Gesellschaft

Christsein nach der Messe

Bonner bereiten Flüchtlingen ein Heim

Bonn - 06.10.2014

Still liegt das große Einfamilienhaus in der Morgensonne. Kaum zu glauben, dass es hier in den vergangenen Wochen wie in einem Taubenschlag zuging. Transporter brachten Betten, Schränke und Sofas. Maler rückten mit Leitern und Farbeimern an, Helfer pflanzten bunte Blumen in die Kübel am Gartenweg. Und dazwischen immer wieder Menschen, die mit Lampen, Vasen und Geschirr die Treppenstufen zum Hauseingang erklommen.

Nun wartet das Haus in Bonn-Bad Godesberg auf die neuen Bewohner. Keiner weiß, wer kommen wird. Eine oder zwei Flüchtlingsfamilien werden es sein, denn die Räume bieten Platz für zehn bis zwölf Menschen. Ob sie aus Syrien kommen, aus Russland oder Somalia kann noch niemand sagen. "Wer auch immer hier einzieht, wir hoffen, dass sie sich willkommen fühlen und erholen können, von dem, was hinter ihnen liegt", sagt Angela Kirsch.

Gemeinsam mit Monika Overkott sitzt die Leiterin vom Caritasausschuss des Seelsorgebereichs Bad Godesberg im Esszimmer des Hauses. Ganz unterschiedliche Möbel stehen hier und dennoch ergeben sie ein harmonisches Gesamtbild. Ein Sinnbild für das, was die drei Pfarrgemeinden, die erst im Jahr 2013 zum größten Seelsorgebereich im Erzbistum Köln zusammengelegt wurden, hier geschafft haben.

Ein Etagenbett in dem von vielen Helfern umgebauten Haus der katholischen Kirche, das Flüchtlingsfamilien aufnehmen soll.  Janina Mogendorf/katholisch.de

Ein Haus für Flüchtlinge

"Vor einem halben Jahr kam im neuen gemeinsamen Pfarrgemeinderat die Idee auf, etwas für Flüchtlinge zu tun", erzählt Kirsch. Schon zu dieser Zeit kreisten die Nachrichten immer wieder um die unerfreulichen Zustände in Sammelunterkünften . "Wir waren uns damals einig, dass wir als große und aktive Gemeinden nicht tatenlos zusehen dürfen." Da es in Bonn vor allem an Wohnraum mangelt, war schnell klar, dass die Kirche ein Haus für Flüchtlinge zur Verfügung stellen würde. Die Wahl fiel schließlich auf die alte Kaplanei im Ortsteil Muffendorf.

"Das Haus hatte schon seit Längerem leer gestanden und so sah es auch aus, als wir reinkamen. Es roch muffig, die Tapete war vergilbt", erinnert sich Monika Overkott. Dass in nur drei Wochen aus den kahlen Räumen, ein wohnliches Zuhause wurde, ist vielen helfenden Händen aus den Gemeinden zu verdanken. Vor allem aber einer Gruppe von tatkräftigen Frauen, die die Hilfsaktion mit großer Energie und viel Engagement koordinierte.

"Nachdem wir in Gottesdiensten über das Projekt informiert und Bedarfslisten ausgehängt hatten, standen die Telefone nicht mehr still", erinnert sich Overkott. Anfangs kamen bis zu dreißig Anrufe am Tag von Menschen, die Möbel oder Geld spenden wollten. "Unsere Aktion war für viele ein Ventil. Sie wollten schon lange etwas tun und bekamen nun die Möglichkeit dazu", so Kirsch. Der Dechant des Seelsorgebereiches, Wolfgang Picken, sorgte zusätzlich für finanzielle Unterstützung, damit Einrichtungsgegenstände gekauft werden konnten, die sich nicht unter den Spenden fanden.

Stille Hilfe und schöne Momente

"Wir haben in den vergangenen Wochen viele neue Leute aus unserem Seelsorgebereich kennengelernt und schöne Momente erlebt", freut sich Monika Overkott und erzählt von Kindern, die ihre Fahrräder auf Hochglanz brachten, um sie zu spenden und von Gesprächen mit älteren Menschen, die sich an ihre eigene Vertreibung erinnerten. Die größte logistische Herausforderung sei der Transport gewesen. Möbel spenden wollten viele, aber oft musste erst ein Wagen organisiert werden.

„Es ist beeindruckend, was möglich ist, durch ein bisschen Umverteilung und Engagement.“

Angela Kirsch

Wo viele Helfer sind, ist auch viel Veränderung. "In der Hochphase waren wir alle zwei Tage hier und immer war es spannend, die Tür aufzuschließen und zu sehen, was in der Zwischenzeit gemacht worden war", erzählt Kirsch. Einen Schlüssel hatten sie hinterlegt, so dass Helfer auch ins Haus konnten, wenn niemand da war. So kamen von Mal zu Mal wie durch Zauberhand Möbel hinzu, Regale und Schränke wurden mit Wäsche und Geschirr bestückt.

Einige Menschen kamen ohne große Worte ins Haus, halfen und gingen wieder. Wie das ältere Ehepaar, das im Stillen ein Bett aufbaute oder der Maler aus dem Ort, der sich eines Tages der Wände annahm. Eine Südamerikanerin aus der Nachbarschaft kam mit Putzutensilien und brachte das Haus auf Hochglanz. Eine ältere Dame putzte alle Fenster. "Das zu erleben, war einfach großartig. Es ist beeindruckend, was möglich ist, durch ein bisschen Umverteilung und Engagement", freut sich Kirsch.

Die Leiterin des Bad Godesberger Caritasausschusses, Angela Kirsch, dekoriert ein Zimmer in der ehemaligen Kaplanei, das künftig Flüchtlingsfamilien einen Platz bieten soll.  Janina Mogendorf/katholisch.de

"Der Heilige Geist wirkt hier mit"

Natürlich habe es auch Tage gegeben, an denen sie gedacht habe "na, ob das alles so hinhaut". Und natürlich könnten es immer noch mehr Menschen sein, die sich engagieren. "Aber ich hatte das Gefühl, dass hier der Heilige Geist mitwirkt. Er hat uns immer zur richtigen Zeit die richtigen Leute geschickt", schmunzelt sie. Der ein oder andere habe Zweifel geäußert, ob die Flüchtlinge das alles zu schätzen wüssten. "Aber es geht nicht um Anerkennung und Dank, sondern darum, Menschen in Not zu helfen", macht Kirsch klar.

In den nächsten Tagen, wird die Stadt die Vertriebenen zuweisen. "Dann wird es richtig spannend", sagt Overkott. "Wir haben hier in Godesberg zwar ein historisch gewachsenes multikulturelles Umfeld, aber Erfahrungen mit Flüchtlingen gibt es bisher noch nicht." Angela Kirsch versichert: "Natürlich hört unser Engagement mit dem Einzug nicht auf." Ideen gebe es viele, wie man die neuen Bewohner unterstützen könnte. "Aber wir möchten ihnen erst einmal Zeit geben, anzukommen und zur Ruhe zu kommen."

Was die Flüchtlingshilfe des Seelsorgebereiches angeht, ist das Haus in Muffendorf erst der Anfang. So hat der Dechant bereits einen runden Tisch mit der evangelischen Kirche und der Stadt ins Leben gerufen, um sich über weitere Hilfsmöglichkeiten abzustimmen. Denn der Bedarf wird in nächster Zeit zunehmen. Nur einige Straßen von der Kaplanei entfernt entsteht eine große Notunterkunft, die 200 Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern aufnehmen soll.

Für die Gemeindemitglieder des Seelsorgebereiches Bad Godesberg gilt auch mit Blick auf diese Menschen das, was Angela Kirsch treffend auf den Punkt bringt: "Christsein hört nicht nach der Sonntagsmesse auf. Nächstenliebe muss man leben."

Von Janina Mogendorf

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