehen?

Genn: Die erste Lehre ist, dass wir uns immer wieder bewusst werden, dass wir nicht nur eine Kirche sind, die in ihrem Kern heilig ist, sondern die auch aus Sündern besteht. Und das bedeutet weiterhin, dass wir deshalb demütig sind und uns als Knechte Jesu Christi verstehen. Das Zweite ist, dass wir als Kirche mit diesem Skandal offen umgehen, also der Gesellschaft auch sagen können: Liebe Gesellschaft, wir haben hier Fehler gemacht, aber bitte schaut auch einmal, wo gibt es sonst noch Felder, in denen Ähnliches geschieht – in Sportvereinen, Schulen und so weiter! Denn es geht in erster Linie bei diesem Thema um die Kinder, die Opfer von Missbrauch werden; sie müssen im Mittelpunkt stehen – in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft.

Kirche+Leben: Der Druck auf die Geistlichen wächst auch deshalb, weil sie immer weniger werden und immer komplexere Aufgaben übernehmen sollen. Was sagen Sie den Priestern, die sich diesem Druck ausgesetzt sehen?

Genn: Das Einzige, was ich von ihnen wirklich erwarte ist, dass sie das tun, was sie tun können – mehr geht nicht. Was darüber hinausgeht, ist zu viel. Daher sollen sie beim Wesentlichen bleiben, nämlich Wort, Sakrament und Dienst an den Armen. Angesichts der großen An- und Herausforderungen geht es auch darum, dass die Priester miteinander ihr Leben geistlich teilen, sodass sie miteinander erkennen, wo sie sich auch entlasten können. Und das möchte ich als Bischof mit ihnen tun. Gemeinsam mit dem Priesterrat werden wir darum schauen, wie wir die Priester von unnötigen Aufgaben entlasten können.

zum Anfang zum Anfang
Das Internetportal der Katholischen Kirche in Deutschland
© Katholisch.de
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Katholisch.de-Redaktion