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Erstkommunion  Seite drucken

"Freundschaft ist wichtig wie das tägliche Brot"

Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis 2005 Autorin Jutta Richter
© katholisch.de
Jugendbuchautorin Jutta Richter.

Interview mit der Jugendbuchautorin Jutta Richter

Jutta Richter zählt - neben Paul Maar, Kirsten Boie und wenigen anderen - zu den bedeutenden Kinder- und Jugendbuchautoren in Deutschland und wurde unter anderem 2005 mit dem Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Im Ge­spräch mit dem Bonifatiuswerk erläutert die Autorin den Stellenwert religiöser Erfahrungen, wichtige Themen für Kinder im "Kommunionalter" und die Bedeutung von Engeln.

Bonifatiuswerk: Frau Richter, in Ihren Büchern spielt das Thema Freundschaft eine große Rolle. Was heißt das für Sie persönlich?

Richter:
Freundschaft ist für mich so wichtig wie das tägliche Brot. Wenn ich Freunde habe, dann bin ich aufge­hoben und getröstet. Jemand nimmt mich an und kennt mich - und umgekehrt. Freundschaft ist eines der höchsten Güter.

Bonifatiuswerk: Sie scheuen sich aber auch nicht, den Verrat an der Freundschaft zu thematisieren ...

Richter:
Das ist etwas, was jedem von uns widerfährt: die Auflösung des kindlichen Paradieses, indem man schuldig wird. Schuld und Verrat an der Freundschaft, das sind Themen, die man auch Kindern im Kom­munionalter nicht ersparen sollte. Ich kann ja nur zu einem wirklichen Menschen werden, wenn ich diese ganzen Dinge, die das Leben vorrätig hat, auch erfahre und lerne, mit ihnen umzugehen. Je früher ich das tue, desto besser.

Bonifatiuswerk: Was brauchen Kinder Ihrer Meinung nach zum Aufwachsen?

Richter:
Kinder brauchen zum Aufwachsen nicht 47 Fernsehprogramme oder viel Geld. Keine exklusiven Restaurants, in denen sie mit ihren Eltern essen gehen, keinen Mercedes, der sie in die Schule fährt. Sie brauchen vor allem Zeit, Muße zum Sich-Entwickeln und zum Entdecken-Dürfen. Zeit haben zu dür­fen: Das ist ganz wichtig für Kinder. Nur so können sie gesund aufwachsen.

Bonifatiuswerk: In Ihren Büchern sind meist Außenseiter die Hauptfiguren. Auch Jesus hat sich den ausgegrenzten und Randständigen besonders zugewendet...

Richter:
Jesus hat Freundschaft gerade mit Außenseitern gepflegt. Meine Erfahrung ist es, selbst Außenseiter gewesen zu sein. Dieses Gefühl kenne ich gut. Das andere ist es, sich mit Außen­seitern zu beschäftigen als eine urchristliche Hal­tung: Toleranz gegenüber denen zu üben, die an­ders sind als wir. Das hat Jesus vorgelebt, gerade denen zu helfen, die in ganz besonderer Weise hilflos sind und am Rande stehen. In diesem Sinne möchte ich meine Beschäftigung mit Außenseitern verstanden wissen.

Traurige Helden sind wir alle irgendwo. Wir sind nicht immer die Strahlenden, Positiven, Gleichströmigen. Wenn wir eigenständig denken, dann werden wir irgendwann auch einmal zum Außenseiter. Und das ist ein ganz wichtiges Erlebnis. Das macht uns stark und eröffnet eine Erfah­rung, die dazu führt, dass wir uns in andere einfühlen können. Wenn es mir immer gut geht, wenn ich immer nur richtig in der Spur bin, dann wird mein Leben flach. Die Leute, die wir bewundern oder die auch heilig gesprochen worden sind, das waren in der Regel keine stromlinienförmigen Menschen. Leute wie Augustinus oder Franz von Assisi zum Bei­spiel.

Zur Person

Jutta Richter (Jahrgang 1955) wuchs im Ruhrgebiet und Sauerland auf. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Detroit/USA, veröffentlichte sie noch als Schülerin ihr erstes Buch. Jutta Richter studierte katholische Theologie, Germanistik und Publizistik in Münster. Seit 1978 lebt sie als freiberufliche Autorin auf Schloß Westerwinkel im Münsterland.
Bonifatiuswerk: Sie sagen: Glück muss man teilen. Wie kann man glücklich werden und dabei zugleich andere glück­lich machen?

Richter: Glück ist für mich die Erfahrung, eins zu sein mit Gott, dem anderen Menschen, der Natur und mit mir selbst. Es sind zum Beispiel Glücksmomente, wenn ich den Frühling rieche, den Einklang mit der Schöpfung spüre und dabei erfahre: Ich bin Teil eines großen Geheimnisses. Glück bedeutet aber auch: zu spüren, geliebt zu werden, umfangen zu sein, mit Menschen zu tun zu haben, die mich umar­men und sagen: "Du kannst das". Dann bin ich glücklich. Und das möchte ich mit anderen teilen.

Bonifatiuswerk: Sie haben katholische Theologie studiert. Was hat Sie daran fasziniert? Was bedeuten Ihnen die christlichen Feste oder gerade auch die Feier der Erstkommunion?

Richter: Das Studium der Theologie hatte für mich die umfassendste Bildung. Es ist ein großes Abenteuer, mehr über den Glauben und seine Geschichte zu erfahren. Ich bin sehr katholisch aufgewachsen und wollte und will für eine lebendige Kirche eintreten. Religion ist für mich ein Gegenbild zu der anderen, konsumorientierten Gegenwart. Bei der Erstkommunion ist mir auch besonders wichtig, dass die Kinder begreifen, wie schön und zen­tral das gemeinsame Mahl ist, dass man Freude im Teilen des Brotes empfinden kann.

Kommunion ist Gemeinschaft, gemeinschaftliches Sich-Erinnern und Sich-Besinnen. Das hat alles direkt mit Jesus zu tun. Es gibt Momente von Gemeinschaft, die über das, was ich selber bin, weit hinausreichen. Über Jesus reden kann ich aber nur aus einer eigenen Erfahrung. Nichts ist schlimmer, als aufgesetzt von Jesus zu sprechen.

Bonifatiuswerk: Kind-Sein in Deutschland wird oft als sehr defizitär erfahren. Können sich Kinder in Kirche und Gesellschaft heutzutage noch richtig zu Hause fühlen?

Richter: Kinder können sich in Kirchenräumen sehr zu Hause fühlen. Ich selbst wusste mich als Kind dort immer geborgen. Kinder brauchen Rituale, man darf ihnen gerade das Religiöse nicht vorenthalten. Es ist für Kinder kein Ersatz, sich durch Fernsehen und Gameboy abzulenken. Kinder müssen erfahren, dass sie von guten Mächten behütet werden. Da hat die Kirche eine ungeheure Aufgabe. Ich wüsste nicht, wer sonst vermitteln könnte, dass ich in einem großen Sinnzusammenhang lebe, dass ich von Gott behütet bin.

Bonifatiuswerk: Sie haben immer wieder über Engel geschrieben und auch einen Beitrag zur "Schutzengel-CD" der Diaspora-Kinderhilfe geleistet...

Richter:  Ein Engel, das ist für Kinder ein "Himmelsgeflügel gegen die Angst". Ein Schutzengel, ein Tröster, natürlich auch ein Mittler zwischen Gott und Mensch. Ich kann Kindern nicht ohne weiteres den abstrakten Begriff "Geborgenheit" klar machen. Wenn ein Kind aber weiß, dass es einen Schutzengel hat, dann weiß es auch, dass es behütet ist. In Berlin-Pankow hatten wir über Monate ein Engel-Pro­jekt.

Und es passierte, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Kinder, die nichts mit Kirche und Reli­gion zu tun hatten, die Jesus gar nicht kannten, formulierten ihre geheimsten Wünsche und Sehnsüch­te über die Figur des Engels. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich wünsche den Kommunionkindern, dass sie gerade diese Erfahrung machen: Ich bin immer behütet von guten Mächten.

Das Gespräch führte Matthias Micheel (Diaspora-Kinderhilfe)

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