Beten als Kunst

Auf den ersten Blick mutet er an wie ein gewöhnlicher Passbild-Automat: Eine knapp einen Quadratmeter große Kabine mit Vorhang, verstellbarem Schemel und Touchscreen im Inneren. Doch tatsächlich handelt es sich bei dem roten Kasten laut Aussage seines Erfinders Oliver Sturm um den kleinsten Gebetsraum der Welt. In ihm wird das Beten zur Kunst.

Glaube | Bonn - 20.12.2013

Auf den ersten Blick mutet er an wie ein gewöhnlicher Passbild-Automat: Eine knapp einen Quadratmeter große Kabine mit Vorhang, verstellbarem Schemel und Touchscreen im Inneren. Doch tatsächlich handelt es sich bei dem roten Kasten laut Aussage seines Erfinders Oliver Sturm um den kleinsten Gebetsraum der Welt. In ihm wird das Beten zur Kunst.

Der sogenannte Gebetomat bietet dem Nutzer über 300 Gebete in 65 Sprachen, die gegen Münzeinwurf über zwei Lautsprecher abgehört werden können: 50 Cent für 5 Minuten, ein Euro für 10 Minuten und zwei Euro für 20 Minuten.

Die Idee dazu ist dem Theater- und Hörspielregisseur Sturm laut seiner Webseite im Jahr 1999 auf einem New Yorker U-Bahnsteig gekommen. Im Gewirr der Menschen unterschiedlicher Kulturen und Nationalitäten habe ein Automat mittels einer künstlichen Stimme permanent Bedienungsanweisungen von sich gegeben. Sturm stellte sich vor, "wie es wäre, wenn Gebete aus diesem Automaten kämen".

Anlehnung an Andy Warhol

Daraus entstand der Gedanke eines Automaten, der an verschiedenen Orten öffentlichen Lebens stehen kann und der innere Einkehr gewähren soll. Als Bezug nennt Sturm den amerikanischen Popart-Künstler Andy Warhol (1928-1987): "Ich halte die – dem Denken Andy Warhols verwandte – Idee einer automatenhaft herstellbaren Erzeugung religiösen Gefühls für einen sehr zeitgenössischen Gedanken." Gegenüber der Berliner Boulevardzeitung "BZ" erläutert er, ihn habe die Spannung zwischen automatisierter Welt und der Intimität persönlichen Gebets interessiert.

Ich halte die – dem Denken Andy Warhols verwandte – Idee einer automatenhaft herstellbaren Erzeugung religiösen Gefühls für einen sehr zeitgenössischen Gedanken.

Oliver Sturm, Künstler

Seinen Anfang nahm das Kunstprojekt im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Dort zeigte die ARD im Begleitprogramm der Hörspieltage 2008/2009 den ersten Prototypen. Ein weiteres Exemplar wurde dann auf dem Berliner Kunstfestival "Dein Wort in Gottes Ohr" aufgestellt, das im Advent 2008 einen kritischen Blick auf das Thema Religion warf.

Ein Gebetomat in der Katholischen Hochschulgemeinde

Inzwischen gibt es drei Exemplare, die an wechselnden Orten in Deutschland, aber auch in Wien und Manchester stehen. Zu den Standorten zählen mittlerweile nicht nur Kulturzentren und Ausstellungen, sondern auch sakral-religiöse Orte wie die Universitätskirche Marburg oder die Katholische Hochschulgemeinde in München. Dort steht das Kunstobjekt seit Beginn des Wintersemesters Anfang Oktober. Die Initiative sei vom Künstler selbst gekommen; er habe die Aufstellung angeboten, sagt Helga Brandstätter von der Verwaltung der KHG. Wie lange der Automat dort noch stehen wird, kann sie allerdings nicht sagen.

Das erweiterbare Archiv des Automaten enthält Gebete der fünf großen Weltreligionen Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam und Judentum, die konfessionell und regional untergliedert sind. Dabei handelt es sich um authentische Aufnahmen aus Gottesdiensten, Andachtsräumen und Privatwohnungen der ganzen Welt. Diese habe Sturm selbst zusammengetragen, wie er im ZDF-Magazin "Tatort Kultur" erklärt. Der Gebetomat sei gedacht als Gebetsraum oder als Raum, in dem man sich Gebete anhören kann. Dabei stellt Sturm den künstlerischen Aspekt in den Vordergrund: "Es geht in dem Gebetomaten nicht um Abbildung von Religion, sondern um Abbildung von Beten. Mehr soll's nicht sein".

Von Christian Besner

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