Auf Leben und Tod

Gegenwehr zwecklos: Wer mit Dieter Heckmann durchs Gelände zieht, sieht den Hürtgenwald irgendwann mit anderen Augen. Der Steinhaufen da hinten: das Grab eines unbekannten Soldaten? Die Grube am Wegesrand: ein altes Maschinengewehrnest? Das Knacken im Geäst: eine akustische Erinnerung an jene Heckenschützen, die damals auf Buchen, Eichen und Tannen saßen? Es ist, als wachten die Toten auf. Und die gab es zu Zehntausenden.

Zweiter Weltkrieg | Vossenack - 02.11.2014

Gegenwehr zwecklos: Wer mit Dieter Heckmann durchs Gelände zieht, sieht den Hürtgenwald irgendwann mit anderen Augen. Der Steinhaufen da hinten: das Grab eines unbekannten Soldaten? Die Grube am Wegesrand: ein altes Maschinengewehrnest? Das Knacken im Geäst: eine akustische Erinnerung an jene Heckenschützen, die damals auf Buchen, Eichen und Tannen saßen? Es ist, als wachten die Toten auf. Und die gab es zu Zehntausenden.

Vor 70 Jahren, im Herbst 1944, fand in der Nordeifel nahe Belgien eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs statt. Genau genommen waren es mehrere aufeinanderfolgende Kämpfe , von denen die am 2. November mit dem Sturm auf das kleine Dörfchen Vossenack begonnene "Allerseelenschlacht" einen dramatischen Höhepunkt bildete. Geführt wurde der Angriff von US-Truppen, die bereits an der Landeoperation der Alliierten in der Normandie, dem "D-Day", teilgenommen hatten. Der Befehl lautete, einen Weg nach Köln zu bahnen. Die Deutschen versuchten, den Vormarsch mit allen Mitteln zu stoppen, um unter anderem ihre "Ardennenoffensive" vorbereiten zu können.

Was sich in den folgenden fünf Monaten im Hürtgenwald abspielte, war Grauen pur. In dem unübersichtlichen Gebiet zwangen die Verteidiger die US-Soldaten in kräftezehrende Gefechte. Ernest Hemingway, als Kriegsberichterstatter vor Ort, verglich die Kämpfe um jeden Quadratmeter Boden mit der Pattsituation in Flandern während des Ersten Weltkriegs. US-Soldaten sprachen von der "Todesfabrik", das heutige Wanderparadies Hürtgenwald wurde zur "Hölle". In Vossenack erinnert ein kleines Museum an die Ereignisse. Dieter Heckmann ist einer von rund 15 Ehrenamtlichen des lokalen Geschichtsvereins, der die Einrichtung betreut.

Dieter Heckmann, einer von rund 15 Ehrenamtlichen des lokalen Geschichtsvereins, führt eine Gruppe Besucher auf dem "Kall Trail" bei Vossenack. Versteckt zwischen den Bäumen im Wald um Vossenack sind gesprengte Bunker, Schützengräben und Maschinengewehrnester zu sehen.
 KNA

Bewegende Szenen abseits der Kämpfe

Fassungslos blicken viele der rund 4.000 Besucher im Jahr auf die Schicksale, die durch Exponate wie persönliche Briefe oder einen Kübelwagen der Wehrmacht lebendig werden. "Eine verstörende Geschichte", findet Paul van der Mars aus dem niederländischen Breda. Zusammen mit seinen Kindern Sarah und Gys will er sich anschließend auf den "Kall Trail" machen, einen rund 8,5 Kilometer langen Rundweg auf steilen Pfaden hinunter ins Tal der Kall.

Dort spielten sich vor 70 Jahren bewegenden Szenen ab. Während der Feuerpausen versorgten amerikanische und deutsche Sanitäter gemeinsam die Schwerverletzten. Doch das "Wunder vom Hürtgenwald" währte nur wenige Tage, erzählt Heckmann. Die übergeordneten Dienststellen untersagten die Zusammenarbeit. "Das kostete noch einmal unzählige Verwundete das Leben." Ob es insgesamt tatsächlich 68.000 waren, wie es am Portal der Sankt-Josefs-Kirche in Vossenack steht, darüber streiten die Fachleute.

Fest steht, dass für die Bewohner von Vossenack und Umgebung, die vor Ausbruch der Schlacht zwangsevakuiert worden waren, das Ende der Kämpfe noch lange keine Erlösung brachte. Dörfer und Weiler waren größtenteils zerstört, der Hürtgenwald glich mit seinen kahlen und zerschossenen Baumstämmen einer Mondlandschaft. Im trockenen Sommer 1947 brannten die Wälder wie Zunder - ein Inferno, ausgelöst auch von herumliegenden Munitionsrückständen und Phosphor. Erst Ende der 1950er Jahren setzte die Wiederaufforstung ein. Im Rückblick scheint es, als ob damit auch sprichwörtlich Gras über die Vergangenheit wuchs.

Gegen das Vergessen arbeiten

"Man" sprach nicht mehr über das düstere Kapitel. Der "Totengräber von Vossenack", Julius Erasmus, der nach dem Krieg unter Lebensgefahr und mit Unterstützung einiger Helfer und des damaligen Pfarrers von Sankt Josef, Werner Eschweiler, über 1.500 Gefallene aus dem von Blindgängern durchsetzten Kampfgebiet barg, starb beinahe vergessen 1971; das erste Buch zur "Hölle im Hürtgenwald" erschien 1981; ein Dokumentarfilm "You enter Germany" folgte 2007.

Jetzt, wo die letzten Zeitzeugen sterben, arbeiten Heckmann und seine Mitstreiter gegen das Vergessen an. "Die Menschheit hat nicht viel gelernt", sagt er mit Blick auf die aktuellen Krisen. Der Boden des Hürtgenwalds wird die Vergangenheit wohl noch lange speichern. Immer noch sucht die US-Armee rund 150 Soldaten, die im Gebiet der heutigen Gemeinde Hürtgenwald vermisst werden.

Von Joachim Heinz (KNA)

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