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26.10.06 Seite drucken

"Kleines Stück Paradies"

Pater Barzen sieht bei den Pilgern in Lourdes eine "ganzheitliche Erfahrung".

Pater Uwe Barzen betreut die deutschen Pilger in Lourdes

26.10.06 - "Viele kommen mit der Erwartung, von ihrem körperlichen Leid geheilt zu werden und erleben etwas ganz anderes." Pater Uwe Barzen hat etwas entfernt von der Grotte Platz genommen. Vom gegenüberliegenden Gave-Ufer beobachtet er die Menschenmenge, die sich am Felsen vorbei in Richtung Kerzenständer schlängelt. Ein kühler Wind weht das nicht aufhörende "Ave Maria" der wartenden Pilger vor den Bädern über den Fluss zu ihm herüber. "Die meisten erfahren einen inneren Trost im Umgang mir ihrer Krankheit oder Behinderung – und das allein schon ist eine wunderbare Sache."

"Wunderbar." Was gibt diesem Ort die Ausstrahlung, so "wunderbar" zu wirken? "Lourdes wirkt als Gesamtbild", sagt der Oblaten-Pater aus dem Bistum Trier. Vor etwa vier Jahren ging er nach Lourdes und ist seither für die deutschsprachige Pilgerseelsorge zuständig. 40.000 angemeldete Wallfahrer sowie ungezählte weitere Gruppen und Einzelpersonen kommen jährlich aus dem deutschsprachigen Raum. Speziell für sie werden täglich heilige Messen, Beichtgelegenheiten oder auch Kreuzweggebete angeboten. "Zur ganzheitlichen Erfahrung der Pilger in Lourdes gehört aber noch viel mehr."

Die "Zeichen von Lourdes" spielen dabei eine zentrale Rolle, sagt er. Jene, die sich nach den Marienerscheinungen vor etwa 150 Jahren in der Wallfahrtsgeschichte weiterentwickelt hätten. Barzen blickt auf die Bewegung vor der Grotte. "Wenn ich mir das 'Ensemble' heute anschaue, dann ist für viele dort ein kleines Stück Paradies entstanden." Der Ort sei in der Lage, tief in den Menschen ein Gefühl zu entwickeln, das Ängste nehme und wohltuend wirke.

Ursprüngliche Mittel

Mit welchen Mitteln? "Mit ganz einfachen, ursprünglichen Mitteln", sagt er und zeigt wieder hinüber. "Wasser, Felsen, Licht – das sind die Zeichen von Lourdes." Das Wasser, das die heilige Bernadette auf Geheiß Marias gefunden habe. Der markige Stein der Höhle, in dem die Gottesmutter dem Hirtenmädchen 18 Mal erschien. Und das Licht, das nach dem "Kerzenwunder" eine besondere Bedeutung für Lourdes entwickelte: Die Flamme einer Kerze hatte damals während einer Erscheinung lange um die Hand der Heiligen gezüngelt – ohne sie zu verbrennen.

"Alles wichtige, biblische Zeichen, die mit ihrer Lebendigkeit seither immer mehr an Aussagekraft entwickelt haben." Wichtig auch, weil sie greifbar seien und damit nicht im Theoretischen stecken blieben. "Hier kannst du die Nähe Gottes wirklich spüren – anfassen, schmecken, sehen…" Der nackte Fels, der berührt wird, die Lichterprozession mit zehntausenden Kerzen am Abend, der wohltuend kühle Schluck aus dem Quellwasser. Er selbst lasse sich hin und wieder in den Bädern baden: "Eine wunderschöne Erfahrung – du fühlst dich nachher wie neu geboren."

Sinnlich Glauben – etwas, was den Glaubenden wohl tue. In Lourdes stehe das "Programm" dafür und erniedrige die "Hemmschwelle", sich so "sinnlich" auszuleben. "Natürlich gehört da die Erfahrung dazu, dass hier die ganze Welt zusammenkommt und im Glauben genau das Gleiche sucht." Ein Trend gegen eine "Sinnblindheit", die sich in der Kirche sonst manchmal breit macht? "Seelsorge in den Gemeinden kann da von Lourdes sicher ein wenig lernen." Jene Sehnsucht zu erkennen, mit denen die Menschen nach "spürbaren Sinnbildern" suchten. "Wasser und Feuer etwa können auch Platz in jedem Sonntagsgottesdienst finden."

Nur wenig Routine

Nimmt er diese spürbare Dichte in Lourdes selbst noch wahr? "Es wird natürlich ein Stück auch Routine, wenn man längere Zeit hier ist." Trotzdem mache er sich immer wieder bewusst, welche besondere Ausstrahlung Lourdes für jeden einzelnen Menschen bereithalte. Rückzugsgebiete für sein geistliches Leben gäbe es ausreichend, vor der Grotte genauso wie etwas abseits. "Und vor allem im spirituellen Leben in meiner Kommunität."

Sein Blick geht noch einmal hinüber zur Grotte. Strahlend weiß zeichnet sich die Marienstatue vor dem dunkelgrauen Felsen ab. Färbt die marianische Spiritualität ab? "Insofern, dass sie eine Spiritualität ist, die zu Gott führt: ja." Es sei ein Missverständnis, dass sich in Lourdes alles um Maria drehe: "Sie ist eine Nebenperson, die auf Christus verweisen will."

Wer bei seinen Wegen durch Lourdes genau hinschaue und hineinfühle in die Ausstrahlung des Wallfahrtsortes würde das "heraushören" können. Wie vieles andere. "Denn Lourdes bleibt eine individuelle Erfahrung." Eine Erfahrung, für die es eine breite Angebotspalette gebe. Und Barzen ist sich sicher, dass von diesem Angebot niemand enttäuscht zurückkehren könne. "Jeder erlebt seine eigene kleine oder große wundersame Entwicklung."

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