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Anonym und homophob

Die Macher bleiben anonym und nutzen Server-Standorte in Übersee fernab juristischer Durchgriffsmöglichkeiten: Internet-Auftritte wie "kreuz.net" kommen mit antisemitischen, homophoben und rechtsextremen Schmähungen daher. Zwar hat sich das Hetzportal nach starkem öffentlichen Druck im Dezember 2012 selbst abgeschaltet. Doch Experten gehen davon aus, dass diese "Extremisten in der katholischen Kirche" keinesfalls aufgegeben haben.

Extremismus | Mülheim an der Ruhr - 04.07.2014

Die Macher bleiben anonym und nutzen Server-Standorte in Übersee fernab juristischer Durchgriffsmöglichkeiten: Internet-Auftritte wie "kreuz.net" kommen mit antisemitischen, homophoben und rechtsextremen Schmähungen daher. Zwar hat sich das Hetzportal nach starkem öffentlichen Druck im Dezember 2012 selbst abgeschaltet. Doch Experten gehen davon aus, dass diese "Extremisten in der katholischen Kirche" keinesfalls aufgegeben haben.

"Kreuz.net ist tot - aber die Gesinnung lebt", sagte Ulrich Lota am Donnerstagabend bei einer Tagung in Essen. Er steht der Arbeitsgemeinschaft der Pressesprecher der Bischöflichen Pressestellen in Deutschland vor und beobachtet seit Jahren die Medienszene. Der abgründige Hass suche sich andere anonyme Nischen im Internet, etwa auf der Seite "gloria.tv" .

Ihr "Kopf" sei der untergetauchte und amtsenthobene Schweizer Priester Reto Nay; der Domainname sei auf eine Frau in der moldawischen Stadt Balti registriert. Lota präsentierte ein Beispiel für die Hetze: Mehrere Bischöfe, die im vorigen Jahr die empfängnisverhindernde "Pille danach" für Vergewaltigungsopfer zugelassen hatten, seien mit Hakenkreuzen dargestellt und so diffamiert worden.

Nach den Worten Lotas, der Sprecher des Ruhrbistums Essen ist, missbrauchen "diese Gloria-Katholiken" den Namen katholisch, auch wenn die Betreiber vorgäben, sich streng an der Kirchenlehre zu orientieren und für das Lebensrecht ungeborener Kinder oder die Familie einzutreten. Ihr selbst ernanntes Nachrichtenportal kümmere sich nicht um journalistische Prinzipien wie Sorgfaltspflicht bei der Recherche, verharmlose oder negiere den Holocaust.

Fundamentalistisches Kirchenpersonal werde hochgejubelt und liberale Reformer an den Pranger gestellt. Zudem betrieben die Macher "einen interessengeleiteten Kampagnen-Journalismus" und zettelten Brief- und Mail-Aktionen an, um Einfluss auf kirchliche Entscheidungsträger zu gewinnen.

Die Historikerin Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung verwies auf die sich ebenfalls als katholisch bezeichnende Seite "Holoywar", die antisemitische und rechtsextreme Tendenzen aufweise. Und der Auftritt "babycaust.de" stelle Abtreibung mit dem Holocaust auf eine Stufe.

Auf die Frage, warum "kreuz.net" und Co. dauerhaften Hass gegen Modernisten oder Schwule pflegen, gab der Aachener Psychoanalytiker Thomas Auchter eine Antwort: Alles Neue, Andere, Fremde löse bei den "Extremisten" Unsicherheit aus, die es zu eliminieren gelte. Die Mitwelt werde als das gefährliche Böse verstanden, gegen das man sich abschotten müsse.

Angst und Verdrängung als Gründe für Homophobie

Zudem hassen Menschen laut Auchter nichts mehr als das, was sie an sich selbst hassen und zu überwinden suchen. Beispiel Homophobie. Im Hintergrund stehe die Angst um die eigene sexuelle Identität und die Verdrängung persönlicher Probleme. Was man als Böse an sich empfinde, werde auf den Fremden projiziert, um sich so die Illusion zu verschaffen, selbst heil zu sein. Die Feindbilder dienten damit also als "Müllkippe für den eigenen Seelenmüll".

Mit Sorge betrachtet der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer die Hetzportale, da sie "nur die Spitze eines Eisberges" seien. Er berichtete von vielen Briefen und Mails an die Bistumsleitung, deren Tonfall "unglaublich aggressiv" sei. Pfeffer lehnt es aber ab, dem Phänomen eine zu große Bedeutung beizumessen. Denn es handele es sich doch um eine Minderheit in der Kirche.

Generell warnte der Theologe vor einem falschen Kirchenbild, das zu sehr auf Harmonie setze. Vielmehr gehörten Vielfalt und die Auseinandersetzung um verschiedene Positionen zum Kern des 2.000-jährigen Christentums. Auch in Glaubensfragen gebe es keine absolute Sicherheit. Statt Unsicherheiten abzuwehren, komme es auf Dialog an.

Mit Blick auf das Internet sprach sich Lota dafür aus, dass sich die Kirche dort selbst intensiver präsentiert und ein Gegengewicht zu den Hetzportalen schafft. "Wir dürfen es nicht zulassen, dass diese Leute das Bild der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit bestimmen."

Von Andreas Otto (KNA)

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