Ostpolitik war Chefsache
Das Wirken von Johannes Paul II. beschleunigte den Umbruch in Europa
Radikale Kurswechsel sind im Vatikan eher unüblich. Die ersten Neuerungen nach dem Amtsantritt von Johannes Paul II. vor 25 Jahren betrafen vor allem Stil und Formales: Der dynamische Pontifex nutzte für seine Mission Düsenjets und neue Kommunikationswege. Er machte Schluss mit überholten Floskeln und höfischem Protokoll, trieb auch als Kirchen-Chef noch Sport und überraschte die Öffentlichkeit mit aufsehenerregenden Gesten. Ansonsten knüpfte Johannes Paul II. in vielem an die Linie seiner Vorgänger an - freilich nicht in der Ostpolitik.Ostpolitik wurde Chefsache
Sehr bald modifizierte der Papst aus Polen die gerade in Deutschland nicht unumstrittene Linie der vatikanischen Ostpolitiker um Erzbischof Agostino Casaroli. Diese wollten mit Kompromissen, kleinen Zugeständnissen und manchen Opfern der Kirche das Überleben unter kommunistischer Herrschaft sichern. Johannes Paul II. schlug eine härtere Gangart ein, machte die Ostpolitik zur Chefsache, Casaroli stieg zum Kardinal-Staatssekretär auf.
Die kirchliche Neuordnung in der DDR, die die deutsche Trennung auch kirchlich sanktionieren sollte und die unter Paul VI. kurz vor dem Abschluss stand, verschwand für immer in der Schublade. Dagegen forderte Johannes Paul II. die Regierungen in Ungarn und der Tschechoslowakei, in Jugoslawien und auf dem Baltikum öffentlich heraus. Er mahnte Religionsfreiheit an, sprach den bedrängten Christen im kommunistischen Europa Mut zu.
Bei mehreren großen Kirchen-Jubiläen "drohte" er mit seinem Besuch etwa bei den Agnes-Feiern in Prag oder dem Kasimir-Jubiläum in Litauen. Die Ausladungen waren ein Gesichtsverlust für die Potentaten. Zugleich beteiligte sich der Vatikan intensiv an den KSZE-Verhandlungen. Er drängte darauf, dass in der Helsinki-Schlussakte bei den zu garantierenden Menschenrechten und Grundfreiheiten hinzugefügt wurde: "...einschließlich der Gedanken-, Gewissens-, Religions- oder Überzeugungsfreiheit".
Papstreisen nach Polen
Zentrale Rolle der neuen "Ostpolitik", die weniger revolutionär als evolutionär angelegt war, spielten die Papstreisen nach Polen. Sein erster Heimatbesuch im Juni 1979 war ein Triumphzug. Johannes Paul II. stärkte das Selbstbewusstsein seiner Landsleute. In der beginnenden Aufbruchstimmung um die Gewerkschaft "Solidarnosc" unter Arbeiterführer Lech Walesa propagierte er die katholische Soziallehre als dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus.
Auch unter dem Kriegsrecht sprach er den Polen bei seiner zweiten Reise 1983 Mut zu, bremste zugleich aber unüberlegte Schritte, die die Sowjets zum Eingreifen hätten veranlassen können. Auffallend häufig benutzte er in seinen Reden den doppeldeutigen Schlüsselbegriff "Solidarität" - und erntete jedes Mal donnernden Applaus. Die freie Gewerkschaft "Solidarität" hat letztlich den Umbruch in Polen eingeleitet, dem dann in einer Kettenreaktion die übrigen Ostblockstaaten folgten.
Weniger erfolgreich als bei der Einleitung des Umbruchs war die Kirche bei der Gestaltung des gesellschaftlichen Neuaufbaus in Mittel- und Osteuropa. Johannes Paul II. hielt mit seiner Kritik etwa an Entwicklungen in seiner polnischen Heimat nicht zurück. Inzwischen unterhält der Vatikan mit fast allen Ex-Ostblockstaaten volle diplomatische Beziehungen. In vielen Fällen sind die kirchlichen Belange bereits in Konkordaten festgeschrieben. Dass zu Russland nur Sonderbeziehungen, aber noch keine vollen diplomatischen Kontakte bestehen, liegt vor allem an ökumenischen Komplikationen.
Libanon - Israel - Afrika
Nicht nur in Mittel- und Osteuropa sondern auch in anderen Weltregionen hat sich der polnische Papst in den vergangenen Jahren engagiert, wenn Menschenrechte und Freiheiten unterdrückt wurden und Krieg und Ungerechtigkeit drohten. Bei Reisen nach Chile und Paraguay redete er den Diktatoren Pinochet und Stroessner ins Gewissen - die sich danach nicht mehr lange hielten.
Spektakulär, wenn auch ohne durchschlagendes Ergebnis, verlief seine Reise nach Kuba, bei der er offen für Freiheiten warb. Schwerpunkt der Vatikan-Diplomatie war über ein Jahrzehnt der Libanon. Immer wieder brachte der polnische Papst den von der internationalen Politik ignorierten Krisenherd in Erinnerung. Sein Ziel war die Wiederherstellung des unabhängigen, multikulturellen Nahost-Staats, in dem Christen und Muslime in Respekt zusammenleben.
Gegenüber dem Staat Israel vollzog Johannes Paul II. einen Durchbruch. Als der Oslo-Prozess endlich Friedenschancen signalisierte, stand 1994 der Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen nichts mehr im Wege. Unmittelbar vor seiner Heilig-Land-Reise 2000 schloss er auch ein Grundlagenabkommen mit der Palästinenser-Behörde. Aber der Nahe Osten und das Heilige Land bleiben weiter ganz oben auf der Agenda der Vatikan-Diplomaten. In immer neuen Initiativen drängte Johannes Paul II. auf eine Wiederaufnahme des Friedensprozesses und auf eine gerechte Lösung - und dazu gehört für ihn auch ein eigener Palästinenser-Staat.
Einsatz ohne Mandat
Zu einer Vermittlertätigkeit in internationalen Konflikten ist der Vatikan nur bereit, wenn er von beiden Seiten ausdrücklich darum gebeten wird. Das war Ende der siebziger Jahre im Grenzstreit zwischen Argentinien und Chile am Beagle-Kanal der Fall, der erfolgreich geschlichtet wurde. Aber auch ohne Mandat schaltet sich der Vatikan immer wieder ein, wenn es um die Vermeidung von Krieg und für einen gerechten Frieden geht. Bislang letztes Beispiel war der Irak. Im Jahr 2003 war der Kirchenstaat Drehscheibe einer regen Reise-Diplomatie. Fast alle maßgeblichen Politiker berieten sich mit dem Papst - von Joschka Fischer über Tarek Aziz bis Tony Blair. Eine auffallende Funkstille bestand - wie bereits beim ersten Irak-Krieg 1991 - zu den USA. Gleichzeitig bemühte sich der Vatikan, die beschädigte Rolle der UNO als Völkerorganisation zu festigen.
