Bildungseinrichtung für den christlichen Osten

Es sollte ein Forschungsinstitut für "Orientalische Fragen" sein. Mehr als 6.500 Studenten haben sich bereits am "Orientale" im Bereich der orthodoxen Kirchen und der katholischen Ostkirchen fortgebildet.

Vatikan | Vatikanstadt - 15.10.2017

Nur eine Sommerpause lang dauerte die Krise des Päpstlichen Orientalischen Instituts in Rom. Vor zwei Jahren hatte der zuständige Jesuitenorden die komplette Leitungsebene nach einer internen Krise abgelöst und die Einrichtung, ihre Struktur und den Lehrbetrieb einer Revision unterzogen. Seither hat die Forschungs- und Lehreinrichtung für den christlichen Osten wieder voll Tritt gefasst und zum alten Standard und Renommee zurückgefunden. Am 2. Oktober hat ordnungsgemäß das neue Studienjahr begonnen - im 100. Gründungsjahr des Instituts.

Wenige Monate nachdem Papst Benedikt XV. während des Ersten Weltkriegs die Kongregation für die Orientalischen Kirchen als jüngste große Kurienbehörde gegründet hatte, rief er auch eine Bildungseinrichtung für "Orientalische Fragen" ins Leben. Die Errichtungsurkunde "Ecclesiae Orientales" datiert auf den 15. Oktober 1917, der Lehrbetrieb begann am 2. Oktober 1918. Wenige Jahre später erhielt das Institut seinen heutigen Sitz in einem Palazzo unmittelbar neben der Papstbasilika Santa Maria Maggiore.

Mehr als 6.500 Studenten in 100 Jahren

Dort absolvieren zwischen 350 und 400 Studenten ein Zusatzstudium für Ostkirchenkunde. Als Abschlüsse sind ein Lizenziat oder Doktorat möglich. Das Orientale genießt international - insbesondere im Bereich der Ökumene - einen guten Ruf als Bildungseinrichtung. Es widmet sich den orthodoxen Kirchen sowie den katholischen Ostkirchen in Nahost und Indien, in Äthiopien, Eritrea und dem gesamten ostslawischen Raum. Mehr als 6.500 Studenten haben hier in den vergangenen 100 Jahren eine Ausbildung genossen. Unter ihnen waren viele spätere Bischöfe und Professoren. Auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel hat hier studiert.

Patriarch Bartholomaios I.
Auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat am "Orientale" studiert.
 dpa/Aswestopoulos/CITYPRESS24

Verlangt wird für die Einschreibung bereits ein abgeschlossenes Studium, in der Regel ein theologisches Examen. Die Studenten kommen aus 50 Ländern, unter ihnen sind viele Seminaristen, aber auch Geistliche und Ordensfrauen. Die meisten kommen aus der Ukraine und den Ländern des Nahen Ostens, aus Syrien, Ägypten, dem Irak sowie aus Indien und dem gesamten slawischen Raum. Das Institut ist in zwei Fakultäten unterteilt. Neben der für "Ostkirchliche Wissenschaften" gibt es seit 1971 eine kleinere Fakultät für Ostkirchenrecht. Sie hatte maßgeblich Anteil an der Ausarbeitung des 1990 vom Papst herausgegebenen Gesetzbuchs für die katholischen Ostkirchen. Angeboten werden im Studium des Orientale rund 120 Kurse. Vorlesungen und Seminare befassen sich mit orientalischer Kirchengeschichte, mit Theologie und Patristik sowie Liturgie und Mystik. Zudem gibt es Sprachkurse für Russisch, Syrisch, Armenisch, Äthiopisch, Alt- und Neugriechisch, für Altkirchenslawisch oder Altgeorgisch.

Kanadischer Jesuit an der Spitze

Geleitet wird das Institut seit 2015 von dem kanadischen Jesuiten David Nazar (65). Der Sohn kanadischer Einwanderer war viele Jahre als Provinzial seines Ordens in der Ukraine tätig und ist im westlichen wie im östlichen Kirchenritus beheimatet. Er übernahm das Amt vom damals bereits 77-jährigen Ägypter Samir Khalil Samir, einer Koryphäe der Ostkirchenkunde, der in der Übergangszeit das Institut neu ausrichtete und ihm neues Vertrauen verschaffte. Vorher stand der unausgesprochene Vorwurf im Raum - offiziell gab es keine Begründung - dem Institut fehle die leitende Hand, in der Bibliothek habe sich ein Schlendrian breitgemacht, und zudem habe das akademische Niveau nachgelassen.

Inzwischen ist das Orientale wieder neu aufgestellt. Rektor Nazar misst neben der akademischen und spirituellen Bildung dem Austausch unter den Studenten hohe Bedeutung bei. Da kämen Ukrainer und Syrer zusammen, die beide in ihrer Heimat militärische Konflikte erlebten. Oder auch Studenten, die in ihrer Heimat einen "arabischen Frühling" erlebt hätten. Das sei neben der akademischen auch eine enorme kulturelle und zwischenmenschliche Bereicherung.

Von Johannes Schildeko (KNA)

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