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Sozialenzyklika 08.07.2009 Seite drucken

Unmenschliche ökonomische Ethik überwinden

Manfred von Holtum
©Bistum Aachen
Von Holtum: Papst fordert Entbürokratisierung und die Bekämpfung der Korruption.

Aachener Generalvikar würdigt Enzyklika

Aachen - Die am Dienstag von Papst Benedikt XVI. veröffentlichte Enzyklika „Caritas in veritate“ hat Manfred von Holtum, Generalvikar des Bistums Aachen, als wichtigen Beitrag zur Überwindung einer unmenschlichen ökonomischen Ethik bezeichnet. 

Wortlaut der Würdigung der neuen Enzyklika durch Generalvikar Manfred von Holtum:

"Die Krise der Gegenwart ist für den Papst vor allem eine Krise des Geistes. Zu einer neuen humanistischen Synthese ruft er alle Menschen guten Willens auf. Die derzeitigen Probleme der Welt sieht er in engem Zusammenhang einer entwurzelten Entwicklung. Technik und Markt wurden zum Selbstzweck erhoben. Gewinngier und Egoismus bestimmen Denken und Handeln. Das gilt für die internationale Finanzwelt ebenso wie für die durch die Globalisierung verschärfte Frage nach der gerechten Verteilung knapper Ressourcen zwischen Arm und Reich. Ein gottloser Geist erklärt den Nutzen zur alleinigen Norm. 

Er steht zugleich Pate für eine unmenschliche ökonomische Ethik, die ohne soziale Mitverantwortung auszukommen verspricht. Auch leistet ein solcher Relativismus Vorschub für einen religiös ummäntelten Fanatismus und Terrorismus. Er nivelliert die kulturelle Identität, überlässt die Sexualität der Beliebigkeit und lässt die Dämme brechen in bioethischen Fragen zum Anfang und Ende des Lebens. Schließlich zementiert er sich selbst in Regelsystemen und Ordnungsgefügen. Der Mensch, der sich selbst zu genügen glaubt, beraubt sich seiner Würde und Freiheit.

Der Papst macht Mut, diesen Kreis zu durchbrechen. Und er ist zuversichtlich, dass es gelingt. Als Ausweg aus der so umfassend gedeuteten Krise des Geistes ruft der Papst keineswegs zu einer Abkehr von Markt oder Technik auf. Beides sind Instrumente, die dem Menschen dienen. Sie dürfen nur nicht zum Selbstzweck erhoben werden. Der Papst sagt auch Ja zur Globalisierung und zu weltweit agierenden Kommunikationsmitteln. Denn das Zusammenwachsen der Welt ist grundsätzlich eine Chance zum Miteinander, zum Zusammenwachsen zu einer Menschheitsfamilie, die diesen Namen verdient. 

Dafür werden beispielhaft die Stärkung des Mikrofinanzwesens, auch international agierender Gewerkschaften und internationaler Institutionen (UN) benannt sowie eine Entbürokratisierung und die Bekämpfung der Korruption gefordert. Der Bedingungswandel hat aber keine Kraft zur langfristigen Veränderung ohne den vom Papst in aller Klarheit angemahnten Gesinnungswan-del, der etwa in einer neuen Kultur zweckfreien Schenkens ein Gesicht bekommen könnte.

Humanisierung im Vollsinn des Wortes versteht der Papst in Anlehnung an die Enzyklika Pauls VI. Populorum progressio als das Profil der Soziallehre der Kirche, mit dem sie die Welt durchdringen kann und soll. Wenn die Kirche von Gerechtigkeit und Frieden spricht, setzt sie immer beim Menschen und bei seiner ihm von Gott gegebenen Natur an. Im Sinne seiner Enzykliken Deus caritas est und Spe salvi ruft der Papst auf, dass wir Menschen uns als von Gottes Liebe Beschenkte und deshalb als zur Liebe Berufene verstehen. Das lässt uns staunen, dass wir mit unserer personalen Bestimmung mehr sind als alles weltlich Fass-bare. 

Das schenkt uns Sinn und Ziel, Dynamik zur Veränderung und einen neuen Geist sozialer Verantwortung auch für nachkommende Generationen. Die Wertschätzung der Schöpfung ist nicht denkbar ohne diese Erfahrung des Menschseins (Humanökologie). Im Bewusstsein unserer Gottebenbildlichkeit sehen wir uns und unsere Mitmenschen als Träger unverfügbarer und durch keine Nutzenargumente zu relativierenden Rechte, zugleich als letztlich gegenüber Gottes Gesetz unbedingt verpflichtet. Solche Verantwortung schenkt wahre Freiheit.

Indem diese Liebe in Wahrheit ausdrücklich als Hauptweg der Soziallehre erkannt wird, um den die Werte (wie Freiheit und Gerechtigkeit) und die Sozialprinzipien (Personalität, Solidarität und Subsidiarität) kreisen, setzt der Papst der lehramtlichen Sozialverkündigung einen neuen ganzheitlichen Akzent, der sie auch spirituell verortet.

Die Evangelisierung zu einem befreienden, Gott bekennenden Humanismus ist der Auftrag der Kirche, der sich an alle Menschen richtet. Mit diesem Profil enttarnt der Papst den für die Krisen verantwortlichen Zeitgeist und setzt ihm eine der Natur des Menschen entsprechende Alternative entgegen. Durch den Glauben gereinigt, durch die Liebe beseelt sind die Christen gerufen, mit Vernunft Ja zu sagen zu Gottes Ruf und mit Seinem Geist der Liebe die Welt zu durchdringen."

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