"Worauf warten wir"

Das Lieblingsweihnachtsgedicht von Stefan Vesper ist "Worauf warten wir" von Armin Juhre
Das unten stehende Gedicht berührt mich seit Langem. Wir feiern ja als Christen nicht nur in einer bestimmten Jahreszeit Advent, sondern unser ganzes Leben hindurch. Dieses dauernde, ständige Warten und Sehnen nach dem Kommen des Reiches Gottes bringt Juhres Gedicht in gute Worte. "Jahr um Jahr", "Tag um Tag" beschreibt diese Lebenshaltung.Es ist eine Lebenshaltung, die einen vor Resignation schützt, wenn schnelle Erfolge ausbleiben. Und es ist eine Lebenshaltung, die einen vor Übermut und Überheblichkeit schützt, wenn man einmal schnelle Erfolge erzielt. Das Gedicht sagt im Grunde: Es gibt immer Größeres, Größeres als diese oder jene Niederlage, aber auch als diesen oder jenen Erfolg. Es gibt Größeres als unsere kleinen Wünsche, Größeres als unsere kleinen Genugtuungen.
Existentiell wie das Hungergefühl
Und es beschreibt auch die Alternative: Auf "nichts" warten geht für mich als Christ nicht. Eine "Alternative" zum Warten auf IHN, also zum Warten auf das Reich Gottes, gibt es für mich nicht. Das hier gemeinte "Warten" ist fast wie Atmen, ist etwas Existentielles wie das Hungergefühl. Es gehört zu so etwas wie der "conditio humana" des Christen.
Juhre erinnert uns auch daran, ja er mutet uns sogar zu, dass wir uns eingestehen, denjenigen, auf den wir warten, nicht zu kennen. Der, auf den wir warten, ist immer Größer, ist immer anders. Aber "Er" kommt. Adolf Exeler, ein großer Religionspädagoge des letzten Jahrhunderts, hat einmal gesagt: "Wahrheit, die mich existentiell berührt, kommt auf zwei Beinen…" Auch hier begegnet uns das Wort vom "Kommen". Auch dies wäre also ein adventlicher Satz. Er ruft uns auf und lädt uns ein, das Leben zu deuten und uns zu fragen, wo in unserem alltäglichen Leben sich sein Kommen schon jetzt andeutet.
Es geht um eine adventliche Haltung – des ganzen Lebens. Es geht um unseren "Alltag", Jahr für Jahr, Tag für Tag. Das will die so schöne jahreszeitlich-liturgische Zeit nicht schmälern oder klein machen. Es weist nur darauf: Unser "Warten" ist größer als die 24 Tage vor Weihnachten, es ist stärker als die Ungeduld vor dem großen Fest, es ist tiefer als eine Art Count-down vor der Christmette. Es ist eine Lebenshaltung der Offenheit und der Sehnsucht, der Treue und des Glaubens. Und der Zuwendung zum Menschen, dem Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden.
Die Schlussfrage "oder wartet Er auf uns?" frappiert, sie "stört", sie fordert heraus: Wo ist unsere "Antwort" auf SEIN Warten auf uns? Sind wir passiv – oder münzt sich unsere Sehnsucht um in Taten, in Werke der Barmherzigkeit?
Werden wir Menschen, an deren Leben man die "Wahrheit" erspüren kann, die auf zwei Beinen kommt?
Von Stefan Vesper
Worauf warten wir
Worauf warten wir
Jahr um Jahr.
Tag um Tag.
Heute. Jetzt.
Oder warten
wir auf nichts.
Kennen wir den
der kommen wird
oder den
der wiederkommt
oder den
der immer da war.
oder wartet
Er auf uns?
Armin Juhre
Hinweis: Das Copyright liegt beim Lutherischen Verlagshaus, Hannover 2001. Das Gedicht ist erschienen im Band "Frieden will geboren sein. Advents- und Weihnachtsgedichte" von Armin Juhre im Lutherischen Verlagshaus.
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