Angriff auf die Tränendrüse

Viele Unternehmen setzen zu Weihnachten auf emotionale Werbespots. Edeka reiht sich in diesem Jahr in die Tradition ein. In den sozialen Medien ist das Video "Heimkommen" ein Riesenerfolg. Doch in das Lob mischen sich auch kritische Stimmen.

Buntes | Bonn - 01.12.2015

Zwei Tage nach dem ersten Advent hat der Clip bei Youtube schon fast 10 Millionen Klicks: An dem am Samstag vorgestellten Werbespot der Supermarktkette Edeka scheiden sich die Geister. Makaber finden ihn die einen, mutig die anderen.

Bild und Ton des Spots stehen in der Tradition kitschiger Weihnachtswerbung, ungewöhnlich ist die Geschichte: Der alte Mann hat schon für Weihnachten dekoriert. Seine erwachsenen Kinder teilen jedoch per Ansage auf dem Anrufbeantworter mit, dass sie es zu einem Weihnachtsbesuch nicht schaffen - während die Enkel des Nachbarn nebenan jubelnd eintreffen.

Die Hauptfigur verschickt daraufhin eine Todesanzeige. Zur Trauerfeier reisen die Kinder an - um den lebendigen Vater anzutreffen, der fragt: "Wie hätt' ich euch denn sonst alle zusammenbringen sollen?" Nun fliegt auch ihm die Enkelin in die Arme. Die Botschaft ist klar: "Zeit heimzukommen", appelliert Edeka an den Familiensinn: Niemand soll zu Weihnachten allein zu Hause sitzen.

Gänsehaut und Rührungstränen

Das Unternehmen selbst taucht erst ganz am Schluss auf, als das Logo eingeblendet wird; zudem gibt es ein begleitendes Gewinnspiel zu dem Clip, der in voller Länge nur online zu sehen ist. In den Sozialen Medien zollen viele Nutzer der Supermarktkette Respekt - beziehungsweise der Agentur Jung von Matt, die den Clip produziert hat. Manche fühlen sich von dem Clip schlicht berührt, berichten von Gänsehaut und Rührungstränen.

Andere würdigen die politische Dimension des Spots: Die Geschichte habe einen wahren Kern, schreiben sie, und treffe einen wunden Punkt der Gesellschaft. Kritiker meinen dagegen, der einsame Großvater verhalte sich manipulativ. "Mit dem Tod spaßt man nicht herum", schreibt eine Nutzerin.

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 Edeka/youtube

Diskutiert wird der Clip auch auf politischer Ebene. "Tausende Menschen in Zeltstädten im Winter? Die werden uns alle töten! Oh ein #Edeka Spot. Das ist ja so traurig! #Mitgefühl2015", so lautet die polemische Reaktion eines Nutzers auf Twitter. Ein anderer vermutet, das Thema "Flüchtlinge und Weihnachten" könnte den Machern "zu abgeschmackt" gewesen sein.

"Ich bin sicher, er blufft wieder"

Zugleich wird die Geschichte humoristisch weitergesponnen. Etwa der Moderator und Autor Micky Beisenherz twitterte am Dienstag eine Karikatur, auf der eine Familie am Grabstein von "Opa" steht - und ein Besucher kommentiert: "Ich bin sicher, er blufft wieder."

Die Kritik auf der Meta-Meta-Ebene darf in den Sozialen Medien genauso wenig fehlen: dass die Medien mit ihrer Berichterstattung die Aufmerksamkeit für Edeka erhöhen, bemängeln einige. Andere amüsieren sich eher über das Karussell der Reaktionen: "Das normale Leben eines Twitterers", meint eine Nutzerin.

Einig sind sich Kritiker und Befürworter in einem Punkt: Die Familie ist wichtig - nicht nur an Weihnachten. Edeka selbst erklärt auf Nachfrage, die "Besinnlichkeit der Weihnachtstage" sei "in der Schnelllebigkeit der heutigen Welt von unveränderter Bedeutung". Die Kommentare zeigten, dass der Spot viele Menschen bewege.

Weihnachtliche Reklame mit ernstem Hintergrund ist indes keine neue Idee. Im vergangenen Jahr wurde ein Spot der britischen Supermarktkette Sainsbury's über 17 Millionen Mal angeklickt. Er erinnerte an den Weihnachtsfrieden 1914 in den Schützengräben an der Westfront. Die Hälfte des Erlöses aus den beworbenen Schokoladentafeln ging an eine Wohltätigkeitsorganisation. Vielleicht ist der Advent also nicht der schlechteste Zeitpunkt, um an die wichtigen Dinge im Leben zu erinnern.

Von Paula Konersmann (KNA)

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