Die Geschichte einer Erschütterung

Jurybegründung für den Preis "Elektronische Medien"
Auf Vorschlag der Jury zeichnet die Deutsche Bischofskonferenz mit dem Katholischen Medienpreis 2006 den Beitrag von Cornelia Klaila und Tilmann Kleinjung „Niemand hat mir gesagt, dass es so weh tut – Weiterleben nach dem Tsunami“ (Bayern2Radio, 26.12.2005) aus. Das Radiofeature lässt Menschen zu Wort kommen, die den Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 in Südostasien erlebt und überlebt haben. Protagonistin ist eine anonyme jüngere Frau.Ihre Tagebuchaufzeichnungen, eine Art innerer Dialog, spiegeln den existentiellen Kampf, im Strudel kaum zu benennender Trauer um den Verlust ihrer Schwester, ihres Schwagers und der kleinen Nichte, eine Balance zu finden. Ein Sprecher gibt Hintergrundinformationen, fragt nach der psycho-traumatologischen, aber auch nach der religiösen Bedeutung dieser Katastrophe. Helfer, Therapeuten, Pfarrer, auch andere Betroffene kommen zu Wort.
Man versteht sehr schnell: Ein Schlussstrich wird unter eine solche Katastrophe nie gezogen werden können. Schließlich aber kann die junge Frau im imaginären Dialog mit ihrer Schwester sagen: „Jetzt sehe ich ein, ich kann Dich nicht festhalten.“ Und später: „Vielleicht ignoriere ich Weihnachten einfach (...). Wahrscheinlich fahre ich ans Grab und zünde eine Kerze für Euch an. (…). Wenn alles lärmt und lacht, fühle ich mich oft einsamer als in der Stille.“
Zur Jurybegründung:
Der Tsunami ist die Geschichte einer Erschütterung im umfassenden Sinn. Die Verlustgeschichte der Protagonistin wird zu einer außergewöhnlichen und exemplarischen Ikonographie bodenloser Trauer, die kaum zu trösten ist. Der Hörer wird in eine Dunkelheit herabgezogen, die nicht mehr nur mit therapeutischer Affektregulation zu heilen ist. Das Hörbild zeichnet hier Unsagbares. Inhaltlich wie radiohandwerklich brillant inszeniert entsteht durch das Feature eine eigentümliche Dynamik. Tod, Verlust, tiefste Bodenlosigkeit - da versagt die Sprache. Zwischen den Zeilen finden sich Aspekte der Hoffnung und Zuversicht, Perspektiven für ein Weiterleben – trotz allem!
Die Autoren weichen der Fassungslosigkeit nicht aus. Nein, sie steigen noch tiefer in sie herab. In einfachen liturgischen Zeichen werden „Weichenstellungen“ im Inneren vorgenommen. Und man meint gerade hier „Anspruch“ und „Übergang“ zu spüren. Sprachlosigkeit, so die Autoren, bedeutet aber nicht Hilflosigkeit. Den Leidenden helfen, solidarisch mit den Opfern sein, Umgangsformen mit dem Leiden finden und auch Dankbarkeit empfinden sind Brücken zum Weiterleben. Rituale bieten Halt im Dunkel der Frage nach dem Warum.
Die Jury ist der Meinung, dass dieser hochauthentische Radiobeitrag ein Musterbeispiel für christliche Grund-Orientierung in menschlichen Grenzsituationen ist.
Die Jury:
Die Jury setzt sich aus Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz, des Katholischen Medienverbandes und der Gesellschaft katholischer Publizisten Deutschlands zusammen. Ihre Mitglieder sind:
Weihbischof Friedrich Ostermann, Münster, Jury-Vorsitzender
Claudia Nothelle, Berlin (ARD-Hauptstadtstudio)
Gisela Steinhauer, Köln (WDR)
Ulrich Engelberg, Essen, (Kirchenzeitung Ruhr-Wort)
Gernot Facius, Bonn (Die Welt)
Bernhard Remmers, Osnabrück (Verlagsgruppe Bistumspresse)
