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Katholischer Medienpreis 2007  Seite drucken

Ein Film über das Leben

Medienpreis 2007 Preisträgerin Graas
© Privat
Medienpreisträgerin Angela Graas

Angela Graas dokumentierte Friedhof-Geschichten

"Filme spielen eine Hauptrolle in meinem Leben. Wenn ich an einem Film arbeite, dann tauche ich richtig darin ein. Das geht so weit, dass ich nachts wach liege und überlege, wie ich Dinge umsetzen kann..."

Seit sieben Jahren arbeitet Angela Graas als Regisseurin und Filmautorin und hat damit ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Jetzt wurde ihr Dokumentationsfilm „Von wegen ewiger Ruhe – Geschichten auf dem Münchner Ostfriedhof“ mit dem Katholischen Medienpreis 2007 ausgezeichnet.

Als der Bayerische Rundfunk mit der Bitte auf sie zukam, einen Film über einen Friedhof zu drehen, war Angela Graas schnell Feuer und Flamme: „Es sollte kein Film über das Sterben werden, sondern über das Leben“, betont sie. Im Mittelpunkt sollten Menschen stehen, für die der Friedhof Teil des Lebens ist. Sei es, weil sie dort arbeiten oder weil dort jemand liegt, der ihnen wichtig war. „Ich habe nach lebendigen Geschichten gesucht, dachte zuerst an ein Paar – eine Witwe und ein Witwer, die sich vielleicht dort kennen gelernt haben“, erzählt die Filmemacherin.

Nummerierte Urnen hinter Gittern

Gefunden hat sie Frau Lederle. Eine ältere Dame, die seit acht Jahren um ihren Mann trauert, in Gedanken mit ihm redet und ihn „wieder mit nach Hause nimmt“, wenn sie den Friedhof verlässt. Gefunden hat sie auch Ina, eine junge Ärztin, die ihren Freund Marc 2003 bei einem Motorrad-Unfall verlor und seit der Beerdigung nicht mehr an seinem Grab war. Familie Janson besucht gemeinsam das Grab von Tochter Viola, die mit zwei Jahren einem Herzfehler erlag. Rikarda, die Jüngste der drei Kinder, war damals noch gar nicht auf der Welt.

Auch Christian, Verkäufer der Obdachlosenzeitung BISS, kommt häufig zum Friedhof. Vor einem Jahr starb sein Kollege und guter Freund Jürgen. Dessen Asche liegt in einer nummerierten Urne hinter der Gittertür einer Leichenhalle –  namenlos. Lange kämpften Christian und seine Kollegen um eine richtige Bestattung, ein richtiges Grab für ihren Freund. Am Ende findet Jürgen seine Ruhe tatsächlich unter der Erde, am Rande des Friedhofs, dort wo die S-Bahn vorbeirauscht.

Über Tabuthemen redet man nicht

„Lange Zeit waren Friedhöfe für mich vor allem romantische Orte, wo ich gerne spazieren ging“, erinnert sich Angela Graas. Mit dem Beginn ihrer Recherchen wird die 36-Jährige erstmals mit  Tod und Trauer konfrontiert. „Das Sterben an sich ist etwas, das in meinem Leben bisher glücklicherweise kaum vorgekommen ist“, sagt sie. Und es ist ein Thema, das man gerade als junger Mensch gerne von sich wegschiebt, so ihre persönliche Erfahrung. Als umso belastender erlebt sie das halbe Jahr von der Film-Idee bis zur fertigen Dokumentation: „Ich bin häufig an meine Grenzen gestoßen, habe in dieser Zeit eine richtige Grunddepression entwickelt.“ Vor allem Inas Geschichte geht Angela Graas nahe. „Ich kann mir gut vorstellen, was es bedeuten muss, seinen Partner bei einem Unfall zu verlieren“, sagt sie.

Über Tabuthemen redet man nicht. Es ist nicht leicht, damit gute Sendeplätze zu bekommen oder gute Quoten zu erreichen. Und schwierig ist es erst recht, Protagonisten für einen Film über Tod und Trauer zu finden. Angela Graas sucht lange, wendet sich an 40 Pfarrer, die auf dem Ostfriedhof Beerdigungen leiten. Am Ende hilft ihr einer: Pfarrer Rainer Schießler, der mit seiner lebenslustigen Art für hoffnungsfrohe Momente im Film sorgt und ihr gesprächsbereite Menschen vermittelt. Angela Graas nimmt sich Zeit mit ihnen, und nach und nach entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis: „Ich habe auch viel von mir erzählt, um nicht in der Position der Filmemacherin zu sein, die jemanden ausfragt“, betont sie. Das geht so weit, dass ihr bei einem Gespräch sogar die Tränen kommen.

Chilli im Grab

So sensibel wie sie den Menschen begegnet, so sensibel ist beim Dreh dann auch der Umgang mit der Kamera. „Wir haben uns bemüht, den Leuten nicht zu nah auf die Pelle zu rücken“, erklärt die Regisseurin. Die Menschen sollten die Kamera am besten gar nicht wahrnehmen und sie so vergessen: „Wir haben nicht neben den Trauernden am Grab gestanden, sondern uns eher ein bisschen versteckt.“ Und je weiter sich die Kamera von den Menschen entfernte, desto näher kam sie ihnen.

„Ich wollte mit meinem Film vor allem jungen Menschen zeigen, dass es wichtig ist, sich mit Tod und Trauer zu beschäftigen und sich Zeit dafür zu nehmen“, sagt Angela Graas. Und: Trauerkultur muss nicht immer schwarz sein und Beerdigungen lassen sich individuell gestalten. Mit Chillischoten im Grab eines leidenschaftlichen Kochs oder bunt bemalten Särgen. Inas Neffen schickten mit Luftballons Nachrichten an den verstorbenen Freund. Denn, so meint sie: „Für mich ist er eher da oben, als da unten.“

"Ich bin noch auf der Suche"

„Auf viele wirkt der Film sehr positiv und hoffnungsvoll“, freut sich Angela Graas. Ihr selbst geht es ähnlich, wenn sie ihn anschaut. Aber trotzdem bereiten ihr ihre Erfahrungen beim Dreh heute noch Probleme: „Wir haben viel Zeit in der Leichenhalle verbracht und ich habe immer noch den Geruch in der Nase“, erklärt sie. Eigentlich habe ihre Auseinandersetzung mit dem Tod erst richtig begonnen, nachdem der Film abgedreht war. Seitdem hat Angela Graas viele Bücher über das Sterben gelesen und sich Gedanken über das Jenseits gemacht: „Noch habe ich keine wirkliche Haltung dazu entwickelt“, sagt sie: „Ich bin noch auf der Suche.“

Ihr nächster Weg wird sie gemeinsam mit ihrem Mann in die Antarktis führen. Dort drehen sie eine Kino-Dokumentation über eine Greenpeace-Crew, die mit allen Mitteln versucht Walfänger aufzuhalten. „Das war für mich immer ein Traum, an den ich mich nie herangewagt habe“, sagt Angela Gras. Ihre beiden Hunde werden die dreieinhalb Monate bei ihren Eltern verbringen. „Noch habe ich die Freiheit, das zu machen. Wenn wir erst einmal Kinder haben, bleiben wir sicher mehr in unserem Haus am Ammersee.“

Von Janina Mogendorf

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