"Fest an der Seite der Armen"

Geschäftsführer Bernd Klaschka über 50 Jahre Adveniat und die Zukunft des Hilfswerks
Das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat feiert im Jahr 2011 sein 50-jähriges Bestehen. Im Interview mit katholisch.de spricht Geschäftsführer Bernd Klaschka über die Geschichte von Adveniat, die wichtigsten Aufgaben des Hilfswerks in der Zukunft, den Einsatz der deutschen Politik für Lateinamerika und seine Wünsche für das Jubiläumsjahr.katholisch.de: Prälat Klaschka, mit welchen Gefühlen begehen Sie das Jubiläumsjahr "50 Jahre Adveniat"?
Klaschka: Mit Dankbarkeit und großer Freude. Ich bin stolz und glücklich, dass es Adveniat in den vergangenen 50 Jahren gelungen ist, für die Menschen und die Kirche in Lateinamerika ein verlässlicher Partner zu sein. Deshalb denke ich auch, dass wir in diesem Jahr guten Gewissens Grund zum Feiern haben. Das Jubiläum ist Ausdruck der Treue, mit der wir den Menschen in Lateinamerika seit nunmehr fünf Jahrzehnten helfen, ihre Zukunft erfolgreich selbst zu gestalten.Katholisch.de: Wenn Sie auf die Anfangszeit von Adveniat zurückblicken: Welches waren die wichtigsten Wegmarken in den ersten Jahren?
Klaschka: Allen voran natürlich die Gründung der Bischöflichen Aktion Adveniat im Jahr 1961 und in deren Folge der Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz, die zunächst nur als einmalige Spendensammlung geplante Hilfsaktion dauerhaft weiterzuführen. In diesem Zusammenhang muss man auch die Einrichtung der Essener Geschäftsstelle 1965 und die damit einhergehende endgültige Institutionalisierung von Adveniat nennen. Ebenfalls von großer Bedeutung war im Jahr 1963 die Tagung der führenden Bischöfe Lateinamerikas im mexikanischen Cuernavaca. Dort wurden Empfehlungen erarbeitet, welche konkreten Projekte von Adveniat gefördert werden sollten. Diese Tagung hat die Projektpolitik von Adveniat maßgeblich beeinflusst.katholisch.de: Ursprünglicher Auftrag von Adveniat war es, die seelsorgerischen Bedürfnisse in Lateinamerika zu stärken. Inwieweit hat sich diese Aufgabe seit der Gründung des Hilfswerks verändert?
Klaschka: Im Prinzip ist unser Aufgabenspektrum gleich geblieben, allerdings wird der Begriff der "seelsorgerischen Bedürfnisse" heute deutlich weiter gefasst als noch in den 1960er Jahren. Wir richten unsere Arbeit heute stärker an einem ganzheitlichen Menschenbild aus. Das heißt, wir sehen den ganzen Menschen mit all seinen materiellen, geistigen und geistlichen Bedürfnissen.
katholisch.de: Wenn Sie heute auf Lateinamerika blicken: Welches sind aktuell die größten Probleme dieses Kontinents?Klaschka: Das größte Problem ist die immer weiter wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Die Armut in Lateinamerika wächst derzeit schneller als jemals zuvor und die Gruppe derjenigen, die den Anschluss an die gesellschaftliche Mitte dauerhaft zu verlieren drohen, ist in den vergangenen Jahren dramatisch angewachsen. Das zweite große Problem liegt in der pastoralen Herausforderung durch evangelikale Gruppen, die in Lateinamerika enormen Zulauf haben und für die katholische Kirche eine große Bedrohung darstellen.
"Die Frage des Umgangs mit den indigenen Völkern Lateinamerikas ist bis heute nicht beantwortet."
Klaschka: Auch das ist ein großes Problem. Die Frage des Umgangs mit den indigenen Völkern Lateinamerikas ist bis heute nicht beantwortet. Nur wenn es gelingt, dieser Bevölkerung einen angemessenen Platz in der Gesellschaft einzuräumen, kann der Kontinent seine eigene Identität wiederfinden. Hier ist auch die Politik in Lateinamerika dringend gefordert!
katholisch.de: Angesichts dieser vielfältigen Probleme: Welche Aufgaben ergeben sich daraus für Adveniat?
Klaschka: Unser Ziel ist klar: Wir wollen auch in Zukunft fest an der Seite der Armen stehen. Darüber hinaus wollen wir weiterhin ein verlässlicher Partner für die Kirche in Lateinamerika sein und den Solidaritätsgedanken innerhalb der Kirche weiter stärken.
katholisch.de: Wie bewerten Sie das Engagement der deutschen Politik für Lateinamerika?
Klaschka: Die deutsche Politik agiert mit Blick auf Lateinamerika sehr zurückhaltend. Außerdem störe ich mich an einer zu starken Dominanz wirtschaftlicher Fragen. Die vorrangige Orientierung auf ökonomische Aspekte, so wie sie auch im aktuellen Lateinamerika-Konzept der Bundesregierung zum Ausdruck kommt, wird der Vielfalt und den Problemen des Kontinents nicht gerecht. Insgesamt möchte ich die deutsche Politik aufrufen, sich stärker in Lateinamerika zu engagieren.
katholisch.de: Zu guter Letzt: Was wünschen Sie sich zum 50. Geburtstag von Adveniat?
Klaschka: Ich wünsche mir, dass sich die Menschen in Deutschland auch weiterhin solidarisch zeigen mit der Kirche und den Menschen in Lateinamerika. In diesem Zusammenhang möchte ich auch die Gelegenheit nutzen, unseren Spendern und den Kirchengemeinden zu danken, ohne deren Engagement die Arbeit von Adveniat nicht möglich wäre. Es ist auch zukünftig unser Ziel, ein Kanal der Hilfe und der Solidarität von Deutschland nach Lateinamerika zu sein.

