Blaues Wunder

Normalerweise werden im Jahr 1.500 Exemplare produziert, nun sind es in kürzterer Zeit rund 3.500: In einer Stuttgarter Caritas-Einrichtung wird im Akkord gearbeitet, seit es den Großauftrag gab, die blauen Taschen für den Eucharistischen Kongress zu produzieren.

Eucharistischer Kongress | Stuttgart/Köln - 18.05.2013

Der erste Gedanke war: Schaffen wir das?", erzählt Thomas Hahn. Es war der Nikolaustag im vergangenen Dezember, als die Stuttgarter Lederschmiede den Großauftrag bekam, rund 3.500 dunkelblaue Taschen für den "Eucharistischen Kongress" in Köln Anfang Juni zu produzieren. Seitdem wird in der Caritas-Einrichtung im Akkord gearbeitet, denn die normale Jahresproduktion liegt bei 1.500 Exemplaren. "Es gab Wochen, in denen wir nur noch blau gesehen haben", sagt Unternehmenschef Hahn und lacht.

Die Lederschmiede ist kein normaler Betrieb, sondern ein Sozialunternehmen, in dem "Menschen mit Vermittlungshemmnissen" arbeiten. In zwei schlichten Produktionsräumen stellen auf rund 200 Quadratmetern Werkstattfläche 22 Frauen und Männer Schlüsselanhänger, Portemonnaies, Kulturbeutel, Behältnisse für Stifte und Taschen her. Gemacht wird das meiste aus einer besonders robusten LKW-Plane oder aus Filz. Zwei Drittel ihrer Kosten erwirtschaftet die Lederschmiede selbst, was für Einrichtungen dieser Art sehr viel ist.

Hilfe beim Wiedereinstieg

Die meisten der rund 20 Beschäftigten sind ehemalige Drogenabhängige, viele sind seit mehr als zehn Jahren arbeitslos. Die Lederschmiede will ihnen beim beruflichen Wiedereinstieg helfen oder überhaupt erst einmal die Grundlage schaffen, am normalen Arbeitsleben teilnehmen zu können. So wie bei B. M. (Name geändert) Der 30-Jährige hing nach dem Hauptschulabschluss viel herum, langweilte sich, nahm Drogen, war in Schlägereien verwickelt. Vor zwei Jahren wurde er nach der Verurteilung wegen der Prügeleien aus der Haft entlassen. Seit einem Dreivierteljahr gehört er zu den Nähern der Lederschmiede.

Es gab Wochen, in denen wir nur noch blau gesehen haben.

Thomas Hahn (Unternehmenschef)

"Mir gefällt es hier gut. Wenn alles klappt, kann ich im Herbst eine Lehre anfangen," berichtet der Muslim, der nach eigenem Bekunden "eher Schwabe als Türke" ist. Er will alles tun, um nicht mehr in die alte Spur zurückzukehren. Eine kleine Erfolgsgeschichte für das Projekt des katholischen Wohlfahrtsverbandes. Früher wusste B. M. nicht einmal, dass es solche Einrichtungen gab. Heute ist er einer ihrer Stützen und fühlt sich an seinem Arbeitsplatz im grün-alternativen Heusteigviertel immer noch "herzlich aufgenommen". An Hunderten der blauen Taschen für den Kölner Kongress hat er mitgearbeitet.

Ziel: Erster Arbeitsmarkt

Seit 1995 gilt in dem Eckhaus mit den drei Meter hohen Wänden der Slogan "Mit Naht und Tat". Die meisten Ex-Junkies sind Mitte 30, Anfang 40. Zwischen 15 und 30 Stunden wöchentlich bietet ihnen das Projekt maximal zwei Jahre die Chance, ihr Leben wieder sinnvoll zu strukturieren. "Doch es geht bei uns nicht nur ums Nähen", sagt Hahn. Neben der Arbeit bietet die Lederschmiede auch sozialpädagogische Begleitung. Nicht ohne Stolz spricht Hahn von dem "Top-Näher", der heute bei einem Weltmarktführer in der Region beschäftigt ist.

Bunte Taschen stehen in drei übereinanderliegenden Regalfächern.
Die Lederschmiede in Stuttgart stellt 3.500 Pilgertaschen für den Eucharistischen Kongress her.
 KNA

Für den Eucharistischen Kongress entwickelten die Stuttgarter ein eigenes Modell: Zunächst wurden fünf Prototypen genäht. Das Handling musste leicht sein, das Produkt praxistauglich, schließlich soll der Gurt allen passen, Großen und Kleinen, Dicken und Dünnen. Und die Tasche sollte zu den Kongressfarben, senfgelb und rot, passen. Am Schluss einigten sich Veranstalter und Hersteller auf das dunkelblaue Modell. Zwei andere Caritaseinrichtungen mussten aushelfen, um den Zeitplan zu erfüllen. Inzwischen sind rund 1.500 Quadratmeter Plane vernäht, das entspricht in etwa der Größe eines Eishockeyfeldes.

Dankeschön für Dauerhelfer

In einem Produktionsraum steht ein mannshohes Holzgestell mit 104 Fächern: darin Nähgarn, Nieten, Reisverschlüsse, Ösen und Karabiner. Alles fängt damit an, dass eine 94 mal 40 und eine 18 mal 22 Zentimeter große Fläche zugeschnitten wird. Dann entsteht in 18 Arbeitsschritten mit Lineal und Cutter, Klammer und Klebeband, Nähmaschine und Garn die Tasche. «Am Anfang waren wir zu langsam», erinnert sich Hahn. Doch die Lederschmiede wuchs an ihrem Auftrag: "Wir haben alle gelernt."

Verteilt werden die blauen Beutel in Köln an die rund 2.000 Jungen und Mädchen, die sich für das Jugendfestival beim Eucharistischen Kongress angemeldet haben. Auch jeder der 800 bis 1.000 Dauerhelfer erhält als Dankeschön eine Tasche, die übrigen gehen in den Verkauf. Für Hahn ist klar: "Uns allen gefällt der Gedanke, dass die Taschen jetzt deutschlandweit gestreut werden."

Das Dossier zum Eucharistischen Kongress

Vom 5. bis zum 9. Juni wird in Köln der Eucharistischer Kongress gefeiert. Aktuelles und Hintergründe über die Heilige Eucharistie und den Eucharistischen Kongress. Zum Dossier

Von Michael Jacquemain (KNA)

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