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"Mehr Pop, mehr Regionales, mehr Gregorianik"

Kirchenlied-Experte Professor Hermann Kurzke
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Kirchenlied-Experte Hermann Kurzke.

Kirchenlied-Experte Kurzke über Trends beim Kirchenlied

Was wäre die Christmette ohne "Stille Nacht", der Weltjugendtag ohne Hymne? Lieder gehören zum Gottesdienst wie Kerzen oder Blumen. Sie verleihen einer Messe die Festlichkeit. Das gemeinsame Singen der Gemeinde hat heute den gleichen Stellenwert wie die Predigt. Durch die Lieder erfahren die Menschen den Glauben auf intensive Weise. Der Mainzer Kirchenlied-Experte Hermann Kurzke spricht im katholisch.de-Interview über religiösen Rap, gregorianische Gesänge und Online-Kirchenlieder zum runterladen.

katholisch.de: Herr Kurzke, wer heute regelmäßig am Gottesdienst teilnimmt, kennt vor allem das traditionelle Strophenlied mit vier oder fünf Strophen. Gibt es daneben auch noch andere Formen des Kirchenliedes?

Kurzke:  Ja, es gibt zum Beispiel Lieder, die als Frage- und Antwortspiel gesungen werden. Ein Vorsänger singt die Strophe und die Gemeinde antwortet mit dem Refrain. Diese Art des Singens stammt aus dem Mittelalter. Damals wurden besonders auf Wallfahrten ellenlange Lieder gesungen, die die Pilger niemals auswendig lernen konnten. Dank des Vorsängers mussten sie nur den Refrain beherrschen.

katholisch.de:  Können Sie sich vorstellen, dass diese Kirchenliedform wieder modern wird?

Kurzke: Tatsächlich gibt es heute Bestrebungen, solche alten Formen wieder zu bringen. Experten streiten seit langem darüber, dass viele Lieder zu schwer sind für die Gemeinden. So waren viele Barocklieder ursprünglich Soloarien. Einige wünschen sich daher, dass der Solosänger wieder eine stärkere Rolle im Gottesdienst spielt.

katholisch.de: Würde sich damit auch die Auswahl der Lieder verändern?

Kurzke: Ja, man könnte ganz andere Lieder in den Gottesdienst aufnehmen. Vieles aus der Popkultur - etwa religiöser Rap - eignet sich gut für den Gottesdienst. Aber diese Songs kann man natürlich nicht als traditionelles Strophenlied singen. Man bräuchte neue Sänger, Gruppen und Instrumente in der Kirche. Auf diese Weise könnte man auch mal die Einheitlichkeit des deutschen Kirchenlieds aufbrechen.

"Ich würde mir wünschen, dass die einzelnen Regionen wieder mehr ihre eigenen Lieder haben."

katholisch.de: Das klingt, als würden Sie sich eine größere Liedervielfalt in der Kirche wünschen...

Kurzke: Ja. Ich würde mir außerdem wünschen, dass die einzelnen Regionen wieder mehr ihre eigenen Lieder haben. Das "Gotteslob" könnte einen Grundstock bieten, der durch Lieder der Gemeinden ergänzt wird. Der Regionalanhang im Gesangbuch wäre dann keine zusammengeschusterte Sammlung, sondern ein selbstbewusstes Zeugnis der Region.

katholisch.de: Derzeit entsteht eine Neuausgabe des "Gotteslob", was wird denn da überhaupt drin stehen?

Kurzke: Momentan wird noch diskutiert, was darin aufzunehmen ist, also wie viele alte Lieder und wie viele neue. Zum einen werden sicher noch mehr evangelische Lieder als bisher übernommen. Zum anderen könnten auch viele Neue Geistliche Lieder drin stehen.

katholisch.de: Was versteht man unter dem Neuen Geistlichen Lied?

Kurzke: Das ist eine Erscheinung, die es seit den sechziger und siebziger Jahren gibt. Es ist keine deutsche Erfindung. Das sieht man an den Unmengen von englischen, niederländischen und skandinavischen Übersetzungen - an Namen wie Huub Oosterhuis oder Anders Frostenson, von dem das beliebte und umstrittene "Herr, deine Liede ist wie Gras und Ufer" stammt. Zu dieser Musikrichtung gehören auch Taize-Gesänge, die meist auf alten liturgischen Texten beruhen, oder Anlehnungen an Spirituals, an Popsongs, an Schlager. Auch deutsche Autoren wie Peter Janssens oder Lothar Zenetti oder Manfred Siebald gehören dieser Strömung an.

katholisch.de: Wird daneben auch altes Liedgut aufgenommen, etwa Gregorianische Gesänge?

Kurzke: Nun, wo der Papst die alte Lateinische Messe wieder zulässt, ist es möglich, dass auch der Anteil Gregorianischer Gesänge wieder zunimmt. Die lateinischen Choräle stammen aus den mittelalterlichen Melodien der Mönche und sind eigentlich sehr beeindruckend. Obwohl sie lange Zeit nur mündlich überliefert wurden, haben sie sich seit 1.000 Jahren nicht verändert. Trotzdem frage ich mich, ob die Gemeinden sie annehmen, weil die meisten das Latein wohl nicht mehr verstehen werden.

katholisch.de: Das Gotteslob könnte also von lateinischen Chorälen bis zum modernen Popsong ganz unterschiedliche Richtungen des Kirchenliedes aufnehmen. Platzt das Büchlein dann nicht aus allen Nähten?

Kurzke: Ich denke, dass man im Zeitalter des Internet nicht mehr unbedingt ein Gesangbuch brauchen wird, das alle Lieder enthält. Stattdessen könnte das Gotteslob den traditionellen Kern bilden und darüber hinaus könnte sich jede Gemeinde etwas aus dem Internet ziehen und ausdrucken. In der Gesangbucharbeit gibt es auch eine ganz radikale Fraktion, die sagt: Wir brauchen überhaupt kein Gotteslob mehr, wir stellen 3.000 Lieder online und jede Gemeinde lädt sich ihre eigene Liedersammlung herunter.

Das Interview führte Janina Mogendorf
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