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Aus dem Tritt

Gerade vier Jahre ist es her, dass im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein Papier geschrieben wurde, das nicht nur in der katholischen Kirche für Verstimmung sorgte. Mit der Gegenüberstellung einer kraftstrotzenden evangelischen und einer schwächelnden katholischen Kirche hatte Autor Thies Gundlach, heute Vizepräsident des Kirchenamts, damals das Selbstbewusstsein mancher Protestanten zum Ausdruck gebracht.

Evangelische Kirche | Berlin - 17.07.2013

Gerade vier Jahre ist es her, dass im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein Papier geschrieben wurde, das nicht nur in der katholischen Kirche für Verstimmung sorgte. Mit der Gegenüberstellung einer kraftstrotzenden evangelischen und einer schwächelnden katholischen Kirche hatte Autor Thies Gundlach, heute Vizepräsident des Kirchenamts, damals das Selbstbewusstsein mancher Protestanten zum Ausdruck gebracht.

Vier Jahre später und vor allem vier Wochen nach der Veröffentlichung einer "Orientierungshilfe" des Rates der EKD zum Thema Familie käme niemand mehr auf die Idee, ihnen eine Meinungsführerschaft zu attestieren. Der Rat bezieht Prügel von fast allen Seiten, die Pressestimmen sind teilweise vernichtend: "Die EKD ist wieder dort angekommen, wo sie vor Wolfgang Huber stand", urteilt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Und "Die Welt" fürchtet "zwei Jahre Stagnation" bis zum Ende der Amtsperiode des Rates im Herbst 2015.

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider
Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider
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Populär-populistische Käßmann

Dass die EKD, wenige Jahre vor dem mit großer Geste ausgerufenen 500-Jahr-Jubiläum der Reformation, so aus dem Tritt gekommen ist, resultiert nicht nur aus individuellen Fehlern. Der Rücktritt der 2009 mit großen Erwartungen gewählten Ratsvorsitzenden Margot Käßmann brachte das Personaltableau des Leitungsgremiums durcheinander. Ihr Nachfolger Nikolaus Schneider sollte das nach sechs Jahren Huber stets unter Volldampf gefahrene und durch die populär-populistische Käßmann ins Schlingern geratene Schiff der EKD wieder auf Kurs bringen. Der damalige rheinische Präses stand für Bodenständigkeit und Solidität.

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass gerade das Fehlen dieser Eigenschaften mit zum Debakel um das Familienpapier führte: Der Rat machte sich einen Text zu eigen, dessen theologische Defizite fast allen anderen Lesern sofort auffielen. Nun ist vor allem das Ansehen Schneiders beschädigt, der das Papier vehement verteidigt und sich nun Rücktrittsforderungen ausgesetzt sieht.

Bald nur noch ein "Amtierender" im Rat

Dass der Text die meisten Landesbischöfe oder Kirchenpräsidenten der 20 lutherischen, unierten oder reformierten Landeskirchen überraschte - fünf von ihnen gingen mehr oder weniger deutlich auf Distanz -, lag nicht nur an einem ungeschickten Management, sondern auch an einem Strukturproblem des Gremiums.

Unter seinen 15 Mitgliedern sind nur noch wenige amtierende Leitende Geistliche vertreten. In Kürze wird der sächsische Landesbischof Jochen Bohl (63) der einzige noch "Amtierende" im Rat sein. Damit fehlt nicht nur eine Anbindung des Rates an die Landeskirchen, sondern auch eine Verzahnung mit den konfessionellen Kirchenbünden innerhalb der EKD.

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Präses Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands, über die Ökumene, die Diskrepanzen in der Biomedizin und das Reformationsjubiläum.
 Sarah Schortemeyer

Nun ist die EKD ja im strengen Sinn keine Kirche, sondern eine "Gemeinschaft" der Landeskirchen mit begrenzten Befugnissen. Ihre Gestaltungsmacht betrifft nur die Bereiche, die sich im EKD-Haushalt abbilden, der mit 187 Millionen Euro noch nicht einmal so groß ist wie der einer mittleren Landeskirche und keine zwei Prozent der Gesamteinnahmen und Ausgaben der Protestanten in Deutschland umfasst.

Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum

Huber wusste sehr wohl, warum er seine Amtszeit als Berliner Bischof bis zum Ende seiner Periode als Ratsvorsitzender verlängern ließ, er wollte kein "König ohne Land" sein. Dennoch sind viele seiner Impulse - etwa zur EKD-Reform - inzwischen versandet. Auch die inhaltliche Ausgestaltung der "Themenjahre" zur Reformationsdekade verliert sich ohne einen Masterplan im Diffusen.

Was die Gestaltung des Jubiläumsjahres betrifft, liegt noch vieles im Dunkeln. Fest steht, dass es eine zentrale Eröffnungsfeier am 31.Oktober 2016 geben wird, einen Kirchentag in Berlin und Wittenberg im Frühsommer 2017, eine "internationale Weltausstellung des Protestantismus" sowie dezentrale Abschlussveranstaltungen am 31. Oktober 2017, der bereits in vielen Bundesländern zum Feiertag erklärt worden ist.

Diese Eckdaten mit Inhalt zu füllen, ist eine der Aufgaben des amtierenden Rates der EKD, von dessen Protagonisten 2016 keiner mehr aktiv sein wird. Der oder die nächste Vorsitzende hat dann nur noch wenige Monate Zeit, seine eigenen "Duftmarken" zu setzen. Eine alles andere als beneidenswerte Situation.

Von Norbert Zonker (KNA)

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