Braucht es ein Liturgie-Gesetzbuch?

Mit der Schaffung des Codex Iuris Canonici wurde das Kirchenrecht in einem Werk systematisch zusammengefasst. Richtlinien für die Liturgie gibt es bislang hingegen nicht in gebündelter Form.

Liturgie | Bonn - 11.05.2017

Immer wieder wird über "liturgischen Wildwuchs" geklagt – darüber, dass nicht wenige Priester die Gottesdienste nach eigenem Ermessen gestalten und sich nicht an Vorgaben halten. Die Kirche hat mit dem Codex Iuris Canonici (CIC, Codex des kanonischen Rechtes) zwar eine zentrale Sammlung ihres Kirchenrechts geschaffen. Aber hinsichtlich der Liturgie beschränkt sich der CIC – in der aktuellen Fassung von 1983 – lediglich auf grobe Richtlinien. Kurioserweise betont Canon 214, "die Gläubigen haben das Recht, den Gottesdienst gemäß den Vorschriften" zu feiern; diese Vorschriften bietet der CIC selbst jedoch nicht im Detail. Ein verbindliches Liturgie-Gesetzbuch fehlt also, obwohl es liturgische Unklarheiten ausräumen und Missbräuche verhindern könnte. Doch wäre ein solch umfassendes Werk überhaupt umsetzbar? Die Nachrichtenagentur "Zenit" hat dazu Pater Edward McNamara, Liturgieprofessor an der römischen Hochschule Regina Apostolorum, befragt.

Ein Mann nimmt den Codex des kanonischen Rechts aus einem Regal.
Im Codex des kanonischen Rechtes finden sich keine ausführlichen Bestimmungen für die gottesdienstlichen Feiern. Ist dafür ein eigenes Gesetzbuch möglich?
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"Viele Aspekte des liturgischen Rechts finden sich außerhalb des CIC", betont McNamara – in zahlreichen liturgischen Büchern und offiziellen kirchlichen Dokumenten. Dass bislang verbindliche, liturgische Vorgaben nicht kodifiziert, also nicht in einem Gesetzbuch zusammengefasst wurden, dafür gibt es laut McNamara verschiedene Gründe. Zunächst müsse man unterscheiden zwischen der ordentlichen und der außerordentlichen Form des römischen Ritus; also gottesdienstlichen Feiern nach und vor der Liturgiereform. "Die Riten der außerordentlichen Form sind sorgfältig festgelegt worden", so der Professor. Über vier Jahrhunderte hinweg hätte dafür die ehemalige Ritenkongregation rechtliche Bestimmungen zusammengetragen und in Dekreten veröffentlicht.

Vielfältige Probleme

Anders bei der ordentlichen Form: Hier ergeben sich laut McNamara bei der Kodifizierung und Interpretation der liturgischen Normen "bestimmte Probleme". Eine Schwierigkeit liege in der Vielzahl von Büchern für den gottesdienstlichen Gebrauch; sie seien eine wichtige Quelle des liturgischen Rechts, aber "sie werden von Zeit zu Zeit aktualisiert", so McNamara. Man könne daher für ein mögliches liturgisches Gesetzbuch kaum eine letztgültige Fassung bestimmter Normen festlegen; denn "im Licht praktischer Erfahrungen" könnten sie erneut modifiziert werden. Ein weiteres Problem laut McNamara: Hinsichtlich verschiedener Riten seien allzu detaillierte Richtlinien bewusst vermieden worden, um einen "gewissen Grad an Flexibilität" in der Liturgie zu ermöglichen.

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Neben dem Heiligen Stuhl gebe es zudem weitere Instanzen für die liturgische Gesetzgebung, so der Professor: Die Bischofskonferenzen etwa könnten spezielle Bestimmungen für ihre Länder vorschlagen, die dann vom Heiligen Stuhl als Partikularrecht genehmigt würden. "Außerdem können sie eigene Richtlinien zu bestimmten liturgischen Fragen veröffentlichen." Diese seien zwar nicht rechtlich bindend, jedoch würden sie in der Praxis oft als Anhaltspunkt genommen. Auch existieren für die verschiedenen Länder zahlreiche offizielle Übersetzungen liturgischer Texte und Bestimmungen; doch wurden laut McNamara bei der Übertragung in andere Sprachen einzelne Normen jeweils unterschiedlich interpretiert. Beim Kirchenrecht hingegen, fügt der Professor hinzu, sei der einzig offizielle, verbindliche Text der lateinische.

Vor kurzem hat die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung damit begonnen, ihre wichtigsten Dekrete auf der vatikanischen Webseite zu veröffentlichen – "allerdings ist das weiterhin unvollständig", so McNamara. Um alle offiziellen Dokumente zur Liturgie nachzulesen, müsse man somit auf weitere Internetseiten zurückgreifen oder auf (inoffizielle) Bücher wie Kompendien und Kommentare, die die Liturgie-Instruktionen in gewissem Maße zusammenfassten.

Liturgische Bücher werden stetig aktualisiert; verschiedene Länder oder Regionen haben legitime liturgische Eigenbräuche oder interpretieren Normen auf je eigene Weise; außerdem sind manche Bestimmungen bewusst offen formuliert, sodass es Spielraum in der Liturgie geben kann: Das sind nicht die besten Voraussetzungen für ein einheitliches Gesetzbuch, das die gesamte Liturgie für die Weltkirche festzurren würde. Die Situation sei sehr "komplex und variabel", fasst McNamara zusammen. Daher sei es auch "unwahrscheinlich", dass das liturgische Recht in absehbarer Zeit kodifiziert werde.

Von Tobias Glenz

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