„Spiel mir das Lied vom Tod“

Bastian Obermayer im katholisch.de -Interview
Der Münchener Journalist Bastian Obermayer ist Träger des Katholischen Medienpreises 2007 im Bereich Printmedien. Sein Beitrag „Spiel mir das Lied vom Tod“ (Süddeutsche Zeitung Magazin, 3. November 2006) behandelt das sensible Thema Abtreibung bei Behinderung. Moderne Pränataldiagnostik ermöglicht Ärzten, Behinderungen bereits weit vor der Geburt festzustellen. Betroffene Frauen stehen damit vor der schwierigen Entscheidung, die Schwangerschaft abzubrechen oder nicht.Obermayer lässt Frauen zu Wort kommen, die sich für oder gegen ein Leben mit einem behinderten Kind entschieden haben. Daneben stellt er Fakten moderner Medizin und zeigt ihre Auswirkung auf das gesellschaftliche Denken. Der 29-jährige Journalist regt zum Nachdenken an, ohne Frauen zu verurteilen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben. Zugleich macht er deutlich, welchen Respekt Mütter verdienen, die sich trotz des großen Drucks von außen für ihr Kind entscheiden. Im katholisch.de - Interview spricht Obermayer über bewegende Recherchen, den Mut der Frauen und die Leserreaktionen, die sein Artikel ausgelöst hat.
katholisch.de: Herr Obermayer, wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?
Bastian Obermayer: Vor einiger Zeit habe ich eine Reportage über eine Mutter geschrieben, die ihr behindertes Baby gegen alle Widerstände zur Welt gebracht hat. Ich war fasziniert von der Kraft, die diese Frau gemeinsam mit ihrem Kind ausstrahlte. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Deshalb habe ich mich für das SZ-Magazin noch mal intensiv mit dem Thema befasst.
katholisch.de: Für die Betroffenen ist es sicher nicht leicht, über ihre Entscheidung zu sprechen. War es schwer, Interviewpartnerinnen zu finden?
Bastian Obermayer: Ich habe im März 2006 angefangen zu recherchieren, habe mich in Internetforen eingetragen, Verbände kontaktiert, mit Medizinern gesprochen. Es war nicht schwer, Eltern zu finden, die ihr behindertes Kind bekommen haben. Da haben sich etwa zehn Frauen und Männer gemeldet. Schwieriger war es, Frauen zu finden, die ihr Kind wegen einer Behinderung abgetrieben haben, denn damit ist ja auch ein Trauma verbunden. Ich habe dann schließlich zwei Frauen in Internetforen gefunden, die bereit waren, mit mir zu reden.
katholisch.de: Sie haben sich ein sehr sensibles Thema vorgenommen. Wie sind Sie selbst damit umgegangen?
Bastian Obermayer: Ich hatte noch nie eine Recherche, bei der ich innerlich so mitgegangen bin. Vor der Veröffentlichung hatte ich richtig Angst, dass ich den Frauen, die mir ihre Geschichte erzählt haben, nicht gerecht werde. Ich befürchtete, dass ich sie mit einem unbedachten Satz oder Zitat verletzen könnte. Umso mehr habe ich mich gefreut, als mir alle fünf danach sagten, sie hätten sich mit dem Artikel wohl gefühlt. Auch die Frauen, die sich für eine Abtreibung entschieden hatten, haben den Text als wertfrei empfunden.
katholisch.de: Wie haben die Leser auf den Artikel reagiert?
Bastian Obermayer: Wir haben unheimlich viel Post bekommen. Alleine in der ersten Woche habe ich fast 40 Mails beantwortet. Die meisten haben geschrieben, dass der Artikel sie zum Nachdenken gebracht hat. Für mich war das eine Bestätigung, denn genau das wollte ich bewirken. Auch heute kommen noch regelmäßig Briefe oder Anrufe. Einige Familien haben Fotos von ihren Kindern mit Down-Syndrom geschickt. Ganz süße Bilder, die jetzt alle auf meinem Schreibtisch stehen.
katholisch.de: Gab es Reaktionen, die Sie besonders bewegt haben?
Bastian Obermayer: Ja, es kamen auch sehr berührende Briefe. Eine Frau, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung kurz vor einer pränatalen Untersuchung stand, schrieb, sie hätte sich wegen meines Artikels dagegen entschieden. Ihr ist klar geworden, dass sie ihr Kind lieben wird - egal ob behindert oder nicht. Ich habe da zum ersten Mal erlebt, wie man als Journalist in das Leben eines Menschen eingreifen kann, ohne dass man sich dessen beim Schreiben bewusst ist.
katholisch.de: Haben Sie auch kritische Rückmeldungen bekommen?
Bastian Obermayer: Etwa 90 Prozent waren positiv. Daneben haben mir aber einige vorgehalten, ich würde das Recht auf Abtreibung in Frage stellen. Vereinzelt kam auch der Vorwurf, ich wolle jedes behinderte Kind abtreiben lassen. Das hat mich schon gewundert. Es ging mir nicht darum, jemanden zu verurteilen oder zu sagen, so ist es richtig und so ist es falsch. Im Einzelfall kann man niemandem die Entscheidung abnehmen, und das wollte ich rüberbringen.
Von Janina Mogendorf
