"Beim lieben Gott geht es fröhlich zu"

Traditionell beginnt die Karnevalszeit alljährlich im November - und zwar genau am 11.11. Wie aber passen die jecken und närrischen Töne zum "Totenmonat" November? Und kann man überhaupt mit Trauer humorvoll umgehen? Dazu äußert sich der Karnevalsexperte, Buchautor und Kinderpsychologe Wolfgang Oelsner im Interview.

Dossier: Karneval | - 06.01.2015

Traditionell beginnt die Karnevalszeit alljährlich im November - und zwar genau am 11.11. Wie aber passen die jecken und närrischen Töne zum "Totenmonat" November? Und kann man überhaupt mit Trauer humorvoll umgehen? Dazu äußert sich der Karnevalsexperte, Buchautor und Kinderpsychologe Wolfgang Oelsner im Interview.

Frage: Herr Oelsner, am 11.11. - im "Totenmonat November" - beginnt die neue Karnevalssession. Passen jecke Töne und Totengedenken überhaupt zusammen?

Oelsner: Ja. Der Kölner Karneval weicht dem Tod nicht aus. Im Gegenteil. In einer Fülle von Liedern ist vom letzten Stündlein und vom Jenseits die Rede. In der mundartlichen Diktion klingt das aber nicht bedrohlich.

Frage: Können Sie Beispiele nennen?

Oelsner: Im Lied "Im Himmel is d'r Deifel los" werden alle Verstorbenen aufgezählt, die Karneval mitfeiern. Und in der Ostermann-Strophe "Un deiht d'r Herrjott mich ens rofe" wird Petrus schon mal darum gebeten, einen guten Platz im Himmel zu reservieren - mit Blick auf den Dom. Dieses "per du"-Sein mit Petrus hat doch etwas ungemein Tröstliches.

Frage: Ist Humor der richtige Umgang mit Trauer?

Oelsner: Warum nicht? Das ist doch eine gute Art, mit Ängsten umzugehen. Kleine Kinder zum Beispiel schlüpfen auch gerne in die Rolle eines Gespenstes. Dann sind sie nicht mehr Opfer des Schreckens, sondern machen sich als handelnde Personen mit dem Ungeheuren vertraut. Damit ist das Böse nicht mehr ganz so bedrohlich. Und wenn die Kameraden eines verstorbenen Karnevalsfreundes in ihrer Uniform zum Begräbnis kommen, zeigt das, dass man auf dem letzten Weg nicht allein bleiben muss.

Wolfgang Oelsner beschäftigt sich seit Jahren mit dem Karneval aus psychologischer und philosophischer Sicht.
 KNA

Frage: Gibt es einen inneren Zusammenhang zwischen Karneval und Tod?

Oelsner: Durchaus. Im Mittelalter wurde der Tod oft als Narr dargestellt und umgekehrt. Die theologische Botschaft lautete: Mensch, sei kein Narr, verspiel nicht dein letztes Stündlein und sterbe nicht unvorbereitet. Aber weil wir Menschen nun mal auch Triebhaftes in uns haben, hat die Kirche gut reagiert: Man lebt die Narrheit für eine umgrenzte Zeit aus - um sie im Aschermittwoch zu überwinden.

Frage: Kein Karneval ohne Christentum?

Oelsner: Genau. Ohne das anschließende Fasten macht Karneval wenig Sinn.

Frage: Kann man sich das Jenseits als Karnevalsparty vorstellen?

Oelsner: Nicht gerade als Party. Aber dass es beim lieben Gott fröhlich zugeht, ist doch eine schöne Vorstellung. Das ist durchaus auch kindlich, doch als Narren dürfen wir der Welt noch mal mit kindlichem Gemüt begegnen.

Das Interview führte Veronika Schütz (KNA)

Zur Person

Wolfgang Oelsner (Jahrgang 1949), ist Leiter der Schule in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Köln. Der gebürtige Kölner beschäftigt sich seit Jahren mit dem Karneval aus psychologischer und philosophischer Sicht. Für die Buchreihe "Edition Narrengilde" erhielt er im Jahr 2004 die Ehrengabe der Kölschen Narrengilde.

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