"Breit gefächerte Betrachtung"

Die katholische Kirche will über Konsequenzen aus der Kluft zwischen dem kirchlichem Familienbild und der Lebenspraxis vieler ihrer Gläubigen beraten. Wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Arbeitspapier für die Bischofssynode im Herbst hervorgeht, sehen viele Bischöfe Gesprächsbedarf etwa bei den Themen wiederverheiratete Geschiedene, Homosexualität oder künstliche Empfängnisverhütung.

Familiensynode | Bonn - 27.06.2014

Die katholische Kirche will über Konsequenzen aus der Kluft zwischen dem kirchlichem Familienbild und der Lebenspraxis vieler ihrer Gläubigen beraten. Wie aus dem am Donnerstag veröffentlichten Arbeitspapier für die Bischofssynode im Herbst hervorgeht, sehen viele Bischöfe Gesprächsbedarf etwa bei den Themen wiederverheiratete Geschiedene, Homosexualität oder künstliche Empfängnisverhütung.

Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) begrüßten das als "Instrumentum laboris" bezeichnete Arbeitspapier. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zeigte sich dankbar dafür , dass das Papier "eine breit gefächerte Betrachtungsweise bietet". In vielen Fragen fänden sich Perspektiven wieder, die auch Aspekte der von der Bischofskonfernez eingesandten Antworten aufnähmen. "Teilweise werden sie bestätigt, teilweise durch weitere Beobachtungen aus anderen Ländern ergänzt", so der Münchener Erzbischof.

Mehr als ein paar Reizthemen

Deutlich würde in dem Papier zudem, dass sich die Herausforderungen für die Ehe- und Familienpastoral - gerade in weltkirchlicher Perspektive - nicht auf die Themen "Scheidung und Wiederheirat", "Nichteheliche Lebensgemeinschaft" und "Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften" reduzierten, auch wenn diese Themen nicht ausgespart blieben, betonte Marx.

Kardinal Reinhard Marx.
Kardinal Reinhard Marx.  KNA

Als ehrliche Beratungsgrundlage bezeichnete ZdK-Präsident Alois Glück das Arbeitspapier. Es referiere in aller wünschenswerten Offenheit die Ergebnisse der weltweiten Umfrage zu Familienfragen und zeige auf, wie groß die Krise weltweit sei. "Es wird deutlich ausgesprochen, dass viele Christen - auch da, wo die Lehre der Kirche über Ehe und Familie bekannt ist - Schwierigkeiten haben, sie anzunehmen", sagte Glück.

Ausdrücklich würdigte der Präsident des ZdK, dass sich das Arbeitspapier ausführlich mit der Frage des Sakramentenempfangs von geschiedenen Wiederverheirateten auseinandersetze: "Erneut zeigt sich, dass diese Fragestellung keinesfalls eine auf Europa beschränkte Problemstellung ist." Auf der Grundlage dieses Arbeitspapiers werde ein offener und ergebnisbezogener Dialog möglich, so Glück.

Ehe mit Bußcharakter

Für den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen haben laut dem Vatikan-Dokument "einige" Bischofskonferenzen vorgeschlagen, "den Weg zu einer zweiten oder dritten Ehe mit Bußcharakter" zu prüfen. Vorbild könne die Praxis einiger orthodoxer Kirchen sein. Die Nichtzulassung zu den Sakramenten, wie sie die kirchliche Lehre festlege, werde von den Gläubigen nicht verstanden. Die betroffenen Katholiken weigerten sich offenbar, ihre Situation als "irregulär" anzuerkennen, so das Arbeitspapier.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK), Alois Glück, spricht am 22.01.2014 während einer Pressekonferenz zum Katholikentag. Beim großen Treffen katholischer Laien vom 28. Mai bis 1. Juni werden mehrere zehntausend Teilnehmer erwartet.  picture alliance/dpa

Die Bischöfe machten im Arbeitspapier außerdem konkrete Vorschläge für eine Vereinfachung von Ehenichtigkeitsprozessen. Die Kenntnis der kirchlichen Positionen zur Familie sei "allgemein eher spärlich", heißt es in dem Dokument. Auch viele Katholiken, denen sie vertraut seien, hätten Schwierigkeiten, sie "ganz anzunehmen". Die Bischöfe plädieren demnach teils für behutsame Aktualisierungen oder Änderungen der kirchlichen Praxis, teils für eine bessere Vermittlung ihrer Lehre sowie eine Konzentration auf das Wesentliche.

Jenseits des Moralismus

Viele Bischofskonferenzen fordern für die Synode zudem einen Dialog mit den Humanwissenschaften, "um eine differenziertere Sicht des Phänomens der Homosexualität entwickeln zu können". Mit Blick auf die kirchliche Verurteilung der künstlichen Empfängnisverhütung wird festgehalten, dass sie heute von der "vorherrschenden Mentalität als Einmischung in das Intimleben des Paares und Einschränkung der Gewissensfreiheit empfunden" werde. Nach dem Willen der Bischofskonferenzen soll die Synode dabei helfen, "jenseits jeden Moralismus" wieder den "tiefen anthropologischen Sinn der Moral des Ehelebens" zu entdecken.

Das 85-seitige Dokument bildet den inhaltlichen Leitfaden für die zweiwöchigen Beratungen der Bischofssynode zur Familie vom 5. bis 19. Oktober im Vatikan. Erstellt wurde es vom Synodensekretariat auf Grundlage einer weltweiten Umfrage unter Bischofskonferenzen, kirchlichen Gruppen und vatikanischen Behörden zu Familie, Ehe und Sexualität. (bod/KNA)

Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2016