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Angst vor der Zeit danach

Wenn Franziskus Israel besucht , kommt er in ein Land, in dem zuletzt auch Christen Anfeindungen ausgesetzt waren. Der Benediktiner-Mönch Pater Nikodemus Schnabel lebt in der Jerusalemer Dormitio-Abtei . Im Interview mit katholisch.de berichtet er vom schwierigen Alltag der Mönche, von den Vorkehrungen für den Papstbesuch und von seiner Sorge, dass die Gewalt gegen Christen danach eskalieren könnte.

Papst-Reise | Bonn/Jerusalem - 22.05.2014

Wenn Franziskus Israel besucht , kommt er in ein Land, in dem zuletzt auch Christen Anfeindungen ausgesetzt waren. Der Benediktiner-Mönch Pater Nikodemus Schnabel lebt in der Jerusalemer Dormitio-Abtei . Im Interview mit katholisch.de berichtet er vom schwierigen Alltag der Mönche, von den Vorkehrungen für den Papstbesuch und von seiner Sorge, dass die Gewalt gegen Christen danach eskalieren könnte.

Frage: Pater Nikodemus, welche Erwartungen haben Sie an den Papstbesuch?

Pater Nikodemus: Es kommt ja nicht nur der Papst, sondern auch der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I. Die Reise ist also sozusagen eine Doppelpilgerfahrt der Oberhäupter der katholischen West- und der orthodoxen Ostkirche. Ich hoffe, dass ihr gemeinsamer Besuch den zuletzt unterkühlten ökumenischen Dialog wieder befeuert. Beide sind charismatische Persönlichkeiten, beide haben die Gabe zu einfachen Worten und starken Gesten. Wenn die dann über die Fernseher flimmern, sei es in Moskau, Athen, Rom oder Berlin, dann könnte der Funke überspringen, so dass die Menschen sagen: "Wow, Ökumene ist doch wieder was." Wenn der Besuch Vorurteile abbaut, so dass die Orthodoxen liebevoller auf die Katholiken und die Katholiken liebevoller auf die Orthodoxen schauen, dann ist schon sehr viel erreicht.

Frage: Was sind die wichtigsten Stationen des Papstbesuchs?

Pater Nikodemus: Man muss sich die Agenda des Papstes realistisch ansehen. Sie ist von kirchlichen Themen bestimmt, nicht von politischen. Am Samstag in Jordanien steht der Besuch bei den syrischen Flüchtlingen an. Das wird ähnlich wie in Lampedusa werden: Eine Mahnung an die Welt, die Herzen zu öffnen und das Elend nicht zu vergessen. Wichtig sind auch die Treffen am Sonntag in der Grabeskirche mit den lokalen Kirchenoberhäuptern und am Montag mit jüdischen und muslimischen Führen. Das sind die drei wichtigen Punkte, die ich aus dem Programm herauslese: Das Leid der Ärmsten, Ökumene und interreligiöser Dialog. Alles andere sind Wünsche, die die Staaten Israel, Palästina und Jordanien an den Papst herantragen.

Frage: Wie ist die Stimmung in Israel vor dem Besuch?

Pater Nikodemus: Die meisten Israelis, die nicht gläubig sind, lässt der Besuch kalt. Das muss man ganz nüchtern so sagen. Dafür sind die Christen aus dem Häuschen. Das ist eine Minderheit von zwei Prozent, die plötzlich für ein paar Tage im Mittelpunkt steht - eine Seelenmassage im besten Sinne. Aber es wird leider auch von einer kleinen Splittergruppe gezielt Hass gegen den Papst geschürt. Ultranationalistische religiöse Kreise von jüdischer Seite machen mit den absurdesten Vorwürfen Stimmung: Der Papst käme, um Juden scharenweise zum katholischen Glauben zu bekehren, er wolle Jerusalem christianisieren und den jüdischen Charakter der Stadt beseitigen. Da wird mit Ängsten gespielt, was zu Gewalt führt. Wir Mönche werden angespuckt, beschimpft, Autoreifen werden aufgeschlitzt, Hassgraffitis gesprüht. "Jesus ist ein Hurensohn" oder "Tot den Christen" steht dann an christlichen Kirchen. Wir sind Aggressionen zwar gewohnt, aber sie haben zuletzt deutlich zugenommen.

Frage: Teilen Sie die Sorge, dass der Besuch von Extremisten zu einem Anschlag genutzt werden könnte?

Pater Nikodemus: Diese Sorgen des Inlandsgeheimdienstes sind ja sehr konkret. Aber Israel ist ein absoluter Hochsicherheitsstaat, der in diesem Bereich perfekt aufgerüstet ist. Ich habe keine Angst, dass dem Papst etwas passiert. Ich habe eher die Angst, dass er eine sterile Stadt besucht, weil alles abgesperrt und gesichert ist. Es gibt Leute, die sagen, ein Besuch von US-Präsident Obama ist nichts dagegen. Und das kann ich bestätigen. Am Montag verwandelt sich der Zionsberg in Fort Knox.

Pater Nikodemus Schnabel, Jerusalem, Dormitio
Pater Nikodemus Schnabel OSB ist Pressesprecher der Dormitio-Abtei in Jerusalem und leitet das Jerusalemer Institut der Görres-Gesellschaft.  Dormitio-Abtei

Frage: Auch die Dormitio-Abtei ist ja Ziel von Aggressionen. Ist Angst da ein ständiger Begleiter?

Pater Nikodemus: Ich muss ehrlich sagen: Wenn es um mich persönlich geht, kenne ich das Gefühl der Angst nicht. Für mich ist es meine freiwillige Lebensentscheidung, hier zu sein. Ich weiß, dass ich mir eine komplizierte und gefährliche Stadt ausgesucht habe. Ich bin 2003 in die Abtei eingetreten, während der zweiten Intifada, da sind hier Busse in die Luft gegangen. Im Vergleich dazu herrscht im Moment noch absolute Ruhe. Schwieriger ist ein anderer Punkt. Wir haben junge Theologiestudenten, es gibt Freiwillige, die nach Schule oder Uni hier ein halbes Jahr verbringen, Pilgergruppen, die einfach das Heilige Land erleben wollen. Wenn diese Gläubigen im Außengelände unseres Priorats Tabgha am See Genezareth sitzen und auf einmal einen Stein abbekommen, angespuckt werden, verflucht werden, ist das eine andere Dimension.

Frage: Wie gehen die israelische Politik und Gesellschaft mit den Spannungen um?

Pater Nikodemus: Wir haben eine wunderbare Zivilgesellschaft hier, die Gewalt nicht tolerieren will. Ich hatte vor einigen Tagen zum Beispiel Besuch von acht Rabbinern, die sich entschuldigt haben für die Aggressionen. Wir Mönche erleben eine unglaubliche Solidarität. Was jedoch enttäuschend ist, ist die Position der offiziellen Seite. So frage ich mich, warum diejenigen, die Anschläge verüben, so selten dingfest gemacht werden können. Das ist merkwürdig für einen Staat, der sonst berühmt ist für seine Sicherheitspolitik und für seine hervorragenden Geheimdienste. Wir erleben auch einen Unwillen der politisch Verantwortlichen, konsequent vorzugehen. Den kann ich nur damit erklären, dass momentan in der Regierung dezidierte Siedlerparteien vertreten sind. Deren Vertreter wollen ihre Stammwählerschaft natürlich nicht vergraulen, sie wollen ja wiedergewählt werden. Aber ein Rechtsstaat, der sich selbst ernst nimmt, darf nicht tolerieren, dass es außerhalb von Militär und Polizei selbsternannte Ordnungshüter gibt, die selbst Recht setzen und Gewalt anwenden. Die Menschen können den Rechtsweg einschlagen, Leserbriefe schreiben, demonstrieren, das ist alles Recht in einer Demokratie - wie im Wilden Westen Cowboy zu spielen, jedoch nicht.

Kann da der Papstbesuch eine Hilfe sein?

Pater Nikodemus: Nein, leider nicht, es ist umgekehrt. Franziskus wird sicherlich nichts passieren, nur fragen wir Mönche uns: Wenn der Papst vom Berg Zion weg ist, was passiert dann, müssen wir dann diesen Papstbesuch sozusagen "bezahlen"? Wenn das Medieninteresse abgeflaut ist und die Welt und auch der Staat Israel nicht mehr so genau hinschauen, erwarte ich eine Eskalation der Gewalt. Wenn es Anschläge gibt, folgen sie oft einer primitiven Logik: Eine Siedlung muss aufgegeben werden oder erhält keine Baugenehmigung, und dafür muss aus Sicht der Siedler ein Preis gezahlt werden. Bei Randalen wird dann tatsächlich eine Art "Preisschild" oder "Price-Tag" mit dem Namen des Außenpostens hinterlassen. Und in dieser Logik kann ich mir vorstellen, dass wir einen Preis dafür zahlen müssen, dass der Papst Israel besucht. Dennoch schaue ich mit großer Zuversicht auf diesen Besuch und freue mich jeden Tag mehr darauf - fast wie ein kleines Kind!

Das Interview führte Gabriele Höfling

Zur Person

Pater Nikodemus Schnabel ist nach seinem Theologiesudium in Fulda, München und Münster im Jahr 2003 in die Jerusalemer Dormitio-Abtei eingetreten. Seine Profess legte er 2004 ab, 2009 wurde er zum Diakon und 2013 zum Priester geweiht. Er ist promovierter Liturgiewissenschaftler und Ostkirchenkundler. Seit 2011 leitet er das Jerusalemer Institut der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft. Pater Nikodemus wurde 1978 in Stuttgart geboren und wuchs in süddeutschen Raum auf.

Stichwort: Dormitio-Abtei

Die deutschsprachige Benediktinerabtei der Dormitio gehört als Blickfang zur Silhouette Jerusalems. Der Bau des Klosters auf dem Zionsberg am Rande der Altstadt begann im März 1906. Es befindet sich dort, wo die kirchliche Tradition das Pfingstereignis verortet, das als Geburtsstunde der Kirche gilt. Seine Entstehung verdankt das Kloster einem Besuch von Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem. Im Oktober 1898 nahm er an der Einweihung der evangelischen Erlöserkirche teil. Um den konfessionellen Proporz bedacht, kaufte er auch ein Grundstück, das er dem Deutschen Verein vom Heiligen Land überließ. Acht Jahre später trafen die ersten drei Mönche aus der süddeutschen Abtei Beuron ein und begannen mit dem Bau eines Klosters, das an "Mariä Heimgang" (lateinisch: "Dormitio Mariae") erinnern sollte. 1910 wurde die Kirche geweiht, das Kloster 1926 zur Abtei erhoben. Von 1948 bis 1951 waren die Mönche ausquartiert, weil das Kloster nahe an der Grenze zwischen Israel und der - damals jordanischen - Altstadt lag. Seit Ende der 1960er Jahre gewann die Abtei an Bedeutung, wofür Laurentius Klein (1928-2002) als Abt von 1969 bis 1979 entscheidende Weichen stellte. Unter anderem begründete er 1973 ein ökumenisches Theologisches Studienjahr für Studierende aus dem deutschsprachigen Raum. (KNA)

Stichwort: Dormitio-Abtei

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