Bilder, die die Republik erschütterten

Im August 1992 wurde Rostock-Lichtenhagen zum Schauplatz grausamer Gewalt: Rechtsextreme griffen eine Unterkunft für Asylbewerber an. Wie ist die Situation in Ostdeutschland 25 Jahre später?

Fremdenfeindlichkeit | Rostock - 22.08.2017

Viele haben die Bilder noch vor Augen: An einem Samstagabend, dem 22. August, vor 25 Jahren versammeln sich rund 2.000 Menschen vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen. Molotow-Cocktails fliegen auf den Plattenbau mit dem markanten Sonnenblumen-Mosaik auf der Fassade. "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!" skandieren die Täter, während zahlreiche andere tatenlos zusehen oder sogar applaudieren.

Im Laufe des Wochenendes wächst die Menge immer weiter an. Rechtsextreme aus ganz Deutschland kommen hinzu, während die wenigen Polizisten vor Ort machtlos sind. Der Teil des Sonnenblumenhauses, in dem 150 vietnamesische Arbeiter untergebracht sind, wird von den Tätern in Brand gesteckt. Während die eingeschlossenen Bewohner in Todesangst ausharren, behindern viele Schaulustige die Einsatzkräfte. Erst am Mittwoch beruhigt sich die Lage, es ist der 26. August.

Etwa 200 Polizisten sind am Ende verletzt. Es gleicht einem Wunder, dass niemand ums Leben gekommen ist. Die Fernsehbilder erschüttern schon damals die Republik, Lichtenhagen wird zum Symbol für Fremdenhass in Ostdeutschland.

Dummheit und mangelnde Zivilcourage

Auch Spiritanerpater Franz Moldan ist fassungslos, wenn er sich 25 Jahre später an die Ereignisse vom Sommer 1992 erinnert. Der 65-Jährige ist Flüchtlingsbeauftragter der katholischen Pfarrei in Rostock. "Dummheit" und "mangelnde Zivilcourage" erkennt er bei der Bevölkerung und den Behörden von damals. Neben den Tätern und der umstehenden Menge kritisiert er auch die Polizei, die sich in seinen Augen viel zu passiv verhalten hat. Aber: "Was im Fernsehen nicht gezeigt wurde, ist, dass sich Nachbarn für die Flüchtlinge eingesetzt haben", sagt Moldan. Anwohner hätten den Opfern geholfen, aus dem brennenden Haus zu entkommen.

Auch 25 Jahre nach den Anschlägen gehören Hetze gegen Ausländer und brennende Flüchtlingsheime in Deutschland nicht der Vergangenheit an: Als 2015 so viele Asylbewerber wie lange nicht mehr in die Republik strömten, kam es zu zahlreichen Ausschreitungen, etwa in den ostdeutschen Städten Heidenau oder Freital. Der jüngste Bericht des Verfassungsschutzes registrierte eine steigende Zahl rechtsextremer Gewalt.

Linktipp: Auf der Flucht

Die Flüchtlingskrise fordert Staat, Gesellschaft und Kirchen mit ganzer Kraft heraus. Auch die katholische Kirche in Deutschland engagiert sich umfangreich in der Flüchtlingsarbeit. Weitere Informationen dazu auf der Themenseite "Auf der Flucht".

Zur Themenseite

Angst, dass sich die Ereignisse von 1992 wiederholen könnten, hat Moldan dennoch nicht: "Ein Großteil der Rostocker ist nicht gegen Flüchtlinge eingestellt - bis auf wenige Ausnahmen, die es überall gibt."

Knapp 3.000 Flüchtlinge leben heute in der gut 200.000-Einwohner-Stadt, das sind 1,5 Prozent. Einige wohnen laut Moldan in unmittelbarer Nähe des Sonnenblumen-Hauses. Gerade dort erlebe er heute große Offenheit: "Die Leute wollen zeigen: Wir sind nicht mehr so wie damals." Schon oft habe er erlebt, dass Nachbarn neu zugezogene Asylbewerber in den sonst so anonymen Plattenbauten ansprechen und ihre Hilfe anbieten.

Anders als vor 25 Jahren ist die Integration seiner Auffassung nach heute auf einem guten Weg. Auch in Rostock gibt es Hilfsprojekte für Flüchtlinge. Moldan selbst repariert mit Schülern alte Fahrräder und gibt sie an Migranten weiter. Vielen Zuwanderern hat er bereits einen Ausbildungsplatz vermittelt.

Pegida-Demos finden nicht mehr statt

Die Wahrnehmung, dass die Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland größer als im Westen sei, teilt Moldan nicht. "In meiner Heimat, im Rheinland, treffe ich viel häufiger auf fremdenfeindliche Gesinnungen als hier in Rostock." Er wolle aber nichts schönreden: "Natürlich gibt es Rechtsextremismus, aber die Anhänger treten nicht mehr so groß in der Öffentlichkeit auf." Selbst die Pegida-Demonstrationen fänden in Rostock seit einiger Zeit nicht mehr statt.

Auf große Öffentlichkeit hofft die Stadt stattdessen bei einer Gedenkwoche, mit der sie von Dienstag bis Samstag an die Ereignisse erinnert. Zahlreiche Kunstaktionen und Diskussionen sind geplant. Zu einer Veranstaltung in der Marienkirche wird der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, erwartet. "Noch sind die Ereignisse von Lichtenhagen in Rostock in aller Munde. Es ist gut, dass wir uns auch weiterhin daran erinnern", sagt Moldan.

Von Michael Althaus (KNA)

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017