Köln - Vor knapp einer Woche ist die erste Sozialenzyklika Benedikts XVI. erschienen. In "Caritas in veritate" setzt sich der Papst mit den Folgen der Globalisierung und der Finanzkrise auseinander und fordert Moral auch in der Wirtschaft ein. Doch werden solche Appelle überhaupt gehört? katholisch.de hat mit der Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins von der Otto-Friedrich-Universität Bamberg über das Schreiben, die päpstlichen Forderungen und die Wirkung auf Politik und Wirtschaft gesprochen.
katholisch.de: Frau Heimbach-Steins, warum äußert sich die Kirche überhaupt zu sozialen und wirtschaftlichen Fragen?
Heimbach-Steins: Es gehört zur Verkündigung der Kirche dazu, dass sie Fragen, die das Leben der Menschen betreffen, aufnimmt. Der Papst sagt in der neuen Enzyklika: Die Soziallehre ist ein Teil der Glaubensverkündigung. Das ist richtig. Man kann nicht die Botschaft vom Heil für den Menschen verkünden, ohne sich um die Überwindung von gesellschaftlichem Ausschluss, Armut und Ungerechtigkeit zu sorgen. Das ist die politische Seite der Nächstenliebe.
katholisch.de: Inwieweit ist die Form der päpstlichen Äußerung, ein kirchliches Lehrschreiben zu verfassen, noch zeitgemäß?
Heimbach-Steins: Die Enzyklika als Weltrundschreiben symbolisiert das Bemühen der Kirche, Fragen von grundlegender Wichtigkeit mit Blick auf die Weltkirche und die Weltöffentlichkeit zu bearbeiten. Natürlich fragen Skeptiker, ob das in einer so vielschichtigen Welt überhaupt funktionieren kann.
Die Grenzen sind klar: In einem Weltrundschreiben kann der Papst nicht spezielle Probleme einzelner Gesellschaften diskutieren und Lösungsansätze bieten. Aber er kann grundlegende Perspektiven eröffnen, Themen setzen und Impulse geben. Das verliert nicht seinen Sinn.
katholisch.de: Was kann eine Enzyklika überhaupt leisten?
Heimbach-Steins: Sie leistet eine fundamentale moralische Orientierung. Die stärkste Botschaft dieser Enzyklika ist die, dass es keine moralfreien Räume gibt, dass letztlich alle Herausforderungen einen moralischen Kern haben – einen Kern, der die Verantwortung des Menschen betrifft, wo der Mensch sich vor sich selbst, vor seinen Mitmenschen und vor Gott rechtfertigen muss.
Der Papst macht gerade auch mit Blick auf die Wirtschaft deutlich, dass sie einem moralischen Anspruch genügen muss und kann und dass die Verantwortung des Menschen auch im wirtschaftlichen und politischen Handeln unbedingt gefragt ist.
katholisch.de: Erzbischof Zollitsch sprach von einer hochaktuellen und präzisen Analyse der Situation. Wie sehen Sie das?
Heimbach-Steins: Die Themen, die angesprochen werden, sind hochaktuell. Kaum etwas von den Problemen, die uns weltweit umtreiben, ist ausgelassen. Ich glaube auch nicht, dass die Enzyklika in Anbetracht der Finanzkrise zu spät kommt, schließlich hat sie ja vor allem eine grundsätzliche Botschaft.
Allerdings: Probleme wie Marktversagen, Steuerungskrise, ökologische Krise, Folgen ungleicher demographischer Entwicklung werden zwar benannt, aber es bleibt vielfach bei moralischen Defizitanzeigen. Für eine präzise Analyse hätte ich mir einen stärkeren Austausch mit den Wissenschaften gewünscht, der modernen Sozialphilosophie und mit den Gesellschaftswissenschaften, die die ökonomischen, politischen und kulturellen Probleme konkret analysieren. In der Enzyklika werden in erster Linie kirchliche Texte zitiert, aber es gibt wenig, was darüber hinausreicht.
katholisch.de: Wie realistisch ist die päpstliche Forderung nach einer politischen Weltautorität?
Heimbach-Steins: Dass es neue, effektive Formen politischer Steuerung auf Weltebene braucht, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber ich bin skeptisch gegenüber der Vorstellung einer Weltautorität: Alles, was an moralischen oder politischen Anforderungen gestellt werden kann, wird hier von einer einzelnen Autorität verlangt. Das ist nicht realistisch.
Was da gefordert wird, geht weit über das hinaus, was im Moment die Vereinten Nationen und ihre Unterorganisationen leisten können. Die Problematik einer in jeder Hinsicht pluralen Staatengemeinschaft und die schwierige Frage, wie Koordination und Verständigung zwischen den relevanten Akteuren erzielt werden soll, spiegeln sich kaum in dem Postulat der Enzyklika.
Auch hier hätte ich mir gewünscht, dass angesichts der Notwendigkeit einer starken Steuerung das Gespräch mit der Politikwissenschaft oder der Philosophie, die über Global Governance nachdenken, gesucht worden wäre.
katholisch.de: Hätten Sie sich angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise noch konkretere Handlungsanweisungen gewünscht?
Heimbach-Steins: Es werden sehr viele Themen angesprochen oder auch nur gestreift. Das bleibt dann notgedrungen an der Oberfläche, ohne dass bedeutende Sachgesichtspunkte identifiziert werden.
Deshalb ist es dann auch schwierig, die Verantwortung, die so deutlich eingefordert wird, herunter zu brechen auf die einzelnen Problembereiche. So kann die Enzyklika als Steilvorlage für notwendige konkretisierende Studien gelesen werden: Moralische Appelle müssen in Modelle politischen Handelns übersetzt und auf der Grundlage sachbezogener Analysen in konkrete Lösungsmodelle überführt werden.
katholisch.de: Inwieweit kann eine Enzyklika auf die Politik einwirken?
Heimbach-Steins: Wenn der Papst eine solche grundsätzliche Stellungnahme veröffentlicht, erweckt das auch bei den politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen Aufmerksamkeit. Es werden ja einige hilfreiche und wichtige Dinge zur Orientierung gesagt, beispielsweise das Bestehen auf dem Subsidiaritätsprinzip.
Aber, wie das oft bei solchen Texten ist, wird sich jeder Rezipient das heraussuchen, was für sein Feld besonders wichtig ist oder seine Absichten unterstützt. Einige werden feststellen: Der Papst sagt, wir brauchen mehr Entwicklungshilfe. Andere sagen, der Papst befürwortet den Markt als Institution, er bestätigt der Wirtschaft, dass sie als solche ethisch ist – so etwas konnte man ja schon lesen. Die Gefahr, dass der Text als Steinbruch genutzt wird, ist offenbar nicht von der Hand zu weisen. Da wäre vielleicht eine Konzentration auf das eine oder andere Themenfeld, das dann differenzierter analysiert worden wäre, hilfreich gewesen.
katholisch.de: Was sollte jetzt also geschehen?
Heimbach-Steins: Der Appell an die Verantwortlichen wird sicher vernommen, nur: Appelle verhallen meistens schnell wieder. Insofern verweist die Enzyklika auf die dringende Notwendigkeit, die wichtigen wirtschaftsethischen, politikethischen und entwicklungsethischen Themen, die darin angesprochen sind, sozialethisch so weiterzubearbeiten, dass der moralische Anspruch der katholischen Soziallehre in Verständigung mit wissenschaftlicher Sachkompetenz in tragfähige Handlungsorientierungen umgesetzt werden kann.
Das Interview führte Birgit Leikam.