Bostons widerspenstige Katholiken

Seit elf Jahren kämpfen die Katholiken in Scituate für ihre Kirche. Die soll nach dem Willen der Erzdiözese Boston geschlossen werden. Ein Gericht hat den Pfarreimitgliedern nun Aufschub gewährt - und die vermuten hinter der drohenden Schließung einen ganz bestimmten Grund.

USA | Boston - 09.06.2015

Wieder einmal haben die Katholiken der St. Frances Xavier Cabrini Church in Scituate ein paar Tage Aufschub erhalten - wie schon so oft in ihrem elfjährigen Kampf für den Erhalt ihrer Kirche. Gegenpartei im Ringen um die Zukunft der Pfarrkirche ist die Erzdiözese Boston, die das Gotteshaus schließen und die Gemeinde an eine andere Pfarrei anschließen möchte.

Diesmal half das Berufungsgericht des Bundesstaates Massachusetts in letzter Minute aus und verhinderte so eine Räumung. Richter Judd Carhart verhängte eine einstweilige Verfügung gegen die entsprechende Anordnung einer unteren Instanz. Am kommenden Donnerstag um 11 Uhr morgens sollen die Parteien nun vor Gericht gehört werden.

Jon Rogers ist erleichtert. Als einer der Anführer der widerständigen Katholiken im Norden des Neuengland-Staates nennt das moderne Gotteshaus sein "spirituelles Zuhause" - wie viele andere Gemeindemitglieder, die nicht einsehen wollen, warum sie in eine neue Pfarrei umsiedeln sollen. "Über Jahre haben sie uns beigebracht, dies sei unsere Kirche, für die wir die Verantwortung übernehmen müssten", beklagt Rogers. Die Gemeinde tue genau das - und werde nun vom Rauswurf durch die eigene Diözese bedroht.

Droht der Abriss?

Kardinal Sean Patrick O'Malley wäre das Problem gewiss gerne los. Bereits im Oktober 2004 hatte das Erzbistum im Rahmen seiner Neustrukturierung die Kirchenpforten von St. Frances für immer schließen wollen; und so begrüßte er auch die Gerichtsentscheidung vom 14. Mai. Doch die Besetzer gaben nicht nach. Ende Mai versammelten sich 50 Gemeindemitglieder zu einer Messfeier, in der sie für "eine Lösung" beteten. "Wir müssen das Erzbistum daran hindern, unsere Kirche zu zerstören", fordert Rogers, der fürchtet, das Gotteshaus werde nach einer Räumung abgerissen.

Was unsere Erzdiözese hier tut, ist der Versuch, unsere geliebten Gotteshäuser zu verkaufen, um die Kassen füllen, die sich durch die Missbrauchsfälle geleert haben.

Jon Rogers

Unabhängig vom Ausgang des Gerichtsverfahrens bereiten sich die Besetzer auf zivilen Ungehorsam vor. "Die Kirche dürfte kein Interesse daran haben, Gläubige verhaften zu lassen", erklärt Rogers die Strategie. "Festnahmen und Gefängnis sollten für Pädophile reserviert bleiben."

Kinderschänder? Genau darum geht es den Gemeindemitgliedern, die sich zu Unrecht für die Übergriffe einiger weniger Kleriker in der Diözese verantwortlich gemacht fühlen. Sie sind überzeugt, mit der Pfarreischließung den Preis für den Skandal um sexuellen Missbrauch zahlen sollen. Denn dieser hat das Erzbistum in schwerste finanzielle Nöte gestürzt: Seit 2004 sind allein in der Erzdiözese Boston rund 100 Millionen Dollar Entschädigungszahlungen fällig, die aus dem Haushalt aufgebracht werden müssen.

Bistumssprecher weist Vorwürfe zurück

"Was unsere Erzdiözese hier tut, ist der Versuch, unsere geliebten Gotteshäuser zu verkaufen, um die Kassen füllen, die sich durch die Missbrauchsfälle geleert haben", kritisiert Rogers. "Das muss aufhören." Der Sprecher des Erzbistums, Terrence Donilon, weist das als Unterstellung zurück. "Wir verstehen, wie schwer es ist, die eigene Pfarrgemeinde zu verlieren", versichert er.

Nancy Shilts ficht all das nicht an. Die 82-Jährige gehört seit elf Jahren zu den Veteranen der Kerzenandachten. Sie wird ihre geliebte Kirche genauso wenig verlassen wie ihre Mitstreiter. "Ich finde es einfach schön hier", sagt die alte Dame bei Antritt ihrer Mittagsschicht. Sie betet, schaut Fernsehen und bewegt sich, um fit zu bleiben.

Die Gemeindemitglieder vertrauen darauf, dass die Erzdiözese kein Interesse an Bildern von Gläubigen hat, die in Handschellen abgeführt werden. Deshalb sehen sie der Anhörung am Donnerstag äußerlich gelassen entgegen. Jedenfalls sehen sie bis dahin keine Notwendigkeit, aktiv zu werden. Nur die friedliche Besetzung der Kirche von Scituate geht eben weiter.

Von Von Thomas Spang (KNA)

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