Altenpflege bis Müllsammeln

Krishna (13), Rani (11), Laxmi (7) und Ramesh (6) laufen durch die sengende Mittagshitze der indischen Stadt Hyderabad. Die Augen halten sie auf den Boden gerichtet, denn sie sind auf der Suche nach Müll, den sie zu Geld machen können. Der kleine Ramesh, barfuß und in viel zu großer Hose, trägt einen Plastikeimer voller Kabel. Seine Freunde schleppen Glasflaschen und Plastikreste.

Kinderarbeit | Hyderabad - 12.10.2014

Krishna (13), Rani (11), Laxmi (7) und Ramesh (6) laufen durch die sengende Mittagshitze der indischen Stadt Hyderabad. Die Augen halten sie auf den Boden gerichtet, denn sie sind auf der Suche nach Müll, den sie zu Geld machen können. Der kleine Ramesh, barfuß und in viel zu großer Hose, trägt einen Plastikeimer voller Kabel. Seine Freunde schleppen Glasflaschen und Plastikreste.

"Unsere Eltern brechen hier Steine auf dem Bau", erzählt Krishna. Um die Gruppe herum schießt die HITEC City empor, ein boomender Stadtteil der IT-Metropole Hyderabad. Noch vor den Computerspezialisten kommen die Wanderarbeiter, zumeist aus anderen Teilen des südindischen Bundesstaates Telangana. Sie hauen Felsen, heben Baugruben aus, mischen Zement, setzen Ziegel und legen Kabel. Ihre Kinder ziehen mit - und sollen möglichst auch mit verdienen.

Die Familien beziehen die untersten Stockwerke der gerade im Bau befindlichen Häuser. Oder sie leben über Jahre hinweg in Zelten aus alten Planen und Ästen. Infrastruktur wie fließendes Wasser, Krankenversorgung und Schulen gibt es für sie meist nicht. "Ich habe anderthalb Jahre als Verkäufer in der HITEC City gearbeitet, aber ich wusste nicht, dass es diese Slums gibt", sagt Sridhar Vanamala. Das ist nicht ungewöhnlich, denn die aufstrebende Mittelschicht Indiens orientiert sich gern nach oben und ignoriert die Armen.

Pionier der Kinderrechtsbewegung

Einer, der gegen den Strom schwimmt, ist Kailash Satyarthi. Der 60-Jährige Aktivist zog schon tausendfach los, um Kinder mit Hilfe der Polizei zu befreien, sie in Sicherheit und, wenn möglich, zu den Eltern zu bringen. Und das schon seit drei Jahrzehnten. "Er ist einer der Pioniere der Kinderrechtsbewegung ", sagt die ebenfalls bekannte indische Kinderrechtlerin Shanta Sinha. Am Freitag wurde Satyarthi dafür - zusammen mit der Pakistanerin Malala Yousafzai - mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Eine Junge arbeitet in Indien mit Pflastersteinen.
Eine Junge arbeitet in Indien mit Pflastersteinen.
 dpa

Von seiner Arbeit inspiriert ist auch die Nichtregierungsorganisation Mahita in Hyderabad. Sie hilft 6- bis 14-Jährigen, indem sie die Eltern finanziell und organisatorisch unterstützt und bei der Bildung hilft. Eine ihrer Schulen steht ganz in der Nähe der Zelte der vier Müllsammler. "Hier in der Sri Krishna Colony leben 70 Kleinkinder, doch es gibt keinen Kindergarten. Wenn die Mütter auf dem Bau arbeiten, müssen die älteren Geschwister ran", sagt der einstige IT-Verkäufer Vanamala, der nun für Mahita arbeitet.

So erging es Sai Kumar (10), der auf den Sohn seiner Schwester aufpassen musste. Der 13-jährige Srinu hingegen arbeitete beim Metzger, der direkt neben der Schule ist. "Ich musste alle Messer und Schüsseln waschen, die Hähnchen säubern, das Fleisch verkaufen. Und wenn der Besitzer nicht da war, auch das Hähnchen klein schneiden", erzählt er.

Kinder müssen auf ihrer Großeltern aufpassen

Nun allerdings gehen sie in die winzige Schule der Kolonie, in der auch die 12-Jährige Sravani wissbegierig lernt. Noch vor einem Jahr wurde sie von ihren Eltern als Kindermädchen weggeschickt, um auf das Kind eines wohlhabenden Ehepaares aufzupassen. "Ich interessiere mich für Bildung, ich will Ärztin werden. Aber wenn ich das sagte, haben meine Eltern mich ausgeschimpft", erzählt sie. Auch vor dem Umzug in die Millionenmetropole ging Sravani nicht zu Schule: In ihrem Dorf passte sie auf die Großmutter auf.

Kinderarbeit ist in Indien weit verbreitet, laut jüngsten Zensusdaten gibt es 12,6 Millionen schuftende Kinder. Zu den Gründen gehört laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO Armut und Arbeitslosigkeit der Eltern, mangelnder Zugang zu Bildung sowie ein fehlendes Bewusstsein der Gesellschaft.

"Wenn die Gesellschaft das Problem als solches anerkennen würde, hätten wir es nicht", sagt P. Ramesh Sekhar Reddy, Gründer von Mahita. Doch störten sich die meisten Kunden nicht daran, Produkte aus kleinen Händen entgegenzunehmen, und Geschäftsleute betrachteten die Kinder vor allem als billige Arbeiter. "Bekommt ein Erwachsener für eine Arbeit zum Beispiel 200 Rupien (2,50 Euro) am Tag, erhält ein Kind etwa 75 Rupien. Oder was auch immer die Eltern mit dem Arbeitgeber vereinbaren."

"Was soll ich in der Schule? Ich will Geld verdienen"

Reddy zählt auf: Kinder verkaufen Stifte an Ampeln oder Bananen an Marktständen, sie kochen und putzen in Restaurants, pflücken Baumwolle auf den Feldern, hauen Pflastersteine oder helfen ihren Müttern bei der Heimarbeit wie etwa dem Herstellen von Armreifen. "Ihre Eltern denken leider auch erst an das Geld, dann an ihr Kind."

Der 13-jährige Lalu arbeitet, seit er im Slum der Müllsammler von HITEC City umherlaufen kann. Viermal wurde er von Hilfsorganisationen eingeschult, viermal lief er wieder weg. "Was soll ich in der Schule? Ich will Geld verdienen", sagt er selbstbewusst, die Arme vor der Brust verschränkt. Er habe Geld, ein Handy, und keiner schreibe ihm etwas vor, zählt Lalu auf. Ob er einen Lebenstraum hat? Da dreht der Junge sich weg, setzt sich abseits auf einen Eimer, und kickt voller Frust Steine von sich weg.

Von Doreen Fiedler (dpa)

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