logo

Karneval + Tradition 11.02.2010 Seite drucken

Alles begann in Bonn-Beuel

Wäscherprinzessin Melanie
©KNA
Wäscherprinzessin Melanie

Weiberfastnacht hat eine lange Tradition

Bonn  - Prinz, Bauer, Jungfrau - im Karneval in Bonn-Beuel sind das nicht mehr als alte Schlipse, die abgeschnitten gehören. Rechts des Rheins, auf der Sonnenseite der Bundesstadt, haben ab
Weiberfastnacht, dem kommenden Donnerstag, die Frauen das Sagen. 

Die Tradition der hart arbeitenden Waschfrauen, die den Karneval nicht allein den Männern überlassen wollten, ist bereits 186 Jahre alt - fast so lang wie der rheinische Straßenkarneval. Aber erst seit der Session 1958 haben die Beueler Frauen ihre eigene Monarchin: An Weiberfastnacht erobert die Wäscherprinzessin traditionell die Schlüssel des Rathauses und regiert für eine Woche mit närrischer Hand.

Beuel, seit 1969 eingemeindet und mit dem Sitz von T-Mobile sozusagen ein Global Player, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ein unbedeutendes Dorf. Es verdankte seinen Aufschwung vor allem den zahlreichen Wäschereien. Mit der Gründung des Alten Beueler Damenkomitees 1824 wurde die "Wäscherstadt" zur Keimzelle der rheinischen Weiberfastnacht. 

Zunächst war es ein harmloser Kaffeeklatsch der Waschfrauen, die nicht einsehen wollten, dass ihre Männer die frische Wäsche nach Köln auslieferten und dort Karneval feierten, während sie selbst weiter schwitzen sollten. Obwohl der Betrieb also aus emanzipatorischen Gründen vorübergehend ruhte, wird in diesen Mußestunden wohl die eine
oder andere schmutzige Wäsche gewaschen worden sein.

Fest steht, dass die Späße der Möhnen - der verheirateten Frauen - mit den Jahren immer mutiger, die Mitglieder zahlreicher und die Traditionen vielfältiger wurden. Hier konnte man Dampf ablassen und sich straflos so manchen Frust über die schwere Arbeit von der Seele reden. Auch Angehörige anderer Berufsgruppen stießen mehr und mehr als Mitglieder hinzu. Der Tag begann mit einem Umzug und setzte sich mit der "Wiever-Sitzung" fort. Erst am Abend durften Männer in den Saal und die Damen zum Tanz auffordern - oder auch bloß die Zeche bezahlen.

Was der Weiberfastnacht freilich bis nach dem Zweiten Weltkrieg fehlte, war eine Galionsfigur. Etwa zur gleichen Zeit, als in den Bonner Ministerien selbstbewusste Wirtschaftswunder-Sekretärinnen begannen, ihren Chefs am Karnevals-Donnerstag das Statussymbol
Krawatte abzuschneiden, setzte in Beuel der Brauch des Rathaus-Sturms ein, 1957 zunächst noch mit der Obermöhn an der Spitze des Damenkomitees. Für die Session 1958 wurde schließlich mit Barbara I. von der Wäscherei Beu die erste Wäscherprinzessin gekürt.

Da die Zahl der Beueler Wäschereien von 92 im Jahr 1905 auf heute noch 4 zurückgegangen ist, wurden seit 1965 auch fleißige Nicht-Wäscherinnen gekrönt. Mitglied in einem der inzwischen 16 Beueler Damenkomitees müssen sie allerdings schon sein. Doch auch
dafür gab es zwei historische Ausnahmen, wie sich die Beueler Schneidermeisterin Elisabeth Krämer erinnert. Insgesamt 26 Mal fertigte sie seit 1967 das Kostüm der Wäscherprinzessin, das seitdem einen blauweißen Look aus Samt und Spitze besitzt.

Die erste Trägerin war Französin: Francoise I. aus Beuels Partnerstadt Mirecourt in Lothringen. Für die Anprobe musste sie eigens aus der Heimat anreisen, um sich dann in der Session 1968 in zeitgemäßem Chic - kurzberockt - der Menge zu präsentieren. 1994 folgte als zweite Französin Luci I., ebenfalls aus Mirecourt. In der Jubiläums-Session 2008 regiert nun Melanie III. Amthor als Wäscherprinzessin. Sie ist die erste, die eine III hinter dem Namen führen kann. Bei den Päpsten mag es schon 23 mal den Namen Johannes und 16 mal Benedikt gegeben haben - aber die haben ja auch schon fast 2.000 Jahre Tradition.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

© KNA
zum Anfang zum Anfang
Das Internetportal der Katholischen Kirche in Deutschland
© Katholisch.de 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Katholisch.de-Redaktion