Auf der Suche nach dem Sinn

Der Zweifler, der Bettler, Frierende Alte, Schmerzensmutter - die Titel von Ernst Barlachs Skulpturen sprechen für sich und erzählen von ihrem Erschaffer. "Mein Glaube ist: Was sich nicht in Worten ausdrücken lässt, kann durch die Form verfügbar werden", sagte der norddeutsche Künstler im Jahr 1932, sechs Jahre vor seinem Tod.

Kultur | Bonn - 24.10.2013

Der Zweifler, der Bettler, Frierende Alte, Schmerzensmutter - die Titel von Ernst Barlachs Skulpturen sprechen für sich und erzählen von ihrem Erschaffer. "Mein Glaube ist: Was sich nicht in Worten ausdrücken lässt, kann durch die Form verfügbar werden", sagte der norddeutsche Künstler im Jahr 1932, sechs Jahre vor seinem Tod.

Das Werk des Bildhauers, Grafikers und Autors ist gezeichnet von einer Auseinandersetzung mit tiefen Emotionen, aber auch von der Frage nach Sinn und religiöser Zugehörigkeit - eine Suche wohl ohne eindeutige Antwort für einen der bedeutendsten Expressionisten des 20. Jahrhunderts. Barlach starb vor 75 Jahren in Rostock, am 24. Oktober 1938.

Der Mensch, Körpersprache und Mimik waren es, denen Barlach seine volle Aufmerksamkeit widmete. Scheinbar simpel bieten seine Arbeiten unendlich viele Deutungsmöglichkeiten. Dabei beschränkte er sich nicht auf eine Kunstform. Barlach schuf Skulpturen aus Holz und Bronze, Grafiken und Lithographien, aber auch Dramen, darunter "Die Sündflut" (1924), die mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet wurde.

Christlicher Künstler oder Arbeiterkünstler?

Religiöse Kontexte und Sinnfragen spielten nahezu immer eine Rolle, aber mit viel Offenheit und ohne ideologische Scheuklappen, wie der Leiter des Ernst Barlach Hauses in Hamburg, Karsten Müller, betont: "Barlach selber hat sich zu Lebzeiten nicht durch konfessionelle Bindungen einschränken lassen." In seiner Neugier habe er seine ganz eigene Bildsprache geschaffen. Bis heute gebe es zum Beispiel Unterschiede bei der Rezeption Barlachs in Ost- und Westdeutschland. Während er in Westdeutschland als konfessioneller, ja christlicher Künstler gelte, sei er in der ehemaligen DDR ein Beispiel für einen Arbeiter- oder Humanistenkünstler, erläutert Müller.

"Ich gebe wieder das, was ist, das Wirkliche und Wahrhaftige", war Barlachs eigene Einstellung zu seiner Arbeit. Als Ältester von vier Söhnen wurde er am 2. Januar 1870 im holsteinischen Wedel geboren. Der Vater starb, als Barlach 14 Jahre alt war. Das Verhältnis zur Mutter, die an Depressionen litt, blieb bis zu deren Selbstmord 1920 angespannt. Mit 18 Jahren besuchte Barlach die Gewerbeschule in Hamburg. Wenige Jahre später siedelte er nach Dresden um, wo er Meisterschüler des Bildhauers Robert Diez (1844-1922) wurde.

"Der Schwebende" ist eines der bekanntesten Werke von Ernst Barlach.
"Der Schwebende" ist eines der bekanntesten Werke von Ernst Barlach.
 picture-alliance/ ZB

Russlandreise als Wendepunkt

1906 kam der Wendepunkt in Barlachs Leben. Eine Russlandreise mit seinem Bruder bedeutete für ihn einen künstlerischen Neubeginn. Insbesondere die Figur des einfachen Bettlers als Inbegriff der menschlichen Existenz habe den Künstler bewegt, erklärt Kunsthistoriker Müller.

Barlachs anfängliche Begeisterung für den Ersten Weltkrieg - ein Wunsch nach Aufbruch und Veränderung - verwandelte sich bald in Frustration und Resignation, was ihn jedoch nicht von seiner Arbeit abhielt. 1917 fand in Berlin seine erste Einzelausstellung statt, 1919 wurden zwei Dramen uraufgeführt. Jedoch machte dem vielseitigen Künstler früh seine schwache Gesundheit, darunter eine chronische Herzkrankheit und Depressionen, zu schaffen.

Unter Beschuss der Nationalsozialisten

Mitte der 1920er Jahre widmete sich Barlach monumentalen bildhauerischen Arbeiten, unter anderen dem Magdeburger Ehrenmal und der Gemeinschaft der Heiligen in Lübeck. Dabei blieb der Künstler seiner bescheidenen Form treu - Heldenverehrung war ihm fremd. Eine Haltung, die die Nationalsozialisten gegen ihn aufbrachte. "Barlachs Mahnmale waren in ihrem Verzicht auf demonstrative Heldenverehrung politisch nicht zu vereinnahmen", erklärt Müller.

Unter Beschuss durch die Nationalsozialisten wehrte sich Barlach. In der Rundfunkrede "Künstler zur Zeit" forderte er 1933 künstlerische Freiheit ohne Denkverbote. Nach und nach entfernten die Nationalsozialisten seine Arbeiten, seine Dramen wurde abgesetzt, ihm drohte ein Berufsverbot. Barlach hielt das weder von seiner Arbeit noch von seinen Überzeugen ab - wo es ging, arbeitete er weiter. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich jedoch stetig. Nach ein Besuch in einer Rostocker Privatklinik starb Barlach am 24. Oktober 1938 mit 68 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts.

Von Anna Mertens (KNA)

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