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Bald ohne Hebamme?

Ab 2015 gibt es für freiberufliche Hebammen keine Haftpflichtversicherungen mehr. Frauen, die Geburtsbegleitung zu Hause, in Geburtshäusern und als sogenannten Beleghebammen in Krankenhäusern anbieten, droht damit das Aus. Sabine Dörpinghaus, Professorin für Hebammenkunde an der Katholischen Hochschule Köln, spricht von einer katastrophalen Situation: "Hier soll einem ganzen Berufsstand der Garaus gemacht werden."

Politik | Bonn - 19.02.2014

Ab 2015 gibt es für freiberufliche Hebammen keine Haftpflichtversicherungen mehr. Frauen, die Geburtsbegleitung zu Hause, in Geburtshäusern und als sogenannten Beleghebammen in Krankenhäusern anbieten, droht damit das Aus. Sabine Dörpinghaus, Professorin für Hebammenkunde an der Katholischen Hochschule Köln, spricht von einer katastrophalen Situation: "Hier soll einem ganzen Berufsstand der Garaus gemacht werden."

Schuld daran ist der Ausstieg der Nürnberger Versicherung aus der Haftpflichtversicherung für Hebammen. Da diese in Deutschland nur von einem Konsortium aus drei Versicherungen angeboten wird, kann der Verbund ab 2015 nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Die Folge daraus: Ohne Versicherung kann der Beruf nicht ausgeübt werden, denn die Haftungsrisiken steigen ständig an.

Dörpinghaus sieht dadurch die eigentlich gesetzlich verbriefte Wahlfreiheit, über die Umstände der Geburt selbst zu entscheiden, faktisch ausgehebelt. Laut Hebammenverbänden ist diese Wahlfreiheit bereits jetzt in vielen Regionen nicht mehr gegeben. Ohne die Freiberuflerinnen und mit immer mehr zentralisierter Geburtshilfe in den Krankenhäusern bricht die nötige Infrastruktur weg.

Hausgeburten günstiger als Geburten in der Klinik

"Eine Geburt ist nicht steuerbar und nicht technisiert zu gestalten," so die Professorin für Hebammenkunde. Deshalb passe der hoch individuelle Prozess einer Geburtsbegleitung nicht in die Effizienzlogik des Gesundheitssystems – obwohl laut Zahlen der Hebammenverbände Geburten zu Hause und im Geburtshaus deutlich günstiger sind als solche im Krankenhaus.

Eine einheitliche Kostenregelung, die alle Fälle abdeckt und in die Abrechnungslogik von Krankenkassen passt, könne es nicht geben. "Jede Geburt, und damit jede Geburtsbegleitung, ist individuell", begründet Dörpinghaus. Die finanziellen Risiken seien aber sehr wohl versicherbar, nur brauche es dafür den politischen Willen: "Es ist doch absurd: Die Risiken von Atomkraftwerken können versichert werden – aber Geburtsbegleitung scheitert an der Haftpflicht?"

Dass jetzt die Zukunft der Geburtsbegleitung von Hebammen durch die fehlende Haftpflichtversicherung in Gefahr ist, sieht Dörpinghaus als Zeichen für ein gesamtgesellschaftliches Problem. Punktuell erfahren Hebammen hohe Anerkennung, besonders durch Eltern. Das zeigt sich an der Resonanz einzelner Proteste wie etwa Online-Petitionen. Insgesamt fehle aber ein Bewusstsein für den Stellenwert von Geburtsbegleitung. Das liege auch daran, dass die etwa 21.000 Hebammen in Deutschland keine so schlagkräftige Lobby haben wie Ärzte und Krankenhäuser. Die Hebammenverbände haben seit Jahren politische Forderungen vorgelegt, um die Haftpflichtversicherung bezahlbar zu machen. Über die Lösung der finanziellen und rechtlichen Probleme hinaus brauche es aber, so Dörpinghaus, eine höhere Wertschätzung für den Berufsstand - und zwar nicht nur von den Eltern, deren Schwangerschaften gerade begleitet werden. "Es geht um die Börse, es geht um iPhones, aber um solche existentiellen Dinge geht es nicht in der Öffentlichkeit."

Geburt im Schlafzimmer: Ein Baby wird im Schein einer wärmenden Rotlichtlampe von einer Hebamme untersucht.  KNA

Hebammenverbände sprechen mit Gesundheitsminister

Auch unter den Studierenden der Hebammenkunde ist die Unsicherheit laut Dörpinghaus groß. Gerade für sie sei die Situation verheerend. "Mein Telefon steht nicht mehr still. Die Kolleginnen wissen nicht, wie es weitergehen soll, sie sind wütend und verzweifelt", beschreibt Dörpinghaus die Stimmung an der Katholischen Hochschule Köln.

Noch ist keine abschließende politische Lösung in Sicht. Im Koalitionsvertrag hat die große Koalition festgehalten, dass ihr die "Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung mit Geburtshilfe" wichtig sei und die Regierung für eine angemessene Vergütung sorgen wolle. Am Dienstag fand dazu das erste Spitzengespräch zwischen Hebammenverbänden und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe statt. Martina Klenk, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, fühlt sich ernst genommen mit ihren Anliegen: "Herr Gröhe hat nicht nur die Haftpflichtproblematik, sondern auch die Versorgungssituation mit Hebammenleistungen im Blick." Ab dem Sommer solle es eine kurzfristige Lösung geben, um die Kosten für die Haftpflicht für alle betroffenen Hebammen auszugleichen. Eine langfristigere und strukturelle Lösung wolle der Minister zusammen mit den Hebammenverbänden erarbeiten, so Klenk.

Unterstützung von katholischen Verbänden

Unterstützung für die Hebammen kommt auch aus den katholischen Verbänden: Der Katholische Deutsche Frauenbund fordert schon seit Jahren, dass die Existenzgrundlage der Hebammen und ihrer Familien nicht zerstört wird. Jüngst äußerte sich auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend . Bundesvorsitzende Lisi Maier betont vor allem die Wahlfreiheit der Eltern: "Werdende Mütter und Väter sollen selbst entscheiden können, wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchten, wie sie Vor- und Nachsorge gestalten. Anstatt junge Familien in die Klinik zu zwingen sollte die Bundesregierung lieber eine Versicherungslösung für die Hebammen finden."

Von Felix Neumann

Hintergrund: Hebammen

Hebammen sind nicht nur Geburtshelferinnen. Sie betreuen Mütter vom Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit individuell. 20 Prozent der Geburten in Deutschland finden zu Hause, in Geburtshäusern oder von Beleghebammen betreut statt. Seit einigen Jahren steht die Arbeit von Hebammen unter großem Druck. Von den gesetzlichen Krankenkassen wird pro Geburt eine Fallpauschale abgerechnet, so dass intensive Betreuung sich nicht lohnt. Hebammenverbände sprechen von einem effektiven Bruttolohn von 8,50 Euro pro Stunde. Zwar wurden Ende 2013 die von den Krankenkassen pro Geburt gezahlten Sätze erhöht. Die Kostenexplosion der Haftpflichtprämie wird aber dadurch nicht vollständig für jede Hebamme ausgeglichen. Für freiberuflich in der Geburtshilfe tätige Hebammen hat sich der Versicherungsbeitrag in den letzten zehn Jahren verzehnfacht. Zwischen 2008 und 2010 haben laut einer Studie 25 Prozent von ihnen die Geburtshilfe aufgegeben. (fxn)

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