Das größte Sportereignis für geistig Behinderte
Köhler kommt zum Eröffnungsspiel einer WM der besonderen Art
Köln (KNA) Weltmeister? "Oh, das wird schwer", sagt Fußball-Nationalspieler Adolf Blum zurückhaltend. "Titelverteidiger England ist besser als wir. Und", fügt der 36-Jährige kurz vor einem Trainingsspiel schüchtern hinzu, "außerdem gibt es bei uns oft Probleme mit dem Benehmen." Der Verteidiger aus Friesland weiß, wovon er spricht. Drei Europa- und zwei Weltmeisterschaften hat er hinter sich. Der stämmige Spieler, der stolz im ausgedienten DFB-Nationaltrikot auf den Platz läuft, tritt zum dritten Mal zu einer WM der besonderen Art an: zur WM der Menschen mit geistiger Behinderung.Am Sonntag wird das größte Sportereignis, das es je für geistig Behinderte in Deutschland gab, mit einer bunten Feier in Köln eröffnet. Zum Auftaktspiel zwischen Deutschland und Japan am Dienstag in Duisburg hat sich Bundespräsident Horst Köhler angesagt. Er will den Startschuss zur "kleinen WM" geben. 16 Nationalteams sind zugelassen, berichtet Teammanager Wolfgang Warnke. Fernsehmoderator Johannes B. Kerner, Botschafter dieser WM, hat die Auslosung der Spielpaarungen vorgenommen. Neben Deutschland, England, Brasilien und den Niederlanden spielen Österreich, Ungarn, Japan, Nordirland, Portugal, Saudi-Arabien, Mexiko, Südkorea, Frankreich, Polen, Russland und Südafrika.
Die meisten deutschen Kicker kommen aus Behindertenwerkstätten und Sonderschulen, sagt Nationaltrainer Willi Breuer. Seine Jungs leben in betreuten Wohngemeinschaften oder bei den Eltern. Im Alltag kämen sie alleine kaum zurecht. Geistig sind sie auf dem Stand eines Zehnjährigen, so Breuer. "Leider läuft das Training meist ehrenamtlich und mit wenig Geld ab", beklagt Manager Warnke. "Sonst könnten wir mehr aus den Jungs herausholen." So spielen die Mannschaften auf Kreisliganiveau. Bei der Behinderten-WM gelten FIFA-Regeln - mit dem Unterschied, dass alle 16 Platzierungen ausgespielt werden. 30 der 48 Spiele finden in Nordrhein-Westfalen statt, die weiteren in Bayern, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Das Spiel um Platz 3 wird am 15. September in Essen ausgetragen, das Finale am 16. September in in Leverkusen.
Podolskis Ex-Trainer
Aufregung auf dem Platz. Beim Trainingsspiel läuft nicht alles so, wie Trainer Breuer es sich wünscht. In der Kabine heizt der Coach, der als Jugendtrainer des 1. FC Köln früher Talente wie Lukas Podolski betreute, seiner Mannschaft ein. Mittelfeldspieler Timo Mummert zupft sich beim Zuhören aufgeregt am Trikot mit der Nationalflagge. Für den 22-Jährigen aus Wolfenbüttel erfüllt sich mit der WM-Teilnahme ein Traum, wie er mit roten Wangen gesteht.
In den vergangenen Monaten hat Breuer mit den Spielern hart gearbeitet. 60 Jungs hat er gesichtet und im Mai den Kader aus 20 Spielern gebildet. Seitdem hatte er vier Lehrgangswochenenden und zwei Länderspiele Zeit, um ein Team zu formen. Vor allem Koordination und Schnelligkeit mussten gefördert werden, so Warnke, der im Hauptberuf pädagogischer Mitarbeiter einer Behinderteneinrichtung der Caritas ist.
Bei der Behinderten-WM geht es um mehr als Fußball: Parallel zu den Spielen startet eine Sympathiekampagne mit Veranstaltungen an 41 Austragungsorten. "Wir wollen zeigen, dass auch geistig Behinderte leistungsfähig sind", sagt Sprecherin Sabine Schmitz. So soll die Integration der Behinderten verbessert werden. Im Mittelpunkt steht die Begegnung zwischen den WM-Teilnehmern und der Bevölkerung - etwa bei Partys in München, Hannover, Hamm und Salzwedel. Außerdem sind mit Hilfe von Ex-Nationaltrainer Rudi Völler, der Werbung für die WM gemacht hat, mehrere hundert "WM-Teams" zusammengekommen: Die aus einem Behinderten und einem Nicht-Behinderten bestehenden Tandems helfen während der WM als Gästebegleiter, Mannschafts- oder VIP-Betreuer aus.
Deutschland immer Dritter
Das ausgefeilte Rahmenprogramm ist ein Novum in der zwölfjährigen Geschichte dieser WM, bei der Deutschland drei Mal Platz 3 belegte. Laut Reglement des Weltverbandes der geistig behinderten Sportler INAS-FID darf der IQ der Kicker 75 nicht übersteigen.
Das wird zu Beginn in psychologischen Tests geprüft. Die Organisation hat die gemeinnützige GmbH "Fußball-WM 2006 der Menschen mit Behinderung" übernommen. Dahinter stehen der Deutsche Behindertensportverband, die Vereinigung Lebenshilfe sowie deren NRW-Landesverbände. Diese Organisationen zahlen den Großteil der Kosten in Höhe von drei Millionen Euro. Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat etwas dazugegeben.
Schon die Eröffnungsfeier am Sonntag dürfte zur großen Show werden: In der KölnArena werden ab 15.00 Uhr nicht nur die Spieler hinter ihren Nationalfahnen einlaufen, auch zahlreiche Musik- und Tanzdarbietungen sind vorgesehen. Dabei ist auch die Kölner Kultband BAP mit Frontsänger und Fußballfan Wolfgang Niedecken. Moderatoren sind RTL-Star Ulrike von der Groeben und Radioreporter Manni Breuckmann. Jede Menge Prominenz hat sich für das erste Spiel am Dienstag angesagt, darunter NRW-Landtagspräsidentin Regina van Dinther und die Sportgrößen Jürgen Hingsen, Rolf Milser und Reiner Callmund.
Fehlen nur noch die Fußballfans, die nach dem Wunsch der nordrhein-westfälischen Behindertenbeauftragten Angelika Gemkow ihre schwarz-rot-goldenen Fahnen wieder auspacken und in großen Scharen kommen sollen. "Die Fußball-Party geht in die nächste Runde", sagt Gemkow. Mit dem Besuch eines Spiels könne jeder zeigen, dass ihm die gesellschaftliche Teilhabe von Behinderten ein wichtiges Anliegen sei. Fußballer und Fans aus aller Welt sollten auch bei dieser WM "zu Gast bei Freunden" sein. Für Spieler Mummert jedenfalls steht fest: "Für Deutschland zu spielen, das ist das Größte."
Von KNA-Redakteurin Viola van Melis
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