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Auf schmalem Grat

Die Diskriminierung von Christen in Westeuropa nimmt zu." Seit einigen Wochen geistert diese Schlagzeile durch das Internet. Einschlägige Seiten berichten unter Berufung auf eine Studie des Wiener Dokumentationsarchivs der Intoleranz gegen Christen von "gewalttätigen Übergriffen gegen Christen westlich von Wien", "Störungen von und Angriffen auf Gebetstreffen" und ziehen Vergleiche zur Situation von Christen in der Sowjetunion vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Ethik | Bonn - 03.12.2012

Die Diskriminierung von Christen in Westeuropa nimmt zu." Seit einigen Wochen geistert diese Schlagzeile durch das Internet. Einschlägige Seiten berichten unter Berufung auf eine Studie des Wiener Dokumentationsarchivs der Intoleranz gegen Christen von "gewalttätigen Übergriffen gegen Christen westlich von Wien", "Störungen von und Angriffen auf Gebetstreffen" und ziehen Vergleiche zur Situation von Christen in der Sowjetunion vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Bahnt sich gerade also ein erschreckender Trend an - oder werden hier Einzelfälle überspitzt dargestellt? Sicher ist: Rechtsextreme und islamfeindliche Autoren interpretieren Studien gerne im Sinne ihrer eigenen Interessen. Und vieles, was zu der Thematik durch das Netz wabert, ist zumindest missverständlich.

Da wäre zum Beispiel die Autorenschaft der Studie: Mehrere Internetseiten bezeichnen das Wiener Dokumentationsarchiv als "OSZE-Beobachtungsstelle", was zumindest ungenau ist. Thomas Rymer, Pressesprecher des OSZE-Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR ) stellt klar: "Das Dokumentationsarchiv ist eine Nichtregierungsorganisation, kein Teil der OSZE." Allerdings sei das ODIHR für seinen jährlichen Hate-Crime-Report auf die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen angewiesen.

Der Report stellt Verbrechen zusammen, die in den OSZE-Staaten aus Hass oder Vorurteilen gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen begangen wurden – zum Beispiel gegen Sinti und Roma, Homosexuelle, Juden, Muslime und auch gegen Christen. In diesem Zusammenhang seien in der Vergangenheit auch Daten des Dokumentationsarchivs eingeflossen, erklärt Rymer. Außerdem haben Martin und Gudrun Kugler, die Gründer des Dokumentationsarchivs, schon mehrfach Tagungen mit dem ODIHR organisiert. Die Aussagekraft der aktuellen Studie möchte die ODHIR aber nicht kommentieren: "Unsere Rolle besteht darin, Daten zu sammeln und zu präsentieren, nicht ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen", so Rymer.

"Das kommt aus einer bestimmten Ecke"

Detlef Pollack, Religionssoziologe vom Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Universität Münster, traut sich das schon zu: "Die Themen, der Gestus der Argumentation und die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, dass hier einige konservative Christen die von ihnen vertretenen Werte bedroht sehen und die Öffentlichkeit mobilisieren wollen." Das werde vor allem daran deutlich, dass es um Themen wie Abtreibung und Homosexualität gehe und vor allem Feministinnen, linke Kreise und Antifa-Gruppen als aggressive Feinde des Christentums ausgemacht würden. Besonders falle ins Auge, wie sehr die Studie die Rechte der Lebensschützer thematisiere. "All das kommt offenbar aus einer bestimmten Ecke, spricht aber nicht die Sprache eines seriösen Berichts", bilanziert Pollack. Zudem seien die angeprangerten Vergehen gegen Christen vergleichsweise harmlos: Veranstaltungen werden gestört, Redner am Reden gehindert, Mädchen angepöbelt. "Über handfeste Gewalt vermag die Studie kaum zu berichten", so Pollack.

Gudrun Kugler, von 2010 bis 2012 Mitglied des Beirats der EU-Grundrechteagentur, findet trotzdem nicht, dass man über die Vorfälle schweigen sollte: "Studien zeigen, dass 85 Prozent aller antireligiös motivierten 'hate crimes' gegen Christen gerichtet sind", schreibt die Juristin in der Pressemitteilung zum jüngsten Report. Ihr Ehemann Martin führt im Interview aus, woher die Organisation ihre Daten bezieht: "Wir versuchen, sehr genau zu sein, aber natürlich kochen wir nur mit Wasser. Den Großteil unserer Fälle erhalten wir über die Medien - wo es geht, überprüfen wir die Fakten mit Vertrauenspersonen vor Ort noch einmal nach. Da kann es auch sein, dass wir einen Fall nicht aufnehmen, wenn wir uns nicht sicher sind."

Die Idee zur Gründung der Datensammelstelle war dem Historiker und seiner Frau bei einer Anhörung zum Fall Rocco Buttiglione gekommen. Der katholische italienische Politiker war 2004 als EU-Justiz-Kommissar nominiert, geriet aber mit seinen Ansichten zur Homosexuellen-Ehe in die Kritik und erhielt den Posten schließlich nicht. "Buttiglione wurde zu Unrecht Homophobie vorgeworfen, er konnte nur aufgrund seiner christlichen Überzeugungen sein Amt nicht antreten", ist sich Kugler sicher.

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Diskriminierung oder Meinungsäußerung?

Aber ab wann gilt ein Verhalten als diskriminierend, ab wann als freie Meinungsäußerung? Die Diskussionen um das Papstcover des Satire-Magazins "Titanic" haben gezeigt, wie fließend diese Grenzen bisweilen verlaufen - und wie subjektiv sie für jeden einzelnen sind. Der eine Christ mag sich bereits vor den Kopf gestoßen fühlen, worüber der andere noch schmunzelt. Kugler, der sich wie seine Frau stark für das Lebensrecht ungeborener Kinder engagiert, erinnert sich an ein Transparent, das Abtreibungsbefürworter bei einem Kongress der Lebensschutzbewegung geschwungen hatten: "Hätte Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben!" war darauf zu lesen. "Das ist nicht mehr Meinungsfreiheit, das verletzt religiöse Überzeugungen und die Menschenwürde!" so Kugler.

"Wir sprechen nicht leichtfertig von Diskriminierung, nur wenn es sich um rechtliche Einschränkungen handelt", sagt Kugler und nennt Beispiele: Wenn Ärzte, praktizierende Christen, während ihrer Ausbildung an einer Abtreibung teilnehmen müssen. Wenn Eltern bestraft werden, weil sie ihre Kinder für zwei Tage von der Schule genommen haben, weil sie mit dem Sexualunterricht nicht einverstanden sind. So bewertet das Dokumentationsarchiv in seinem jüngsten Report auch eine Strafe von 3.600 Pfund als diskriminierend, die christliche Besitzer eines Gästehauses in Großbritannien zahlen mussten. Sie hatten es abgelehnt, ein homosexuelles Paar aufzunehmen.

Aber lässt sich tatsächlich von einem zunehmenden Trend sprechen? "Wir werden oft um Zahlen gebeten. Es gibt aber noch keine europaweiten Studien zu dem Thema", stellt das Dokumentationsarchiv in seinem jüngsten Report fest und verweist auf einzelne, nationale Studien aus Frankreich und Großbritannien. Michael Rymer bestätigt: "Es gibt zu wenig Daten, um zu sagen, die Diskriminierung von Christen in Westeuropa hätte zugenommen. Während die Qualität der Daten, die wir erhalten, sich mit der Zeit verbessert hat, ist es immer noch schwierig, Trends zu erkennen und die tatsächliche Tragweite des Problems einzuschätzen."

Der Teufel an der Wand

Hier widerspricht Kugler: "Es ist ganz klar, dass die Diskriminierungen gegen Christen zunehmen." Zumindest bei der Frage der rechtlichen Einschränkungen brauche man keine Statistiken: Es seien in den vergangenen Jahren schlichtweg mehr Gesetze in den europäischen Staaten erlassen worden und mehr Richtersprüche gegen die Religionsfreiheit gefallen. "Wenn es einen Muslim betrifft, herrscht da eine ganz andere Sensibilität. Es ist ja gut, wenn Christen eine etwas dickere Haut haben, aber man darf sich gerade wegen des Dialogs mit Andersgläubigen nicht alles gefallen lassen."

Grund dazu, den sprichwörtlichen Teufel an die Wand zu malen, sieht Religionssoziologe Pollack aber nicht: "Im Großen und Ganzen ist das Christentum in Europa als europäische Leitkultur mehrheitlich anerkannt und akzeptiert." Einige antiklerikale Strömungen in Spanien, Frankreich und Italien ließen sich leicht mit der engen Verzahnung der katholischen Kirche mit der politischen Herrschaft dort erklären. Selbst in einem laizistisch geprägten Land wie Frankreich stimmten 73 Prozent der Bevölkerung der Aussage zu, dass das Christentum das Fundament unserer Kultur sei.

"Das schließt einzelne Akte von Diskriminierung und Intoleranz gegenüber Christen und Kirchen natürlich nicht aus", so Pollack. Obschon der Atheismus in der Öffentlichkeit aggressiver auftrete, wolle er aber nicht von einem starken Trend in diese Richtung sprechen. "Im Großen und Ganzen scheint es sich dabei um einen Kampf auf der diskursiven Ebene zu handeln: Wer ist das größere Opfer und hat daher auch ein legitimes Anrecht darauf, gehört zu werden: die Kirchen- und Religionskritiker oder die konservativen Christen?" Wirkliche Christenverfolgungen gebe es nur außerhalb Westeuropas. "Dort aber sind sie ein ernstes Problem", so Pollack.

Von Jens Wiesner

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