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"Als Einheit zu betrachten"

Als Antwort auf diejenigen, die angebliche Gegensätze zwischen dem emeritierten Papst Benedikt XVI. und seinem Nachfolger Franziskus betonen, hat der ehemalige Vatikan-Korrespondent der "Bild"-Gruppe, Albert Link, ein Buch über die beiden Päpste geschrieben. Im Interview mit katholisch.de berichtet er von seinen Erlebnissen mit ihnen und den Schwierigkeiten in der Amtszeit von Benedikt XVI. Außerdem verrät er, warum auch einfache Angestellte im Vatikan die Kurienreform fürchten.

Vatikan | Bonn - 01.09.2014

Als Antwort auf diejenigen, die angebliche Gegensätze zwischen dem emeritierten Papst Benedikt XVI. und seinem Nachfolger Franziskus betonen, hat der ehemalige Vatikan-Korrespondent der "Bild"-Gruppe, Albert Link, ein Buch über die beiden Päpste geschrieben. Im Interview mit katholisch.de berichtet er von seinen Erlebnissen mit ihnen und den Schwierigkeiten in der Amtszeit von Benedikt XVI. Außerdem verrät er, warum auch einfache Angestellte im Vatikan die Kurienreform fürchten.

Frage: Herr Link, wie ist es zu Ihrem Buch über die zwei Päpste im Vatikan gekommen?

Link: Immer wieder wollten andere, dass ich über meine Erlebnisse im Vatikan einmal in größeren Zusammenhängen schreibe. Aber inmitten der sehr turbulenten Zeit von Missbrauchsskandal, Vatileaks-Affäre, Papst-Rücktritt , Konklave und der Wahl des ersten Papstes aus Lateinamerika war das nicht möglich. Ich bin auch niemand, der schon nach drei Monaten den neuen Papst erklären kann. Und so konnte ich erst zurückblicken, als ich nach vier Jahren Rom wieder in Deutschland war. Ich glaube, dass ich als erster Autor über beide Päpste schreibe - und das nicht als Biograf, sondern aus dem persönlichen Blickwinkel eines Korrespondenten.

Frage: Was war in Ihren vier Jahren im Vatikan das schönste Erlebnis?

Link: Da gibt es berufliche und private Höhepunkte. Natürlich gehören alle Papstreisen dazu, das Konklave und persönliche Begegnungen mit den Päpsten. Zwei hochemotionale Momente kommen schon im Buchtitel vor: "Buonanotte" war das Wort, mit dem sich Benedikt XVI. nach seinem Rücktritt von uns allen verabschiedet hat und Franziskus zeigte sich nach seiner Wahl mit einem "Buonasera" auf dem Balkon. Eine Anekdote ist im Nachhinein lustig: Kurz nach der Geburt unserer Tochter sollten meine Frau und ich die Gelegenheit bekommen, unsere Kleine Papst Benedikt nach dem öffentlichen Angelus-Gebet in Castel Gandolfo vorzustellen. Dann passierte just kurz vor der Begegnung die Bescherung und wir mussten mit Hilfe eines Schweizergardisten eine geeignete Wickelunterlage suchen. Da stirbt man tausend Tode...

Albert Link
Albert Link
 Michael Kappeler

Frage: Was sind die größten Unterschiede zwischen Benedikt XVI. und Franziskus?

Link: Man kann den einen Papst nicht ohne den anderen verstehen und ich möchte mit dem Buch auf all diejenigen antworten, die nur die Gegensätze zwischen beiden betonen. Natürlich gibt es Unterschiede, aber an vielen Punkten baut Franziskus auf der Vorarbeit und den Worten von Benedikt auf. Zum Beispiel tauchen viele Facetten aus Benedikts Freiburger Entweltlichungs-Rede bei Franziskus wieder auf. Heute gibt es für solche Ideen viel Applaus.

Frage: Hatte Benedikt es schwerer als nun Franziskus?

Link: Die Krux bei Benedikt ist, dass vieles an angeblichen Luxus-Symbolen festgemacht wurde. Aber seine roten Schuhe waren nie von Prada und hatten auch nichts mit persönlicher Eitelkeit zu tun. Zudem wirkte er in einer schwierigen Zeit, weil etwa der Pädophilie-Skandal öffentlich wurde. Aber er hat nicht nur geredet, sondern auch gehandelt, als es darum ging, aufzuräumen. Dass er da die richtigen Konsequenzen gezogen hat, ist viel zu wenig beachtet worden. Vielleicht lag es aber auch mit daran, dass er alles ohne Effekthascherei betrieben hat, denn so ein Verhalten ist ihm fremd. Franziskus übrigens in den entscheidenden Momenten auch - wenn er zum Beispiel schwerkranke oder behinderte Menschen umarmt, ist das nicht inszeniert, sondern entspringt einem spontanen Bedürfnis. Und Benedikt ist nicht weniger authentisch. In der persönlichen Begegnung hat er eine absolut faszinierende Ausstrahlung, eine Aura der Güte, die sich leider nur schwer über die Medien vermitteln ließ - anders als bei Franziskus, der auch über Fotos und Fernsehen immer offen und bodenständig rüberkommt.

Frage: Finden Sie beide gleich sympathisch oder haben Sie einen Lieblingspapst?

Link: Als sich beide Päpste bei der Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. auf dem Petersplatz umarmt haben, hat man gemerkt, dass man sie auch als eine Einheit betrachten kann. Viele behaupten das Gegenteil, aber man kann beide Päpste gut finden, ohne dass man deshalb zu allem Ja und Amen sagen muss. Am Anfang war ich gegenüber beiden skeptisch: Bei Benedikt hat sich das nach einem halben Jahr gelegt, als ich mit eigenen Augen gesehen habe, was dieser Papst leistet. In der Franziskus-Begeisterung der ersten Wochen hatte ich zunächst die Wahrnehmung, dass Benedikt XVI. zu sehr in den Schatten geriet. Beispielweise wurden mitten im März neue Kalender gedruckt, darin kein einziges Benedikt-Foto. Ich denke aber, dass seine Bedeutung noch steigen wird und dass er sich über seine Bücher in den nächsten Jahrzehnten vielen Menschen erschließen wird. Was mich außerdem an beiden tief beeindruckt: Beide geben auf sehr sympathische Weise ihre Schwächen zu.

Frage: Wie ist die aktuelle Stimmung in der Kurie? Hat man Angst vor den Reformen, die Franziskus plant?

Link: Das ist leider so und ich kritisiere im Buch, dass es nicht eine Reform nur um der Reform willen geben darf. Die vatikanischen Mitarbeiter haben unter Franziskus Schwierigkeiten, die gleiche Motivation zu entwickeln wie unter Benedikt XVI. Die kleinen Angestellten haben den Eindruck, dass durch den Einzug der Unternehmensberater von McKinsey, durch Gerüchte über eine Verkleinerung der Kurie und eine Abschaffung der Altersvorsorge an ihnen das Beispiel der Kirche der Armen statuiert werden soll. Sie haben zur Kenntnis genommen, was bei der Vatikanbank passiert ist, wie siebenstellige Beträge verspekuliert wurden und dass es manchem Kardinal nach wie vor sehr gut geht. Es gibt zwar nach wie vor eine Grundsympathie für Papst Franziskus, aber viele kleine Angestellte vermissen Benedikt XVI. als väterlichen Arbeitgeber, spüren heute Zukunftsängste.

Frage: Halten Sie das wirklich für ein realistisches Szenario? Dass die Kurienerzbischöfe nicht zittern und es eher die kleinen Angestellten treffen wird?

Link: Ich finde, dass man aus den Sätzen von Franziskus herauslesen kann, dass er das Projekt nicht nur unten ansiedelt, sondern es für alle gilt und er bei sich selbst anfängt. Er selbst wird nur noch in Gebrauchtwagen durch Rom gefahren und allen andern im Vatikan hat er dicke Autos quasi verboten. Damit hat er eindeutig die Kardinäle und Bischöfe gemeint. Seinem Kurs direkt entgegen steht dann eine Entwicklung wie bei der Heiligsprechung, als es eine Terrasse gab, wo VIPs mit Wein bewirtet wurden, nicht in der Schlange stehen mussten und am Ende trotzdem die Kommunion bekommen haben. Als Papst Franziskus das erfahren hat, ist er fuchsteufelswild geworden. Wenn man die Ansprüche hochschraubt und die Linie vorgibt, muss man aber auch konsequent reagieren, wenn sich Leute nicht danach halten. In manchen Fällen ist das passiert, in anderen noch nicht.

Frage: Kann man nach eineinhalb Jahren Papst Franziskus eine Linie und Schwerpunkte bei ihm erkennen?

Link: Mich beeindruckt der Mut, mit dem er sich auf die politische Bühne begeben hat. Hier ist Franziskus persönlich ein Akteur und nicht nur der Repräsentant einer im geheimen wirkenden diplomatischen Politik. Er ist so offensiv, Israel und Palästina zu einer Gebetsveranstaltung in den Vatikan einzuladen und macht auf der Linie weiter, auch wenn im Heiligen Land Raketen fliegen. Neulich kündigte er angesichts des Irak-Konflikts an, dass er konkrete Pläne hat, in das Land zu reisen. Selbst wenn er die nicht erfüllen könnte: All das sind neue Töne, die darauf hindeuten, dass er sich deutlich politischer inszeniert als Benedikt XVI., aber auch als Johannes Paul II. Ich persönlich finde das gut, denn irgendwann - gerade in so einer Situation wie in Syrien und im Irak - reichen Worte nicht mehr aus. Wer könnte das glaubwürdiger vermitteln als der Papst, der als eine seiner ersten Amtshandlungen in Rom einer jungen Muslimin die Füße wusch? Viele Menschen, darunter auch Vertreter des Islam, sind froh, dass es noch Menschen wie Franziskus gibt, die nicht nur von Frieden reden, sondern persönlich dafür kämpfen.

Das Interview führte Agathe Lukassek

Buchtipp

Albert Link: Buonanotte und Buonasera. Zwei Päpste im Vatikan. Eine Reportage. 160 Seiten, 17,99 Euro, Kösel Verlag, München 2014. So turbulent - und damit "Dolce-Vita-feindlich" - wie in den ersten Jahren dieses Jahrzehnts ist es in der Ewigen Stadt selten zugegangen: Missbrauchsskandale erschüttern den Vatikan, ein Kammerdiener des Papstes wird als Spion enttarnt, ein deutscher Papst, dessen Kräfte vor den Augen der Welt schwinden, bis er sich mit den Worten "Buonanotte" zum historischen Rücktritt durchringt. Weißer Rauch und eine Kirchen-Revolution, die mit den Worten "Buonasera" beginnt... Als Vatikan-Korrespondent einer großen deutschen Tageszeitung hat Albert Link den emeritierten und den neuen Pontifex aus nächster Nähe erlebt, unter anderem auch auf neun Auslandsreisen im päpstlichen Flugzeug. In diesem Buch nimmt der Katholik aus Bayern seine Leser mit hinter die Mauern sonst gut bewachter Palazzi und bietet somit einen Blick durchs "Schlüsselloch". In großteils unveröffentlichten Fotos und oftmals augenzwinkernden Anekdoten erzählt er aus den, wie er selbst sagt, "atemlosesten" Jahren seines Berufslebens, die sich sowohl für den Vatikan als auch für Italien als Schicksalsjahre entpuppen sollten.

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