Aufbruch oder Stillstand?

Die Bischofssynode im Vatikan ist am Sonntag zu Ende gegangen. Einig waren sich die Teilnehmer über die herausragende Bedeutung von Ehe und Familie, die es weiterhin zu schützen und zu betonen gilt. Kontrovers diskutiert wurde dagegen über Homosexualität und wiederverheiratete Geschiedene. Der Abschlussbericht der Bischöfe fiel dennoch weitaus zurückhaltender aus, als es das "Halbzeitergebnis" der Synode vermuten ließ. In Deutschland sind die Reaktionen daher unterschiedlich.

Familiensynode | Bonn - 21.10.2014

Die Bischofssynode im Vatikan ist am Sonntag zu Ende gegangen. Einig waren sich die Teilnehmer über die herausragende Bedeutung von Ehe und Familie, die es weiterhin zu schützen und zu betonen gilt. Kontrovers diskutiert wurde dagegen über Homosexualität und wiederverheiratete Geschiedene. Der Abschlussbericht der Bischöfe fiel dennoch weitaus zurückhaltender aus, als es das "Halbzeitergebnis" der Synode vermuten ließ. In Deutschland sind die Reaktionen daher unterschiedlich.

Der Vorsitzende der Familienkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heiner Koch, hat die kontroversen Meinungen zu Homosexualität und wiederverheirateten Geschiedenen verteidigt. "Die Synode ist schließlich keine Einheitspartei", sagte der Dresdner Bischof am Sonntag. Bei den Streitfragen seien die unterschiedlichen Standpunkte "sehr ehrlich und theologisch begründet" diskutiert worden.

"Wir wollten einen lebendigen Austausch und ein ehrliches Abstimmungsergebnis. Das haben wir", so Koch. Zugleich begrüßte er, dass es eine große Übereinstimmung in vielen grundlegenden Fragen wie dem Wert der christlichen Ehe, der Sorge um Alleinerziehende und der Armut in Familien gebe. Die Synode habe ein sehr profiliertes Bild der sakramentalen Ehe gezeichnet, das sich von vielen gesellschaftlichen Definitionen unterscheide, so der Familienbischof.

Oster glaubt nicht an radikale Änderungen der Lehre

Auch der Passauer Bischof Stefan Oster geht nicht von radikalen Änderungen der kirchlichen Lehrmeinung zur Ehe aus. Die Kirche werde keine Lehren vertreten, die den bisherigen explizit widersprechen, sagte Oster der "Frankfurter Rundschau". Wenn die Praxis, dass geschiedene Katholiken neue Beziehungen eingehen, "zum Modell wird, dann verlieren wir in der Kirche vielleicht etwas von der Dimension, die Christus mit dem Wort beschreibt: 'Wer mein Jünger sein will, der nehme sein Kreuz auf sich'", so Oster.

Menschlich sei der Wunsch nach einer neuen Partnerschaft aber sehr verständlich: "Ich bin der Letzte, der auf diese Menschen anklagend mit dem Finger zeigt", sagte der Bischof. Christus wolle, dass Menschen solche "schwierigen Situationen bestehen, in ihnen reifen und dadurch immer mehr zu glaubenden, hoffenden und liebenden Menschen werden". Es bedürfe künftig einer deutlich intensiveren Ehevorbereitung von Paaren.

Der Osnabrücker Bischof Franz Josef Bode hätte sich von den Kardinälen und Bischöfen noch mehr Mut zu Reformen gewünscht. Der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vom Dienstag sagte er wörtlich: "Man wird das, was eine Mehrheit der Bischöfe entschieden hat, nicht einfach ignorieren können". Der Papst habe eine offene Diskussion angestoßen. Bode leitet seit 2010 innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz die Pastoralkommission.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück
 picture alliance / dpa

Glück: "Lebendigkeit der Kirche"

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, bescheinigt der Familiensynode "Zeichen des Aufbruchs". Im Interview der "Passauer Neuen Presse" forderte er am Montag eine Weiterentwicklung der katholischen Lehre und einen Aufbruch aus jahrelanger Erstarrung. "Dass es Bewegung gibt und eine offene Atmosphäre der Diskussion und des Miteinanders, ist für jeden spürbar", sagte der frühere CSU-Politiker. Die Familiensynode habe unterschiedliche Positionen offen ausgetragen. "Das spricht für die Lebendigkeit der Kirche und lässt auf fruchtbare Ergebnisse hoffen." Trotz der harten Debatten über einen Öffnungskurs sieht Glück die Kirche nicht in einer Zerreißprobe. "Es ist ganz normal, dass es dabei Spannungen gibt."

Glück plädierte für Reformen. "Wir müssen sehen, ob kirchliche Lehre sich weiterentwickeln kann oder Tradition nur verstanden wird als starres Festhalten am Bestehenden", sagte der ZdK-Präsident. "Ich bin überzeugt, dass wir eine Weiterentwicklung katholischer Lehrmeinungen benötigen. Nach Jahrzehnten der Erstarrung müssen wir diese Diskussion jetzt führen." Vor allem beim Umgang mit Wiederverheirateten hoffe die übergroße Mehrheit der Katholiken in Deutschland auf Bewegung.

Ebenfalls zuversichtlich über die Signale hat sich der Theologe Wunibald Müller geäußert. Die "Ära der Angst", die die katholische Kirche über Jahrzehnte geprägt habe, sei zu Ende, schreibt der Leiter des Recollectio-Hauses in Münsterschwarzach in einem Gastbeitrag für die "Fuldaer Zeitung" vom Montag. Der Papst ermutige die Christen, für ihre Überzeugungen einzutreten. Das Recolletio-Haus kümmert sich um Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter in persönlichen und beruflichen Krisen.

Wolfgang Ehrenlechner im Porträt
Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Wolfgang Ehrenlechner.
 BDKJ

BDKJ enttäuscht vom Arbeitspapier

In Zukunft rechne er mit einer Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion, so Müller weiter. Die "Vertreter eines barmherzigen Umgangs" dürften mit immer mehr Zuspruch unter den Bischöfen rechnen. Diese Änderung werde auch für andere umstrittene Bereiche nicht ohne Auswirkung bleiben, etwa den Umgang mit Homosexuellen. Sie müssten "einen selbstverständlichen Platz in der Kirche haben", sagt der Theologe. Eine notwendige Konsequenz sei, dass die katholische Kirche auch schwule Männer "als Priester zulässt und in der Kirche willkommen heißt". Der Anteil homosexueller Männer unter den geweihten Priestern betrage seiner Einschätzung nach ohnehin mindestens 20 Prozent.

Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) zeigte sich enttäuscht über das Arbeitspapier. Er hätte sich mehr Mut gewünscht, auf die Stimmen der Gläubigen zu hören, erklärte der BDKJ-Bundesvorsitzende Wolfgang Ehrenlechner. Die Kirche habe eine Chance verpasst. "Die große Mehrheit der jungen Menschen in der Kirche empfindet die Verbotsmoral der katholischen Ehelehre als unangebrachte Einmischung in ihr Privatleben", fügte er hinzu. "Das Unverständnis in Bezug auf die Diskriminierung homosexueller Partnerschaften ist unter jungen Menschen enorm."

Auch der religionspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, zeigte sich enttäuscht. Die nicht erreichte Öffnung der Kirche gegenüber Homosexuellen und wiederverheiratet Geschiedenen sei aber "nicht das letzte Wort", erklärte Beck am Sonntag in Berlin. Von Papst Franziskus verlangte er deutlicheren Rückhalt für verfolgte Homosexuelle in Afrika und Asien. Der Papst solle klarstellen, "dass, wer Homosexuellen das Leben oder ihre Freiheit nimmt oder dieses gut heißt, außerhalb der christlichen Kirche steht". Der Papst müsse katholischen Bischofskonferenzen in Afrika "Einhalt gebieten", verlangte Beck.

Die kirchenkritische Initiative "Wir sind Kirche" erklärte, die Synode habe einen "längst überfälligen" offenen Dialogprozess eingeleitet, der "nicht mehr gestoppt werden darf und kann". Es sei höchste Zeit, dass "die Grundlagen für die kirchliche Sexuallehre im Einklang mit den modernen Humanwissenschaften entwickelt werden". Dies müsse zu einer Rücknahme falscher Doktrinen und zu einer Weiterentwicklung der Lehre führen. (bod/KNA)

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