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17.10.06 Seite drucken

Energie bringendes Einlassen

Dr. Franz Karl Simons begleitet seit vielen Jahren Pilgerfahrten mit kranken und behinderten Menschen nach Lourdes.

Interview von kirchensite.de

17.10.06 - Münster. Dr. Franz Karl Simons aus Selm begleitet seit 1995 regelmäßig Pilgerfahrten mit kranken und behinderten Menschen nach Lourdes. Der 77-jährige, pensionierte Allgemeinmediziner ist dabei für die medizinische Pflege und Betreuung der Pilger zuständig. "kirchensite.de" sprach mit ihm über die medizinische Sicht auf den Wunderglauben von Lourdes.

kirchensite.de: Wo beginnt das Wunder? Gibt es eine klare Grenze für den Mediziner?

Simons: Ich denke schon. Wenn eine Krankheit, die als unheilbar eingestuft wird, trotzdem eine spontane Heilung erfährt, wird dieses Geschehen als Wunder bezeichnet. Anders gesagt: Sobald es irgendeine wissenschaftliche Erklärung für einen Krankheitsverlauf gibt, ist es kein Wunder mehr.

kirchensite.de: Mit Blick auf Lourdes: Wie wird das geprüft?

Simons: Sehr intensiv. Allein an der Tatsache, dass von etwa 6.000 dokumentierten Heilungen bislang nur 67 offiziell als Wunder anerkannt wurden, ist zu sehen, wie ernst diese Prüfung genommen wird. Dabei geht der einzelne Fall durch viele Instanzen. Voruntersuchungen, Krankheitsbild, Krankheitsverlauf, Nachuntersuchungen – alles wird mehreren, internationalen Spezialisten vorgelegt. Erst wenn die Heilung all diesen Blicken hundertprozentig standgehalten hat, besteht die Möglichkeit, dass sie von Seiten der Kirche zu einem Wunder erklärt wird.

kirchensite.de: Was sagt die Medizin zu solchen unerklärbaren Heilungen?

Simons: Sie nennt sie Spontanheilungen. Wenn der Naturwissenschaftler keine Erklärung hat und nicht gläubig ist, zieht er sich auf eine solche Benennung zurück. Er sagt, das ist eine unerklärliche Entwicklung, die es in der Natur hin und wieder gibt. Der Gläubige benennt es als Wunder.

kirchensite.de: Die Medizin hat sich weiterentwickelt. Ist es heute schwieriger geworden, ein Wunder zu finden?

Simons: Es ist schwieriger geworden, weil man heute viel mehr Möglichkeiten hat, Krankheitsentwicklungen zu analysieren. Die Grenze zur Unerklärlichkeit und damit zum Wunder hat sich verschoben. Aber diese Grenze gibt es immer noch.

kirchensite.de: Könnten bei den Heilungen von Lourdes gerade auch psychosomatische Erklärungen greifen?

Simons: Natürlich spielt bei vielen Heilungen die Psyche eine wichtige Rolle. Wenn ich auf der Wallfahrt nach Lourdes gute Gespräche führen kann, wenn ich mich im Gebet von Dingen befreien kann, wenn ich mich mit einem festen Glauben an eine Heilung auf den Weg mache, dann kann das förderlich sein für die Genesung. Auch massive Krankheitsbilder können Ursachen in der Seele haben und durch seelische Hilfe Besserung erfahren.

kirchensite.de: Muss man die Wunder von Lourdes mit solchen Erkenntnissen neu definieren?

Simons: Nein. Denn wenn etwas psychosomatisch zu erklären ist, ist es kein Wunder. Das Wunder bleibt etwas Außergewöhnliches, es steht außerhalb jeder Erklärbarkeit, auch der psychologischen!

kirchensite.de: Warum erleben so viele Menschen in Lourdes eine Heilung und glauben an ein Wunder?

Simons: Solche Heilungen gibt es auch an anderen Orten. In Lourdes sind aber die Voraussetzungen für das Erleben eines solchen, ich nenne es "kleinen Wunders", besonders gut. Es hat etwas damit zu tun, dass der Mensch trotz seiner Behinderung und Krankheit eine gewisse Zufriedenheit erfährt. In Lourdes verschieben sich die Relationen für die Menschen. Mit Blick auf die vielen anderen Betroffenen, im Erfahren der großen Solidarität und der Glaubensgemeinschaft und im Ausleben der eigenen Spiritualität entwickelt sich eine Atmosphäre der Annahme der eigenen Situation. Etwas, was vielen kranken und behinderten Menschen sonst oft schwer fällt.

kirchensite.de: Was passiert durch diese Annahme?

Simons: Der Mensch lehnt sich nicht mehr auf gegen etwas. Dadurch wird neue Energie frei, weil dieses Auflehnen Kraft kostet. Denn der falsche Umgang mit dem eigenen Schicksal kann zusätzlich krank machen. Je mehr ich mich gegen meine Beschwerden auflehne, desto schlimmer können sie für mich werden. Wer sich aber nach Lourdes aufmacht, bringt schon eine gewisse Bereitschaft auf, sich auf seine Situation einzulassen.

kirchensite.de: Welche Rolle spielt der Glaube an ein Wunder?

Simons: Eine zentrale Rolle, denn in diesem Glauben lasse ich mich auf noch mehr ein: Wenn ich die Zuversicht aufbringe, durch das Gebet zur Gottesmutter, durch das Wasser der Grotte, durch die Berührung des Felsens eine Heilung zu erfahren, dann ist das eine zusätzliche Kraftquelle. Der Mensch, der an die Quelle der Gnade glaubt, wird in seinem Leben von ihr getragen werden. Wenn er in diesem Glauben nach Lourdes pilgert, hat er sich schon darauf eingelassen. Er kommt in der Bereitschaft, diese Gnade zu empfangen und erfährt dabei ihre Tragfähigkeit.

kirchensite.de: Ist es gut, möglichst naiv an ein Wunder zu glauben?

Simons: Nein, naiv ist auch hier nicht der richtige Ausdruck. Wer vermag schon in das Seelenleben des einzelnen Menschen zu blicken? "Mit Vertrauen und Zuversicht" wäre die richtige Umschreibung. Darin bitte ich die Gottesmutter Maria um Fürsprache und Hilfe in vielen Angelegenheiten, die mich und meine Angehörigen, aber auch Freunde und Bekannte betreffen. Immer wieder wird man doch gebeten: "Wenn du nach Lourdes fährst, bitte und bete dort doch auch für mich mit." Fürsprache und Hilfe erbitten wir also an einem Ort, der durch die Erscheinungen geheiligt wurde. Keiner, der dort hingeht, kann sich dem besonderen Flair, der von diesem Ort ausgeht, entziehen. Dies alles zu beschreiben ist unmöglich, Lourdes muss man selbst erleben.

kirchensite.de: Ist die Gefahr nicht groß, enttäuscht zu werden?

Simons: Nein, es ist niemand in Gefahr, wenn er sich dieser Möglichkeit öffnet. Er erfährt nur eine besondere Chance. Wer so nach Lourdes kommt, glaubt ja nicht daran, dass das Bein, was ihm fehlt, nachher wieder da ist. Er glaubt an die kleinen Veränderungen. Und darin kann er nicht enttäuscht, sondern nur bestärkt werden.

Interview und Foto: Michael Bönte

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