Köln - Ida Dunkel ist Mutter mit Leib und Seele. Dabei hat die 55-Jährige keine leiblichen Kinder. Sie ist Kinderdorfmutter im Bethanien Kinderdorf in Schwalmtal. Das Dorf ist eines von drei betreuten Wohnangebote für Kinder und Jugendliche, die von den Dominikanerinnen von Bethanien in Deutschland gegründet wurden. Im Interview mit katholisch.de erzählt Ida Dunkel von der Verantwortung, den Sorgen und Freuden in ihrer Familie.
katholisch.de: Frau Dunkel, wie sind Sie Kinderdorfmutter in Bethanien geworden?
Dunkel: Vor 32 Jahren lernte ich die Arbeit der Schwestern kennen. Zu dieser Zeit spürte ich in meinem Leben eine Sehnsucht nach mehr. Im Kinderdorf gab es Menschen, die mich durch ihr Zutrauen dazu gebracht haben, "Ja" zu sagen zu der Herausforderung, neun Kindern ein neues Zuhause zu geben.
katholisch.de: Hatten Sie Angst vor der Verantwortung?
Dunkel: Ja und nein. Aber ich wünschte mir nichts mehr, als meinen Traum vom Leben mit diesen Kindern zu verwirklichen. Mit Kindern, die schon in jungen Jahren schlechte Erfahrungen machen mussten. Ich wollte ihnen die Chance geben, das Leben von der schönen Seite kennen zu lernen. Heute weiß ich, dass es das Beste war, was mir passieren konnte. Die Kinder waren und sind mir so wertvoll und wichtig, dass es sich gelohnt hat, all meine Energie und Motivation für sie einzusetzen.
katholisch.de: Machte es für Sie einen Unterschied, dass Sie nicht die leibliche Mutter waren?
Dunkel: Nein, kaum. Auch heute pflegen die ehemaligen Kinder und ich einen intensiven, vertrauensvollen Kontakt. Es ist schön, dass ich hier im Kastanienhaus noch ihr Zuhause erhalten kann und an ihrem Familienleben teilnehmen darf. Heute stelle ich fest, dass es wohl nichts Schöneres in der Kinderdorfarbeit gibt, als die Beziehung zu einem kleinen Menschen aufzunehmen, seine Entwicklung und sein Wachsen miterleben zu dürfen und sein Leben so lange wie möglich zu begleiten. Das unterscheidet sich nicht von anderen Müttern.
katholisch.de: Auch in einer "normalen" Familie gibt es mal schlechte Zeiten. Was hat Sie an Ihre Grenzen gebracht?
Dunkel: Zwischendurch gibt es immer wieder Krisenzeiten. Ich kam körperlich und seelisch, aber auch pädagogisch an Grenzen. Manchmal musste ich mich räumlich von sehr schwierigen Kindern trennen. Nicht jedem Kind tut die enge Beziehung in der Kinderdorffamilie gut. Oft sind auch die Sorgen um die Zukunft der Kinder groß, vor allem um die der kranken und weniger intellektuellen. Es gab also auch Zeiten, in denen mein Lebenstraum von Albträumen durchquert wurde und ich meiner Berufung nicht traute.
Aber aushalten habe ich als meine persönliche Stärke kennen gelernt. Hinzu kommt das tiefe Vertrauen in meinen Glauben und das Gefühl, dass Gott mich in mancher Krise begleitet hat. „Geh in deiner Arbeit auf, aber nicht unter!“ scheint mir ein wichtiger Satz zu sein, um bei aller Verantwortung und Anforderung sich selbst nicht ganz aus den Augen zu verlieren und die Freude am Tun zu erhalten.
katholisch.de: Sie fühlen sich also berufen…
Dunkel: Es hat lange gedauert, bis ich mich getraut habe, von meiner Arbeit als "Berufung" zu sprechen, denn ich glaubte, dass "Berufung" nur den Ordensleuten und Priestern zugedacht ist. Meine Antwort heute auf die Frage "Berufung – was ist daraus geworden?" ist einfach: eine lebenslange Beziehung mit allen Facetten, die einem Anspruch als Mutter-Schwiegermutter-Oma-Patin gerecht wird. Vielleicht drückt auch der Satz eines Kindes an unserem 30-jährigen Jubiläum genau das aus: "Gut, dass der liebe Gott mit dir nichts Besseres vorhatte".
Hinweis:
Die Bethanien Kinderdörfer suchen Mitarbeiter. Ein nicht ganz alltäglicher Job, wie Klaus Esser, der Leiter des Kinderdorfs Schwalmtal, weiß: "Kinderdorfmutter oder -eltern wird man nicht einfach wie sonst üblich mit einer Bewerbung auf eine Stellenauschreibung und dann hat man den Job. Es ist ein gemeinsamer Weg, den Interessentinnen und Interessenten mit uns über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren zurücklegen, angefangen vom Kennenlernen, ersten Hospitationen, über Fort- und Weiterbildungen und dem Arbeiten in einer bestehenden Familie bis zur endgültigen Entscheidung, ob dies ein richtiger Weg für das eigene Leben sein kann. Aus diesem Grund suchen wir permanent Nachwuchs, der diesen Prozess bis zur endgültigen Übernahme einer eigenen Familie mit uns gehen möchte. Frauen oder Eltern, die dann mit uns in unseren Kinderdorfgemeinschaften leben möchten."
Information:
Die Bethanien Kinderdörfer wurden 1956 von den Dominikanerinnen von Bethanien in Deutschland gegründet. Bis heute konnten sie mehr als 2.000 Kindern ein Zuhause geben. In Deutschland gibt es drei Bethanien: in Bergisch Gladbach, Schwalmtal und Eltville. Das Motto der Kinderdörfer lautet "Wo Vertrauen wächst".
Das Interview führte Birgit Leikam.