Aus der Zeit gesprungen

Es ist wie eine Kette, die sich die Menschen umlegen." Pater Meinrad Dufner umgreift sein linkes Handgelenk. Seit 50 Jahren bleibt die Stelle, wo andere Menschen eine Armbanduhr tragen, beim Benediktinermönch aus Münsterschwarzach frei. "Bei mir sind sie entweder kaputt gegangen oder ich habe sie weggeschmissen."

Orden | Münsterschwarzach - 28.03.2015

Es ist wie eine Kette, die sich die Menschen umlegen." Pater Meinrad Dufner umgreift sein linkes Handgelenk. Seit 50 Jahren bleibt die Stelle, wo andere Menschen eine Armbanduhr tragen, beim Benediktinermönch aus Münsterschwarzach frei. "Bei mir sind sie entweder kaputt gegangen oder ich habe sie weggeschmissen."

Der 69-Jährige verzichtet aber nicht nur aus praktischen Gründen auf die Uhr, sondern ganz bewusst: "Ich lebe nicht mit der Uhr, weil ich im Augenblick lebe. In der Gegenwart." Dufner ist bildender Künstler, schafft Skulpturen, Gemälde, aber auch Denkmäler. Gäste empfängt er im bunten Hemd und Arbeitshose in seinem Atelier.

Der Ordensmann arbeitet an einer neuen Ausstellung zum Thema Kreuz. Aus Latten entsteht gerade ein lebensgroßes. Er hat viele Ideen, zeichnet Skizzen mit Pinsel und Farbe auf den Boden. Und kommt auf das Thema Zeit zu sprechen. Ein Kunstwerk, ein Bild oder ein Gedicht entstehe nicht mal schnell, genauso wenig wie man jemanden "mal schnell lieben kann, jemanden mal schnell trösten kann".

Benediktinerpater Meinrad Dufner steht in seinem Atelier hinter einer Kiste mit Malutensilien.
 KNA

Ein Leben ohne Zeitdruck

Seit 1966 ist der Pater im Kloster. Er war als Präfekt im Internat eingesetzt, als Lehrer in der Schule. Und er ist geistlicher Begleiter für viele Menschen. Das Telefon klingelt: Der Pförtner fragt, ob er in der Abtei die Beichte hören könne. Er möge einen anderen Priester finden, bittet Pater Meinrad. Er sei für eine Stunde im Gespräch. Das Leben ohne Armbanduhr, das ist auch bewusst ein Leben ohne Zeitdruck. Er beginne nie einen Termin mit der Frage nach der Zeit, sagt der Mönch. "Es darf der Gesprächspartner nicht den Eindruck haben, ich bin jetzt da reingequetscht."

Das ständige Kontrollieren von Zeit, der permanente Blick auf die Uhr, um zu schauen, wie viele Minuten nun schon verstrichen seien, dies bedeute, "aus der Zeit heraus zu hüpfen und nicht präsent zu sein". Dufner vertraut bei Gesprächen ganz auf sein inneres Zeitgefühl. Manchmal wacht er nachts auf und schätzt dann die Zeit, "auf fünf bis sieben Minuten genau", wie er betont. Dies ist auch der Rahmen, in dem er schon einmal zu spät zu Terminen erscheint, wie er einräumt.

"Lange Schulstunde geht nicht schneller rum"

"Es gibt sicherlich Menschen, die sind glücklich, wenn sie alles auf die Sekunde geklärt kriegen - wie glücklich die anderen um sie herum sind, wage ich nicht zu behaupten." Er selbst habe schon früh gemerkt, dass das Diktat der Zeit nichts für ihn sei. Eine lange Schulstunde gehe durch den ständigen Blick auf Ziffern und Zeiger nicht schneller rum. "Ich kann überhaupt nicht verstehen, dass jemand selbst bei einer langweiligen Predigt ständig auf die Uhr gucken muss: Das wird nicht kürzer."

Auch mit dem Chronometer als Statussymbol, etwa als Ausdruck für viel Geld, kann der Pater nichts anfangen. "Ich finde das so doof, ich kann mir etwas Kindischeres nicht vorstellen", sagt er lachend. Aber auch Dufner muss einräumen, dass das Leben ohne Armbanduhr im Kloster sehr leicht möglich ist. Die Turmuhr erinnert mit ihrem Schlag an alle wichtigen Gebetszeiten. Aber auch ein Wecker steht in seinem Zimmer: Sonst wäre er nicht um halb fünf Uhr morgens wach - für das erste Gebet.

All das muss Dufner dann auch bei der Zeitumstellung bedenken, die er "saublöd" findet. Schließlich sei es jetzt früh zum Tagesstart in der Abtei endlich hell. Und selbst im Atelier muss Dufner dann doch am Sonntagmorgen die Zeiger um eine Stunde weiterdrehen. Eine alte Pendeluhr hängt dort an der Wand. Sie sei dann doch manchmal ein bisschen Orientierung bei Terminen, gesteht der Mönch. Aber: "Sie ist schön, weil sie Leben reinbringt", sagt Pater Meinrad und macht sich klar zum Aufbruch. Eine Stunde hat das Gespräch nun gedauert - er muss in den Beichtstuhl. Das hat er dem Pförtner versprochen.

Von Christian Wölfel (KNA)

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