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Baustelle Kirche

Was tun bei Priestermangel und immer weniger Gläubigen? Die Antwort der deutschen Bistümer lautet: Umstrukturierung. In allen Diözesen gibt es Prozesse, um Gemeinden zusammenzulegen, Priester von Verwaltungsaufgaben zu entlasten und das Gemeindeleben am Laufen zu halten. Das läuft nicht immer geräuschlos ab. Jüngst wurden kritische Stimmen von Laien und Pfarrern im Erzbistum Berlin laut.

Kirche in Deutschland | Bonn - 14.08.2013

Was tun bei Priestermangel und immer weniger Gläubigen? Die Antwort der deutschen Bistümer lautet: Umstrukturierung. In allen Diözesen gibt es Prozesse, um Gemeinden zusammenzulegen, Priester von Verwaltungsaufgaben zu entlasten und das Gemeindeleben am Laufen zu halten. Das läuft nicht immer geräuschlos ab. Jüngst wurden kritische Stimmen von Laien und Pfarrern im Erzbistum Berlin laut.

Kritiker werfen dem Berliner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki vor, gewachsene Gemeindestrukturen aufzugeben. Bistumssprecher Stefan Förner sagt, dass es Ängste gebe, die "teilweise auch berechtigt" seien. Viele ließen sich jedoch mit Hilfe von Gesprächen ausräumen. Ähnliche Debatten gab und gibt es auch anderswo. Katholisch.de hat einen Blick in einige Diözesen geworfen.

Bistum Essen

Unter Felix Genn - von 2003 bis 2009 Ruhrbischof - begannen in der Diözese Essen die Zusammenlegungen von Pfarreien und Gemeinden zu größeren "Seelsorgeeinheiten". Die ursprünglich 259 Pfarreien wurden zu 43 Großgemeinden fusioniert.

Rund 100 Kirchen – knapp jede vierte im Bistum – erhielten den Status einer "weiteren Kirche". Diese bekommen keine Finanzmittel mehr. Sie werden zumeist profaniert. Die Folge: Sie verfallen, werden verkauft oder in Einzelfällen von der Kirche anderweitig genutzt.

Essens Bischof Franz-Josef Overbeck bei einer Pressekonferenz.
 Nicole Cronauge / Bistum Essen

Die Großgemeinden haben mindestens 16.000 Gläubige. Der Stadtteil Gelsenkirchen-Buer beherbergt nun die größte Pfarrei Deutschlands. Sie zählt mehr als 40.000 Katholiken und ist damit größer als das gesamte Bistum Görlitz.

Der jetzige Bischof Franz-Josef Overbeck setzt den Kurs seines Vorgängers fort und kündigte bereits zu Beginn des Jahres 2012 zahlreiche Kirchenschließungen im Duisburger Norden an. Vor allem im Ruhrgebiet werde es zu "ganz anderen territorialen Strukturen kommen, die noch viel größer sind als heute", sagte Overbeck vor einigen Wochen. Angesichts der demografischen Entwicklung und sinkender Priesterzahlen gebe es keine Alternative. (bod)

Erzbistum Köln

Mit zwei Projekten hat das Erzbistum Köln die Weichen für die kommenden Jahre gestellt. Unter dem Motto "Zukunft heute" wurde ab 2004 der Bistumsetat merklich gesenkt, bis zum Jahr 2009 um jährlich 90 Millionen Euro. Es gehe darum, auch unter veränderten gesellschaftlichen und demografischen Rahmenbedingungen "mit Intensität, Fantasie und Gottvertrauen das Evangelium verkünden zu können", hatte Kardinal Joachim Meisner vor der Vorstellung von "Zukunft heute" im Herbst 2004 gesagt. Möglich wurde das Sparziel auch dadurch, dass 338 von 4.500 Vollzeitstellen im Erzbistum wegfielen.

Kardinal Joachim Meisner.
Kardinal Joachim Meisner.
 KNA

Mit der Reform "Wandel gestalten – Glauben entfalten" hat das Erzbistum seit 2008 wiederum 220 Seelsorgebereiche auf 180 reduziert. Mehrere Gemeinden bilden nun eine "Pfarreiengemeinschaft" oder sind komplett fusioniert. Jeder Seelsorgebereich hat nur noch einen leitenden Pfarrer und einen Pfarrgemeinderat.

Vor allem die Angst vor einem Zusammenbruch des Gemeindelebens vor Ort bestimmte viele Diskussionen der Gläubigen. "Es wäre besser gewesen, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, um die Reform umzusetzen, aber die war uns nicht gegeben", zitierte die Kölner Kirchenzeitung Ende Januar 2012 Hans-Josef Radermacher, den Leiter der Hauptabteilung Seelsorgebereiche im Erzbistum.

Es mache aber auch Sinn, solche Veränderungen schnell durchzuführen und nicht auf die lange Bank zu schieben, so Radermacher weiter. Das Erzbistum habe sparen müssen, und durch die Reformen habe man nun "eine stabile finanzielle Grundlage." (meu)

Bistum Fulda

In einem "pastoralen Prozess" von 2002 bis 2006 haben sich die rund 300 Pfarreien des Bistums Fulda zu 43 "Pastoralverbünden" zusammengetan. Die meisten Pfarreien wurden aber nicht aufgelöst, sondern kooperieren nun eng miteinander. Zwar haben sie noch einen eigenen Pfarrgemeinderat, es gibt aber einen übergeordneten "Pastoralverbundsrat".

Heinz Josef Algermissen ist Bischof von Fulda.
Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda.
 KNA

Nicht in jeder Kirche findet an jedem Tag ein Gottesdienst statt; der Priester wechselt hin und her. Zudem wurden pastorale Schwerpunkte gebildet: "In manchen Innenstädten ist es beispielsweise wichtig, besonders auf die Seniorenseelsorge zu achten, während in den Vorstädten ein größerer Schwerpunkt bei der Familienseelsorge liegt", erläutert Bistumssprecher Christof Ohnesorge.

"Bischof Algermissen war es wichtig, dass die Reform nicht nur ein von oben oktroyierter Prozess ist, sondern auch von unten her gestaltet wird", sagt Ohnesorge weiter. Kritik blieb aber auch in Fulda nicht aus. "Natürlich gab es kritische Nachfragen, auch einige Priester wollten den Weg zunächst nicht mitgehen", so Ohnesorge. Letztendlich habe es aber - auch angesichts des offensichtlichen Priestermangels - ein Einsehen in die Notwendigkeit der Reformen gegeben. (gho)

Bistum Augsburg

Auch dem Bistum Augsburg fehlt es an Personal. Die Lösung nennen die Verantwortlichen "pastorale Raumplanung 2025". Als "große Herausforderungen", bezeichnete Augsburgs Bischof Konrad Zdarsa das Vorhaben bereits im vergangenen Sommer. Nötig sei es aufgrund der besorgniserregenden demografischen Entwicklungen, des spürbaren Priester- und Gläubigenmangels und auch des starken Rückgangs bei allen hauptamtlichen pastoralen Mitarbeitern. "Die 998 Pfarrkirchenstiftungen sollen zu 203 Seelsorgeeinheiten zusammenwachsen, bleiben jedoch als eigene Pfarreien bestehen", beschreibt Bistumssprecher Karl-Georg Michel das Ziel des Prozesses.

Zdarsa predigt im Augsburger Dom.
Bischof Konrad Zdarsa bei seiner Amteinführung im Jahr 2010.
 KNA

Michel stellt jedoch klar, dass es sich um ein auf die Zukunft ausgerichtetes Modell handelt. "Es geht darum, die Seelsorge auch in den kommenden Jahren flächendeckend zu garantieren." Kirchenschließungen seien bisher für das Bistum nicht geplant.

Einzig auf freiwilliger Basis habe es bereits einige wenige Fusionen gegeben, so der Bistumssprecher. Durch die gewachsenen Strukturen der Diözese und die vielen Barockkirchen seien der Pfarreiabbau und die Kirchenschließungen auch nicht ohne Weiteres möglich. (bod)

Bistum Dresden-Meißen / Bistum Görlitz

Im Bistum Dresden-Meißen sank die Zahl von 123 Gemeinden im Jahr 2003 auf jetzt 100 Gemeinden. Der neue Dresdner Bischof Heiner Koch hofft für die Zukunft auf Vorschläge von der Basis, wie Seelsorgebereiche stärker miteinander vernetzt werden und stärker zusammenarbeiten können. Dabei soll es innerhalb der neuen größeren Pfarreien auch unterschiedliche Gemeinden und Gemeinschaften geben.

Heiner Koch spricht vor Journalisten.
Der Kölner Weihbischof Heiner Koch wurde am 18.01.2013 zum Bischof der Diözese Dresden-Meißen ernannt.
 KNA

Im Bistum Görlitz ist dieser Prozess schon weiter vorangeschritten. Von 47 auf 20 sank hier die Zahl der Pfarreien in den vergangenen zehn Jahren. Die Zahl der Orte, an denen sonntags die Heilige Messe gefeiert wird, ist dennoch nahezu unverändert geblieben. Aus vielen ehemals selbstständigen Pfarreien sind Tochtergemeinden größerer Seelsorgebereiche geworden, die teilweise weiter ihre eigene Identität pflegen. Die Sonntagsmesse ist dabei der Fixpunkt für die Katholiken in der Diaspora. (mak)

Bistum Rottenburg-Stuttgart

In der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist der Prozess der Umstrukturierung seit 2008 vorerst beendet, aber laut Bistumssprecher Uwe Renz ist eine Nacharbeitung nicht ausgeschlossen. Die Gemeinden bleiben bestehen, sind aber auf Kooperationen angewiesen: 282 sogenannte Seelsorgeeinheiten gibt es nun.

Nicht jede der 1.037 Kirchengemeinden hat noch einen Pfarrer vor Ort. Baufällige Kirchen werden stillgelegt, bei einigen wenigen ungenutzten Gotteshäusern gebe es die Überlegung, sie kirchlichen sozialen Einrichtungen zur Verfügung zu stellen.

Gebhard Fürst ist seit 2000 Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Gebhard Fürst ist seit 2000 Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
 KNA

Proteste habe es gegen die Umstrukturierung nicht gegeben. Zwar sei es für manche schwer gewesen, auf einen Pfarrer zu verzichten, "die Geburtswehen sind nun aber weg und die Seelsorgeeinheiten haben ihre Identität gefunden", sagt Renz. Zudem kündigte Bischof Gebhard Fürst im Juni an, Priester durch eine stärkere Beteiligung von Laien an der Gemeindeleitung zu entlasten. Dabei wolle er seine und die kirchenrechtlichen "Spielräume so stark wie möglich ausnutzen". (luk)

Bistum Münster

Die 689 Pfarreien aus dem Jahr 1999 sollen bis 2015 zu 190 Pfarreien zuammesgefasst werden. Derzeitiger Zwischenstand: In beiden Teilen des Bistums gibt es noch 287 Pfarreien. Auch die Anzahl der Seelsorger musste reduziert werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Bistümern lief der Prozess in dem Bistum weitgehend geräuschlos ab. Auch wenn Ise Kamp, Geschäftsführerin des Diözesankomitees, sagt, dass es nicht ohne Kränkungen und Enttäuschungen ablief.

Kleyboldt während einer Pressekonferenz im Jahr 2008.
Norbert Kleyboldt ist Generalvikar im Bistum Münster.
 KNA

Auf die Frage, warum die neuen Strukturen auf allgemeine Akzeptanz treffen, nennt Kamp zwei Stichworte: "Kommunikation und Transparenz". Anders sei das in einem so vielfältigen Bistum gar nicht zu machen. "Da wo es schwierig war, haben wir intensiv nach Einzelfalllösungen gesucht."

Generalvikar Norbert Kleyboldt sei sich auch nicht zu schade gewesen, mit dem Auto ins Oldenburger Land oder an den Niederrhein zu fahren, um sich der Diskussion zu stellen, so Kamp weiter. "Er hat aber auch klar gesagt, wenn etwas nicht mehr verhandelbar ist." Zudem sei die Umstrukturierung von einem Pastoralplan flankiert worden, der engagierte Ehrenamtler aktiv fördere und sie in die Gottesdienste einbeziehe. (mir)

Ihre Meinung ist gefragt

Wie haben Sie die Veränderungen in ihrem Bistum miterlebt? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Schreiben Sie uns an - bitte geben Sie an, ob wir ihren Namen in einer möglichen Berichterstattung nennen dürfen.

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