Bonn - Rund um den 24. Juli, dem Namenstag des heiligen Christophorus, bieten viele Kirchen Fahrzeugsegnungen an. Im oberschwäbischen Wallfahrtsort Maria Vesperbild machen jährlich Tausende Verkehrsteilnehmer davon Gebrauch. Darüber sprach die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) mit Wallfahrtsdirektor Wilhelm Imkamp.
KNA: Herr Prälat Imkamp, wie ist Ihr Verhältnis zum heiligen Christophorus?
Imkamp: Sankt Christophorus ist als Patron der Reisenden, als Schutzpatron der Autofahrer, ganz wichtig. Auch wenn nicht er das offizielle Patronat hat, sondern eine Frau.
KNA: Wie bitte?
Imkamp: Ja. Die heilige Franziska Romana, gestorben 1440, wurde von Papst Pius XI. 1925 ganz feierlich dazu erklärt. Ich vermute, dass dabei der Humor Pius XI. eine große Rolle gespielt hat. Franziska Romana ist berühmt geworden durch ihre Höllenvisionen. Wer in einer Großstadt hinter einem Lenkrad sitzt, weiß, was sie gesehen hat. Dann hatte sie nicht nur einen Schutzengel, sondern drei, weil sie sich mit einem immer gezankt hat. All das sagt uns eine ganze Menge über den Reisesegen, auch übers Autofahren. Populär wie Christophorus wurde Franziska aber nie.
KNA: Ersetzt das Gebet zu den Schutzheiligen des Straßenverkehrs den Autoschutzbrief?
Imkamp: Im Gegenteil. Es gilt hier der schöne Grundsatz: Die Gnade setzt die Natur voraus. Wir müssen alles tun, was wir können, damit uns auch geholfen werden kann. Das heißt: Der Führerschein ist kein Waffenschein.
KNA: Wirkt der Reisesegen auch bei Rasern?
Imkamp: Sie werden verstehen, dass uns empirische Untersuchungen dazu fehlen. Aber ich bin überzeugt, dass die Fahrzeugsegnung wie alle Segenshandlungen ein vielschichtiger Kommunikationsvorgang ist.
Dazu gehört auch ein Verhaltensappell. Die Teilnahme an einer solchen Segnung schärft in den Menschen das Bewusstsein für die Gefährdungen, denen sie im Alltag ausgesetzt sind.
KNA: Wem gilt der Segen - dem Menschen oder dem Fahrzeug?
Imkamp: Ein Gegenstand wird immer nur im Hinblick auf seinen Gebrauch gesegnet, das schließt den Benutzer ein.
KNA: Jedes Jahr kommen Tausende Verkehrsteilnehmer in Ihren Wallfahrtsort, um sich und ihre Vehikel segnen zu lassen. Warum tun sie das?
Imkamp: Der moderne Mensch hat eine Sehnsucht nach Heiligung des Alltags. Die populäre Eventkultur der Gegenwart und die Volksfrömmigkeit haben Berührungspunkte. Einfaches Handeln stiftet Identität, erklärende Deutungsmuster tragen auch im Alltag. So sieht es jedenfalls die moderne Pastoraltheologie, und zwar auch auf evangelischer Seite.
KNA: Wie sollte Kirche mit den Hin-und-weg-Gläubigen umgehen? Die Dauerteilnehmer verliert sie ja weiterhin, wenn man auf die Mitgliederstatistik schaut.
Imkamp: Maria Vesperbild verliert keine Dauerteilnehmer, im Gegenteil. Wir müssen den Menschen auch in seiner Passagenmentalität ernst nehmen. Wenn er kommt, sollten wir ihm etwas bieten, das in ihm die Sehnsucht weckt, wiederzukommen. Das gilt für die Fahrzeugsegnung genauso wie für die Beichte oder die Sonntagsmesse.
Dauert eine Predigt mehr als 20 Minuten, sagen die Leute doch: Das reicht jetzt erst einmal wieder für ein Jahr.
KNA: Die Reisebranche boomt weiter trotz Wirtschaftskrise, dazu kommt der neue Megatrend Pilgern. Ihre Erklärung?
Imkamp: Pilgern ist ein Urphänomen quer durch alle Religionen. Im Islam ist es sogar der zentrale Akt der Frömmigkeit. Außerdem ist Pilgern die älteste Form des Massentourismus. Denn der beginnt im 19. Jahrhundert mit Wallfahrten nach Lourdes. Pilgern und Tourismus haben also eine innere Nähe.
Dazu kommt die Mobilität des modernen Menschen, in der sein Freiheitsgefühl zum Ausdruck kommt. Freiheit ohne Mobilität wird nicht als solche empfunden. Mobilität ist in dieser Hinsicht etwas Wertvolles. Wir Seelsorger sollten daher versuchen, den mobilen Menschen zu begleiten, und zwar unaufdringlich.
Von Christoph Renzikowski (KNA)