Der dienstälteste Nikolaus

Die Herausforderungen und schönen Momente eines 78-jährigen Rheinländers
"Alle meine Texte aus 62 Wintern sind hier drin", sagt Willy Kuhn und klopft mit dem Zeigefinger auf die Stirn, versteckt unter den weißen Locken, die fließend in den langen Rauschebart verlaufen. Noch steht der 78-Jährige in seinem Garten in Bonn-Duisdorf. Eine drei Meter lange Weihnachtsfahne mit tanzenden Engeln weht weit sichtbar über seinem Haus. Alle Fenster sind erleuchtet. Golden glänzen Kerzen auf dem Christbaum und auch der große Nikolaussack daneben ist mit kleinen Lichtern versehen. Hier, in einer besonders schönen Adresse - in der Glockengasse - wohnt er also: Der dienstälteste Gabenbringer Deutschlands, der pünktlich zur Eröffnung der Weihnachtsmärkte seine Flagge gehisst hat. Willy Kuhn hält das goldene Buch unter dem Arm. Reinschauen wird er heute Abend nicht. Nach seinen zahlreichen Auftritten hat er das nicht mehr nötig.Wie alles begann
Die lange Karriere des bönnschen Nikolaus begann unverhofft vor über sechs Jahrzehnten, im Dezember 1950. Willy Kuhn nahm wie immer an der Chorprobe der katholischen Kirche in Bonn-Endenich teil. Doch dieses Mal störte der Pfarrer den Männergesang. Er suchte dringend eine Vertretung für den krank gewordenen Nikolaus und fand sie in dem damals 17-Jährigen. "Bangen Herzens sagte ich zu", erinnert sich Willy Kuhn. Daraufhin besorgte der Pfarrer einige ausgemusterte Talare und kramte auch sonst noch allerlei Kleinigkeiten zusammen, um Nikolaus-Novizen standesgemäß einzukleiden.
Ein dicker Ordner voll Aufträge
Willy Kuhn kennt keinen anderen Nikolaus in Deutschland, der so viele Jahre als Gabenbringer gedient hat. Mal sollte er auf einem Pferd, ein anderes Mal auf einem Esel angeritten kommen. Manchmal im dunklen Wald, nur von Pechfackeln beschienen, durch den tiefen Schnee stapfen. Zu seinen erfolgreichsten Zeiten zog er bis zu 400 Geschenke für wartende Kinder im Bollerwagen hinter sich her. "Es war zum Schreien", kommentiert der Rheinländer seine Auftritte und grinst über beide Ohren. Bis zu fünf Mal am Tag forderten sie seine ganze Kondition und sein Gedächtnis. Dass er kein einziges Mal wegen Krankheit ausfiel, darauf ist Kuhn besonders stolz. "Wenn sich eine Erkältung anbahnte, habe ich sie erfolgreich ignoriert", erklärt er. Und wenn es ihn doch erwischte: "Unterm Bart sieht das keiner."
Den heiligen Mann aus Myra zu spielen, ist bis heute eine echte Herausforderung. Seine Aufgabe, die er sehr ernst nimmt, kann Willy Kuhn nur mit einem guten Plan und viel Disziplin meistern. Heute sind es zwei dicke Ordner, die alle Orte, Zeiten und Ansprechpartner seiner Auftritte verzeichnen. Auch alle Zeitungsausschnitte seiner "Karriere" hat er aufbewahrt. Auf einem Foto ist er von Engelchen und Kerzenlicht umgeben, auf einem anderen Bild lässt er sich mit dem Bürgermeister für einen guten Zweck in Christstollen aufwiegen.
Über 60 Jahre Praxiserfahrung
In den über 60 Jahren stand ihm seine Familie nach Kräften zur Seite. "Einer meiner Söhne half mit und fuhr mich kreuz und quer durchs Rheinland." Seine Ehefrau hat ihm nicht nur seine drei Kostüme gewaschen und gebügelt, sondern sie auch gestärkt und geflickt. Anna, der Engel, nennt Willy Kuhn sie liebevoll. Vor drei Jahren feierten die Kuhns ihre Goldene Hochzeit. Das Ehepaar lernte sich kennen, als Willy Kuhn seine ersten Nikolausauftritte bereits hinter sich hatte. "Seitdem hält meine Frau die Wache über die Mitra." Auf jedem Foto, auch auf den alten vergilbten, steht die Bischofsmütze wie eine Eins. In den letzten Jahren kam Nikolaus Willy nur noch auf acht bis zehn Veranstaltungen. Seine Gesundheit mache nicht mehr alles mit. Und mit etwas Wehmut fügt er hinzu: "Anna, mein Engel, passt genau auf, dass es ja nicht mehr werden."
Die Kinder achten auf jedes Detail
Bis heute zieht es Willy Kuhn jedes Jahr zu den Kindern. "Ich stelle ihnen gerne ein paar flockige Fragen zwischendurch", erklärt Kuhn: Ob sie gut gegessen oder sich die Zähne geputzt hätten. Dann ist das Eis gebrochen und der Nikolaus nicht mehr zum Fürchten. Neugierige Kinder sind ihm lieber als verängstigte. Deswegen kommt Willy Kuhn ohne einen gruseligen Gehilfen, ohne Hans Muff, wie der Knecht Ruprecht im Rheinland heißt. Viele Bonner Familien kennt er schon seit drei Generationen. Von allen wird er auf der Straße mit "Onkel Willy" angesprochen.
Einmal fragte ihn ein Kind, wie alt er sei. Neunundneunzig, antwortete Nikolaus Willy. Ein Jahr später kam der Junge wieder mit derselben Frage zu ihm: "Und wie alt bist du dieses Mal?" "Neunundneunzig", sagte Kuhn und stieß damit beim Kind auf Widerstand. "Das kann nicht sein. Du warst ja voriges Jahr neunundneunzig." Doch der Nikolaus antwortete ruhig: "Da hast du nicht aufgepasst. Letztes Jahr kam ich nach meinem Geburtstag, dieses Jahr aber kurz vor dem 6. Dezember zu euch." Die Kinder würden besonders gut aufpassen und auf alles achten, auf die Schuhe, auf die Finger, betont Kuhn. "Daher habe ich ein zweites paar Schuhe zum Wechseln mit und immer Handschuhe an." Nicht nur kleine Mädchen und Jungen glauben an den Bischof aus Myra. "Wenn die größeren dahinter kommen, dass ich nicht der leibhaftige Nikolaus bin, halten sie den Mund und verraten das Geheimnis nicht."
