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Katholischer Medienpreis 2006  Seite drucken

Ein Strom der Liebe

Katholischer Medienpreis 2006 Laudatio Hans Barbier
© katholisch.de
Hans D. Barbier hält die Laudatio für den Preisträger Mario Kaiser.

Laudatio von Hans D. Barbier für den Preisträger "Print" im Wortlaut

Journalisten sprechen vom „Stück“, wenn sie eine gute Geschichte meinen, eine außergewöhnliche Reportage, eine Analyse, die Maßstäbe liefert und Einsichten ermöglicht. „Schönes Stück“ rufen sie dem Kollegen über den Redaktionsflur zu. Mehr Lob wäre nicht standesgemäß. Und der verbal so Schulterbeklopfte antwortet mit „Na, ja“ und ist nicht wenig stolz. Das kann er auch sein. Denn so was wird nicht jeden Tag über jeden Redaktionsflur gerufen. Knappheit hält die Maßstäbe hoch.

Gute Medienhäuser üben Kargheit

Soviel zur Belobigungskultur unter Journalisten. Die hat übrigens auch ihren guten marktwirtschaftlichen Sinn: Produzenten, die sich ausschweifend selbst lobten, würden mit der Zeit eine Neigung entwickeln, dies mit der Zufriedenheit ihrer Kunden zu verwechseln. Gute Medienhäuser tun das nicht. Dort übt man sich in Kargheit. Wir aber, hier und heute unter dem vor Hybris schützenden geistlichen Dach der Deutschen Bischofskonferenz, loben gerne Mario Kaiser.

Was ist das nun für ein „Stück“, für das Mario Kaiser mit dem Katholischen Medienpreis 2006 ausgezeichnet worden ist? Nichts, was prohibitiv hohe Reisekosten verursachte. Alles ist hier in unseren – in deutschen - Gegenden vorfindlich. Wir lernen – als Besucher geführt vom Reporter – ein paar Personen kennen. Auf Usedom den Dr. André Wagner. Kein Bäderarzt, sondern einer von denen, die – so Mario Kaiser – „den Sozialstaat an seinen Bruchstellen zusammenhalten, als letzte Verbindung der Unterschicht und der Gesellschaft“.

In Leipzig treffen wir Gabi Eßbach in der Koordinierungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Sie versucht, Frauen zu helfen, die im Suff willenlos schwanger werden und dann, ob in abtreibender Absicht oder nicht, wahllos Medikamente nehmen, die sich aber auch nicht ungeplant als nützlich erweisen, wenn die Schwangere von ihrer daueralkoholisierten Zufallsbekanntschaft in den Bauch getreten wird.

Halt für Heruntergefallene

In Hamburg begegnen wir Burkhard Czarnitzki. Er ist einer von denen, die wir auch auf deutsch immer noch Streetworker nennen. Dabei sind doch die Zeiten längst vorbei, da wir das Elend und die Gefährdungen von Bahnhofsvierteln mit geographischen Chiffren wie Bronx und Soho in beruhigend weite Fernen transportierten.

Zu Besuch mit Mario Kaiser lernen wir Menschen kennen: Heruntergefallene und einige von denen, die sich bis weit über den Rand ihrer eigenen Erschöpfung hinaus bemühen, den Heruntergefallenen so etwas wie einen letzten Halt zu vermitteln. Durch die Arbeit dieser Menschen – sagt die Jury in einem beneidenswert schönen Sprachbild – „fließt ein Strom der Liebe“. Es ist nicht die geringste Leistung des „Stückes“ von Mario Kaiser, uns Leser so an diesen Strom der Liebe herangeführt zu haben, dass wir – wenn auch vertreten durch die Jury – selbst zu diesem Bild fanden.

Zu dieser Welt, die für den Glauben des Christen durch den Willen des Schöpfers intrinsisch eine Welt der optionalen Freiheit ist, gehört der Strom der Liebe. Aber es ist mit der optionalen Freiheit  eben immer auch die Möglichkeit des Scheiterns bei der Suche nach den schöneren Plätzen verbunden. Davon handelt auf ihre Weise die  Reportage von Mario Kaiser. Man spürt, dass er es nicht für in guter Ordnung hält, was ein Land wie Deutschland für eine größer werdende Zahl von Menschen an Chancenverteilung bereithält. Die Zeichnung der handelnden Helfer und der Situation der gesellschaftlich, wirtschaftlich und sozial Gestrauchelten steht auch für eine unausgesprochene Kritik am System: Wo liegt der Konstruktionsfehler des Sozialen, der Helfer und Notleidende in solche Situationen bringt?

Dem Bekenntnishaften nähern

Es gehört zu den Vorzügen dieser Reportage, dass sie sich nicht dem deklamatorischen Usus anschließt, eine reichlichere Dotierung des Sozialstaats alternativ oder kumulativ durch den Verzicht auf alle Verteidigungsausgaben, durch die Abschaffung der Abschreibung auf Anlageinvestitionen der Konzerne oder durch eine Sondersteuer auf subventionierte Theaterkarten für Großindustrielle zu fordern.

Doch Mario Kaiser ist dennoch erkennbar unwohl bei der - seinem Reportagetext unterliegenden - Betrachtung der Bilanzen und der Konstruktionspläne des deutschen Sozialstaats. Ob er das ausdrücklich schreibt oder nicht: man merkt es beim Lesen. Und zu Unwohlsein besteht wahrlich Anlass. Es macht nicht den geringsten Teil des aufklärerischen Wertes dieser Reportage, dass sie zeigt, was sich so tut und nicht tut im blinden Winkel „unseres“ – wie die Politiker so gerne sagen – Sozialstaates.

Und da wir uns nun dem – wenn auch nicht im konfessionellen Sinne – Bekenntnishaften nähern: Der hier laudierende, stets marktwirtschaftlich ausgerichtete Ordnungspolitiker ist gerne bereit, an Mario Kaisers Seite zu treten, wenn es gilt, in der Welt der optionalen Freiheit einen ökonomisch stabileren Pfad zu verlässlicher Solidarität zu finden. An Freiheit wäre dabei kein Verlust hinzunehmen. Und den Helfern würde es nicht so schwer, denen unter uns im Wortsinne zur Seite zu sein, die sich vorübergehend oder auf Dauer nicht in der faszinierenden Welt der vom Schöpfer geschaffenen Freiheit zurechtzufinden. Gute Sozialpolitik ist ein Gewinn an Freiheit.

Doch das ist heute nicht unser Thema. Heute ist der Tag der Preisträger. Wir wollen sie loben. Wir tun es gerne.

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