Speyer - Vor 70 Jahren - im Juni 1940 - schlossen sich hinter Pfarrer Friedrich Seitz (1905-1949) aus Schallodenbach die Tore des Konzentrationslagers Dachau. Der Geistliche aus der Pfalz war der erste "reichsdeutsche" Priester, der in dem berüchtigten KZ inhaftiert wurde, nachdem die Nationalsozialisten Dachau zum zentralen Lager für alle Geistlichen bestimmt hatten.
"Es war ein Schein aus blutrotem Papier", schrieb Pfarrer Seitz nach dem Krieg in einem Bericht über die Ereignisse im Sommer 1940. Der "Schein" war ein Schutzhaftbefehl, der letztlich fünf Jahre Dachau bedeutete. Das Dokument, unterzeichnet von Reinhard Heydrich, dem Leiter des Berliner Reichssicherheitshauptamtes, wurde Seitz Anfang Juni 1940 im Gestapo-Gefängnis Neustadt an der Weinstraße ausgehändigt. Darin hieß es, Seitz habe durch sein Verhalten, "indem er die im Verkehr mit Polen gebotene Zurückhaltung vermissen ließ, das gesunde Volksempfinden gröblichst verletzt".
Der Pfarrer hatte polnische Arbeiter empfangen
Das "Vergehen", das dem Schallodenbacher Pfarrer vorgeworfen wurde: Er hatte polnische Arbeiter, die als Aushilfen bei Landwirten beschäftigt waren, in seinem Pfarrhaus in Schallodenbach gastfreundlich empfangen. Außerdem hatte er in der Kirche dazu aufgefordert, die Kinder anzuhalten, die Polen nicht zu beschimpfen. Gerade auf diesen Punkt wies der NSDAP-Ortsgruppenleiter von Mehlbach in einem Denunziationsschreiben an die Kreisleitung in Kaiserslautern besonders hin. Für den nationalsozialistischen Unrechtsstaat mit seinem fremdenfeindlichen und rassistischen Herrenwahn war das Verhalten des Pfarrers Grund genug, ihm jegliche Möglichkeit öffentlichen Wirkens zu nehmen.
Friedrich Seitz war der NSDAP von Anbeginn des so genannten Dritten Reiches an ein Dorn im Auge gewesen. Aufenthaltsverbot, Hausdurchsuchungen, Anzeigen, Verhöre, Ermittlungsverfahren, Verwarnungen durch die Polizei, Unterrichtsverbot - die Liste der Maßnahmen, mit denen die Nationalsozialisten gegen den 1905 in Mayen geborenen Priester vorgingen, füllt in der Dokumentation "Priester unter Hitlers Terror" fast eine ganz Seite.
Seitz, der als guter Prediger galt und ein beliebter Jugendseelsorger war, ließ an seiner Ablehnung des Nationalsozialismus in der Tat keinen Zweifel und übte besonders an der NS-Kirchenpolitik scharfe Kritik. So zerriss er 1936 als Kaplan in Ludwigshafen demonstrativ ein Exemplar des "Schwarzen Korps", der Zeitung der SS-Reichsführung. Zu einer Verurteilung durch das Sondergericht Frankenthal kam es allerdings nicht: Die Olympischen Spiele von Berlin standen vor der Tür und Hitler-Deutschland lockerte wegen der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit den Druck auf regimekritische Geistliche.
Ein Pfarrer unter Dauerüberwachung
In Schallodenbach, wo er seit Dezember 1936 als Pfarrverweser wirkte, stand Seitz unter Dauerüberwachung. In den Jahren 1937 bis 1939 kam es zu rund 20 weiteren Anzeigen gegen den temperamentvollen Geistlichen. Die menschliche Behandlung der polnischen Arbeiter brachte das Fass schließlich zum Überlaufen.
Am 16. März 1940 wurde der Seelsorger verhaftet und zunächst ins Landesgefängnis Kaiserslautern, dann ins Gestapo-Gefängnis Neustadt gebracht. Auch seine Mutter, für die ein anständiges Verhältnis zu den Fremden ebenfalls eine Selbstverständlichkeit war, wurde verhaftet, nach einem Verhör aber wieder entlassen. Der Pfarrer selbst kam nach Wochen im Gefängnis noch einmal frei - doch nach acht Tagen in Freiheit folgte die erneute Verhaftung und schließlich der Transport nach Dachau.
Was "Dachau" bedeutete, hat Seitz nach dem Krieg in einer Artikel-Serie der Speyerer Bistumszeitung "der pilger" festgehalten. Seine Schilderungen sind ein erschütterndes Dokument einer Zeit, in der die elementarsten Menschenrechte mit den Füßen getreten wurden. Als Priester war Seitz in Dachau dem besonderen Spott und Hohn der SS-Leute ausgesetzt, Misshandlungen der Gefangenen waren an der Tagesordnung.
Ein Menschenleben war nicht viel wert
Ebenso schlimm erging es ihm in den vier Monaten, in denen er im Granitsteinbruch des Konzentrationslagers Mauthausen-Gusen in Österreich schuften musste. Vernichtung durch Arbeit - das war die Maxime der Nationalsozialisten. Willkürlich wurde über Leben und Tod verfügt. "Wie oft sah ich, dass man einen Häftling absichtlich oben bis an den Rand des Steinbruches führte und dann ihm einen Kinnhaken versetzte, dass er hinunterstürzte und leblos unten liegen blieb. Von uns neun reichsdeutschen und 200 polnischen Priestern waren nach einem halben Jahr noch 100 am Leben."
Auch in Dachau war ein Menschenleben nicht viel wert. Besonders das Jahr 1942 erwies sich als "Katastrophenjahr für die Dachauer Priestergemeinschaft". Die harte Arbeit in Verbindung mit unzumutbaren Lebensbedingungen und ungenügender medizinischer Versorgung kostete Hunderte von Geistlichen das Leben. Von Juni bis August 1940 starben nach Seitz' Angaben täglich acht bis zehn Priester. Eines der Opfer war Wilhelm Caroli, früherer Pfarrer von Rheingönheim. Insgesamt starben von den 2720 in Dachau inhaftierten Geistlichen 1034.