Ausgezeichnet oder absurd?

Heute hat die Europäische Union den Friedensnobelpreis überreicht bekommen. Ist diese Entscheidung nachvollziehbar? Die Redakteure Christoph Meurer und Steffen Zimmermann sind unterschiedlicher Ansicht.

Friedensnobelpreis | Bonn - 10.12.2012

Heute hat die Europäische Union den Friedensnobelpreis überreicht bekommen. Der Staatenbund wird damit für seinen Einsatz für Frieden und Versöhnung in Europa geehrt. Doch ist diese Entscheidung nachvollziehbar? Und vor allem: Hat die EU den Preis überhaupt verdient? Die katholisch.de-Redakteure Christoph Meurer und Steffen Zimmermann sind unterschiedlicher Ansicht.

Pro - Eine unglaubliche Idee

Könnt ihr Euch noch an den Krieg erinnern? Nein!? Das ist auch gut so. Mit jedem Jahr, das ins Land zieht, leben in Deutschland, Frankreich oder England weniger Menschen, die Fliegerbomben, zerstörte Innenstädte und hunderttausendfachen Tod aus eigener Erfahrung kennen. Krieg ist in Europa keine Option mehr. Dank der EU.

Christoph Meurer
Christoph Meurer
 Salvatore Tesoro/katholisch.de

Ein Blick in die Geschichte des Kontinents zeigt, dass Frieden der Ausnahmezustand war. Permanent waren die Völker übereinander hergefallen. Deutsche gegen Franzosen, Spanier gegen Engländer, Österreicher gegen Italiener. Dass die Ausnahme seit über einem halben Jahrhundert die Regel ist, liegt an der Union - auf Weltkriegstrümmern gegründet, mit der Absicht, durch enge Zusammenarbeit Konflikte zwischen Ländern unmöglich zu machen. Kann man sich etwas Genialeres vorstellen?

Selbstverständlich ist die EU heute ein bürokratisches Ungetüm. Es ist schon absurd, dass regelmäßig tonnenweise Akten zwischen Brüssel und Straßburg hin und her gekarrt werden, weil das Parlament abwechselnd in beiden Städten tagen muss. Seltsam ist so manche Idee der Kommissionsbeamten. Man denke nur an die Verordnung über das richtige Aussehen von Bananen. So ein Schwachsinn, möchte man sagen. Absolut kein Schwachsinn ist allerdings die Tatsache, dass ein Pole, der spontan in Portugal Bananen essen möchte, einfach hinfahren kann. Ohne Visa-Antrag, Grenzkontrolle oder andere Schikanen.

Große Werke brauchen ihre Zeit. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts träumte der Abbé de Saint-Pierre von einer engen Verflechtung der europäischen Staaten. Erst rund 250 Jahre später war die Zeit reif dafür. Wer will da nach rund 50 Jahren Union erwarten, dass bereits alle Kinderkrankheiten beseitigt sind. Das spricht nicht gegen den Friedensnobelpreis. Ganz im Gegenteil.

Wer den Nobelpreis als Belohnung nach getaner Arbeit ansieht, hat nicht verstanden, worum es geht. Dass Kriegserinnerungen in Europa verblassen, ist nämlich Segen und Gefahr zugleich. Viel zu schnell wird hart Errungenes als selbstverständlich angesehen. Aufgabe aller Europäer ist es, nicht nur in Zeiten der Krise den Frieden nach innen zu sichern und nach außen zu exportieren. Das fängt schon mit einer humanen Behandlung von Flüchtlingen an den Grenzen der Union an.

Die Auszeichnung erinnert die Unionsbürger daran, Teil einer unglaublichen Idee zu sein. Und ermahnt, ihre Vollendung mitzugestalten.

Von Christoph Meurer

Contra - Vergurkte Auszeichnung

Keine Frage: Die Europäische Union hat sich in den sechs Jahrzehnten ihres Bestehens bleibende Verdienste um den Frieden und die Versöhnung in Europa erworben. Der europäische Einigungsprozess hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Bürger in den Mitgliedsstaaten der Union seit 1945 keinen Krieg mehr erleben mussten. Von daher kann man gegen die heutige Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU eigentlich nichts haben.

Steffen Zimmermann.
Steffen Zimmermann
 Salvatore Tesoro/katholisch.de

Doch bei genauerer Betrachtung löst die Entscheidung des Nobelkomitees heftige Bauchschmerzen aus. Was genau wird da heute eigentlich ausgezeichnet? Das Osloer Preiskomitee hat den Nobelpreis ausdrücklich mit dem Beitrag der Europäischen Union für Frieden und Demokratie in Europa begründet. Doch diese Errungenschaften liegen lange zurück. Die EU des Jahres 2012 hat nur noch wenig mit den hehren Zielen ihrer Gründerväter zu tun - insofern ist die Entscheidung des Nobelkomitees ziemlich rückwärtsgewandt.

Vielmehr steckt die Union derzeit in der schwersten Krise ihres Bestehens. Und diese Krise hat den überwunden geglaubten Nationalismus in Europa wieder deutlich gestärkt. Von der integrierenden Kraft der Europäischen Union ist nur noch wenig zu spüren. Der Staatenbund driftet auseinander und das schlimmste dabei: Keinen scheint das wirklich zu stören. Die Entscheidung des Nobelkomitees erscheint deshalb wie der verzweifelte Versuch, die taumelnde Gemeinschaft im Jahr 2012 wieder in ein besseres Licht zu rücken und ihr eine neue Identität einzuhauchen.

Hinzu kommt: Die Europäische Union hat - anders als frühere Friedensnobelpreisträger - nicht das Potential, mit der Autorität der Auszeichnung im Rücken, künftig Gutes in der Welt zu bewirken. Sie ist eine gesichtslose Institution, die das Image Europas bei seinen Bürgern in den vergangenen Jahren nachhaltig beschädigt hat. Wer heute an die Union denkt, denkt zuerst an ein bürokratisches Monster, das sich von Brüssel aus immer wieder mit ärgerlichen Direktiven in die Privatsphäre seiner Bürger einmischt.

Eine Institution, die ihren Hauptzweck darin zu sehen scheint, über den Krümmungsgrad von Gurken und das Schicksal von Glühbirnen zu entscheiden, gleichzeitig aber jegliche inspirierende Idee für Europas Zukunft im 21. Jahrhundert schuldig bleibt, hat den Friedensnobelpreis nicht verdient.

Von Steffen Zimmermann

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2018