Wenn aus Paaren Eltern werden

Viele können sich nicht vorstellen, wie Kräfte zehrend der Alltag mit einem Baby ist
Wie verändert ein Baby die Partnerschaft? Und wie können junge Mütter und Väter sich am besten in ihrer neuen Rolle zurechtfinden? Über diese und andere Fragen sprachen wir mit Beate Grüterich. Die Diplom-Theologin und –Sozialpädagogin ist Leiterin der Katholischen Ehe-, Familien-, Lebens- und Erziehungsberatungsstelle Nordhorn im Bistum Osnabrück.katholisch.de: Haben junge Familien es heute schwerer?
Beate Grüterich: Ja, denn die Ansprüche an Familie sind gewachsen. Ehe und Familie sollen das Leben bereichern. Und so wünschen sich junge Paare eine Rückzugsmöglichkeit vom heute oft knallharten Arbeitsleben. Diese erhoffen sie sich von der Familie. Hier möchten sie Glück und Geborgenheit finden. Doch die Realität ist eine ganz andere. Heutzutage wird nämlich von einem eher gleichberechtigten Familienmodell ausgegangen. Junge Mütter sollen auf der einen Seite für ihre Kinder sorgen, andererseits aber ihre Berufstätigkeit nicht aufgeben. Das lässt sich in den seltensten Fällen miteinander vereinbaren. Und es kommt zu Konflikten und Enttäuschungen.
katholisch.de: Warum ist das so?
Beate Grüterich: Die meisten jungen Ehepaare wissen nicht, was auf sie zukommt. Viele können sich nicht vorstellen, wie Kräfte zehrend der Alltag mit einem Baby ist. Vor allem Mütter sind oft bis an die Grenze belastet. Junge Paare betonen immer wieder, dass sie sich das so nicht vorgestellt hätten. Die ersten Jahre mit einem Kind sind deshalb für die Partnerschaft eine große Belastungsprobe. Hinzu kommt oft die Unzufriedenheit der jungen Frauen. Sie empfinden die Mutterschaft nicht zuletzt auch als radikalen Einschnitt in ihr Leben. Vorher bestand ein Kräftegleichgewicht. Beide waren berufstätig, hatten Kontakte zu Kollegen. Nun lebt das Paar wieder in alten Rollenmustern: Der Mann sorgt für den Unterhalt der Familie, die Frau bleibt zu Hause beim Kind. Viele Frauen leiden darunter, dass sie beides – Mutterschaft und Beruf – zumindest in der ersten Zeit mit dem Kind nicht leben können.
katholisch.de: Was raten sie jungen Eltern?
Beate Grüterich: Sie sollten sich, bevor ihr erstes Kind zur Welt kommt, im Verwandten- und Freundeskreis umsehen. Wie haben die anderen den Alltag mit dem Baby gemeistert? Wichtig ist auch, bereits in der Schwangerschaft ein soziales Netz aufzubauen. Ein junges Elternpaar braucht viele Helferinnen und Helfer, die bereit sind, auch mal spontan einzuspringen und das Baby zu betreuen. Von großem Vorteil ist auch, jetzt schon Kontakte zu Kreisen junger Eltern zu knüpfen, etwa in Stillgruppen oder Familienkreisen der Pfarrgemeinden. Darüber hinaus bieten Familienbildungsstätten Kurse für werdende Eltern an, in denen sie vieles über die Entwicklung eines Babys in den ersten Lebenswochen und –monaten lernen. Eltern, die wissen, was auf sie zukommt, verhindern Enttäuschungen nach der Geburt.
katholisch.de: Was können junge Eltern für ihre Partnerschaft tun?
Beate Grüterich: Wichtig ist, dass sie nie den Gesprächsfaden verlieren. Jeder sollte seine eigenen Gefühle deutlich machen können, aber auch den liebevollen Blick auf den Partner nicht verlieren. Eine gute Kommunikation braucht Zeit. Die jungen Eltern sollten darauf achten, sich regelmäßig kleine Auszeiten vom Kind zu gönnen. Wiederum ein Zeichen dafür, wie wichtig ein gut funktionierendes soziales Netz ist. Bestimmte Rituale können helfen, die Kommunikation in Gang zu bringen, etwa ein wöchentlicher Spaziergang ohne Baby – das inzwischen von der Oma oder einem Babysitter betreut wird. Wenn beide wie früher Hand in Hand durch den Wald streifen, kommt ein gutes Gespräch automatisch zustande.
Stichwort: Professionelle Beratung
Ehepaare, die Partnerschaftsprobleme oder Schwierigkeiten mit der Erziehung ihrer Kinder haben, sollten den Weg zu einer Beratungsstelle nicht zu lange hinausschieben. In allen deutschen Bistümern gibt es Katholische Ehe- und Familienberatungsstellen. Die Wartezeiten sind unterschiedlich – von einer Woche bis zu etwa drei Monaten. Bei Bedarf sind auch kurzfristige Termine möglich. Die Katholischen Beratungsstellen sind offen für alle Ratsuchenden – unabhängig von Konfession und Weltanschauung. Die Kostenregelung ist in den Bistümern unterschiedlich. In einigen ist die Beratung kostenfrei. In anderen wird nach Selbsteinschätzung ein prozentualer Anteil an Gebühren erhoben. Adressen finden Sie unter http://www.katholische-eheberatung.de/ und http://www.bke.de/ (Bundeskonferenz für Erziehungsberatung). Der Caritasverband bietet auch eine Online-Beratung für alle möglichen Lebenslagen an: http://www.beratung-caritas.de/. Die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/) berät kostenlos und anonym rund um die Uhr unter der Telefonnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222.
Lena Kaufmann
