Gemeinschaft der Gläubigen

Die neu gestaltete Würzburger Augustinerkirche sorgt für Diskussionen
Ein Gotteshaus spaltet die Gemüter. Seit die Augustinerkirche in der Würzburger Innenstadt Ende November 2011 nach 15 Monaten Renovierung wieder ihre Pforten geöffnet hat, polarisiert der neu gestaltete Innenraum. Wie sehr, zeigt sich auf der Facebook-Seite der Kirche: "Als ich die Bilder des Umbaus gesehen habe, war ich tief erschüttert", kommentiert ein entsetzter User. Ein anderer ist begeistert: "Glückwunsch zu diesem schönen Ort lebendigen Glaubens. Und Glückwunsch zum Mut, den Kirche da zeigt. Ich bin sehr beeindruckt", lautet sein Kommentar.Der Innenraum der im Barockstil erbauten Kirche in der Fußgängerzone hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verändert. "Manche Gläubige erkennen die Kirche gar nicht mehr wieder", sagt Bruder Peter Reinl, Prior der Würzburger Augustiner. Sehr schlicht kommt der Raum daher. Bunte Wandfarben sind einem weißen Anstrich gewichen, das barocke, in Gold gefasste Altargemälde verschwindet für einen Teil des Kirchenjahres hinter einem modernen Ölgemälde. Kernstück der Umgestaltung ist jedoch die ungewöhnliche Anordnung der Sitzbänke und der zentralen liturgischen Orte: Statt vieler paralleler Sitzreihen, die zum Altar ausgerichtet sind, stehen um 90 Grad gedrehte Holzstühle in wenigen, aber dafür sehr langen Reihen längs im Mittelschiff. Sie bilden die beiden Seiten einer Ellipse, in deren Mitte der Altar und der Ambo als Lesepult stehen – mitten in der Kirche.
Dem Gegenüber beim Beten in die Augen schauen
"Communio-Raum" nennen Fachleute wie Klaus Peter Dannecker vom Deutschen Liturgischen Institut eine solche Sitzordnung, die verstärkt nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil aufkam. Dort beschlossen die Kirchenväter eine Liturgiereform. "Die Gemeinde sollte fortan stärker in den Gottesdienst eingebunden werden", erklärt Dannecker. Früher stand der Altar weit weg von den Gläubigen direkt an der Kirchenwand, der Priester hielt mit dem Rücken zu ihnen in lateinischer Sprache die Messe. Seit dem Konzil rückt der Altar weiter in die Kirche hinein, der Priester wendet sich den Gläubigen zu, feiert die Messe in ihrer Muttersprache und spricht sie bei der Verkündigung der Bibeltexte und in der Predigt vom Ambo aus direkt an.
All diese Überlegungen versucht das Konzept der Communio-Räume konsequent umzusetzen und weiterzuentwickeln. Es betont die vom Konzil herausgestellte Gemeinschaft der versammelten Gläubigen, die Communio, und möchte sie besser erfahrbar machen. "Der Ambo und der Altar bilden gleichberechtigt die Mitte der Gemeinde. Sie stellen Christus in Wort und Sakrament dar", sagt Klaus Peter Dannecker.
Nicht überall kommt das gut an. Mancher Gottesdienstbesucher fühlt sich durch die elliptische Sitzordnung von den anderen beobachtet und im eigenen Gebet gestört. Einige Gemeinden sind sogar von einem bereits ausgebauten Communio-Raum wieder zur alten "Omnibusform" mit den parallel hintereinander aufgestellten Reihen zurückgekehrt, berichtet Klaus Peter Dannecker. Dafür sind Communino-Räume dort häufiger, wo Menschen in einer Gruppe Gottesdienst feiern – so etwa in Klöstern oder katholischen Bildungshäusern, wo Ordensleute oder die Kursteilnehmer zusammen die Eucharistie feiern.
Herausforderung für den Priester
Auch im Klerus ist das Konzept nicht unumstritten. Denn es stellt den Zelebranten vor neue Herausforderungen. Das weiß Albert Gerhards, der nicht nur Professor, sondern auch Priester ist, aus eigener Erfahrung: "Der Priester steht eben nicht ‚sicher‘ hinter dem Altar, so wie ein Verkäufer hinter einer Theke". Durch die neue Sitzordnung bewegt sich der Pfarrer an Ambo und Altar in der Mitte seiner Gemeinde: "Man kann da nicht auftreten wie ein Showmaster vor einem Publikum. Es geht um die Balance, präsent zu sein, sich aber auch zurücknehmen zu können", erklärt Gerhards und fügt hinzu: "Wenn man dann auf eine lebendige Gemeinde trifft, kann man tolle Gottesdienste feiern". In der Würzburger Augustinerkiche gibt es gar keine eigene, exponierte Sitzgelegenheit mehr für den Priester. Er und die Messdiener sitzen inmitten der Gläubigen.
Mit ihrer neugestalteten Kirche wollten die Patres eine Art "Marktlücke" schließen. "Wir haben uns gefragt: Was können wir anbieten, was es in der mit katholischen Kirchen reichlich bestückten Innenstadt noch nicht gibt", erklärt Bruder Peter Reinl. Seit der Neueröffnung habe sich das Publikum in den Gottesdiensten verändert: "Hinzugekommen sind Suchende, die sich durch die konventionellen Angebote der Kirchen nicht mehr angesprochen fühlen", so ist Reinls Erfahrung. "Es gibt aber auch Menschen, die nicht mehr kommen, weil ihnen ‚ihre‘ alte Kirche fehlt".
Insgesamt seien die Rückmeldungen, die er persönlich bekomme, aber überwiegend positiv. Über mangelnde Aufmerksamkeit jedenfalls können sich die Augustiner nicht beschweren – allein unter das Bild bei Facebook, das die neue Bestuhlung vorstellt, setzten die User mehr als 30 Kommentare.
Von Gabriele Höfling
Literaturhinweis: Albert Gerhards, Thomas Sternberg, Walter Zahner (Herausgeber): Communio-Räume. Auf der Suche nach der angemessenen Raumgestaltung katholischer Liturgie. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2003.
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