"Dann bringe ich die Kirche eben zu ihnen"

Wer auf YouTube nach Kirchenliedern sucht, stößt sofort auf seinen Kanal: Lingualpfeife. Mit katholisch.de spricht Ludwig Martin Jetschke zum Tag der Orgel über seinen persönlichen Werdegang.

Orgel | Bamberg - 11.09.2016

Frage: Wie kam es dazu, dass Sie Organist geworden sind?

Ludwig Martin Jetschke: In meiner Kindheit war die Orgel immer mein heimliches Trauminstrument. In meiner Pfarrei war die Orgel immer eine Art „heiliger Sperrbezirk“, dem man gefühlt irgendwie nicht zu nahe kommen durfte. Vor meiner ersten Orgelstunde hatte ich zwei Jahre Klavierunterricht. Meine erste Messe habe ich dann mit 12 gespielt. Eine Bekannte hat bei der Erstkommunion meines Bruders beschlossen, dass ich an die Orgel muss und hat sich dann beim Pfarrer für mich eingesetzt.

Frage: Haben Sie so etwas wie eine Lieblingsorgel?

Jetschke: Nein, eher im Gegenteil. Mittlerweile kann ich die Orgeln, auf denen ich gespielt habe gar nicht mehr zählen. Ich bin auch kein Fan von „Orgeltourismus“, nur um eine bestimmte Orgel zu spielen und davon ein Bild zu posten. Ich verrichte auch einen liturgischen Dienst und den verrichte ich an dem Ort, an den ich gerufen werde. Man tritt ja auch in eine Beziehung mit dem Instrument, da möchte ich mich in dem Moment auch vollständig darauf einlassen.

Frage: Haben Sie trotzdem eine Orgel, zu der Sie eine besondere Beziehung haben?

Jetschke: Wahrscheinlich die allererste Orgel, die ich gespielt habe. Übrigens in einer evangelischen Kirche. Ich habe vom dortigen Kantor vor meinem ersten Gottesdienst in einer katholischen Kirche erklärt bekommen, was Register und Manuele sind, meine erste Gelegenheit an einer richtigen Orgel zu üben quasi. Ansonsten ganz klar die Orgel meiner Heimatpfarrei St. Laurentius in Würzburg Heidingsfeld. In dieser Pfarrei habe ich alle Sakramente empfangen, Taufe, Erstkommunion, Firmung. Dort habe ich dann auch meinen allerersten Gottesdienst gespielt. Es ist zwar nicht die schönste Orgel in allen Bereichen, aber es ist meine Orgel, mit der ich nun seit 15 Jahren irgendwie groß geworden bin.

Organist Ludwig Martin Jetschke an der Orgel in St. Laurentius in Würzburg Heidingsfeld.
 lumaphotography

Frage: Gibt es sowas wie ein Lieblingsregister?

Jetschke: Klar, jeder Organist hat ja auch irgendwie seinen eigenen Stil. Ich mag es ja trompetenlastig. Aber natürlich immer im Dienste dessen, was am Altar geschieht und nicht einfach aus Langeweile.

Frage: Sie sind ja nicht nur offline Kirchenmusiker, sondern auf YouTube ziemlich aktiv. Wie kam es dazu?

Jetschke: Ein Orgelkollege aus Regensburg hatte einen Kanal unter dem Namen "Orgelpfeife" erstellt. Da dachte ich mir, da setze ich noch einen drauf und habe mich unter "Lingualpfeife" angemeldet. Da dachte ich ja nie, dass ich damit mal irgendwie bekannt werden würde. Ich habe auch lange Zeit selbst nichts gepostet.

Frage: Aber?

Jetschke: Meine ersten Videos waren Tutorials zur Musiktheorie, quasi als Nachhilfe für Klassenkameraden. Dann dachte ich mir, dass man das auch an der Orgel selbst ausprobieren kann und hab ein bisschen gefilmt. Richtig krass wurde das, als das Neue Gotteslob herausgegeben wurde.  Da hatte ich plötzlich ganz viele Anfragen, weil Leute die Lieder nicht kannten und damit irgendwie nicht klarkamen. Zwei Monate vor der Einführung habe ich dann angefangen Tutorials speziell über das Neue Gotteslob zu machen. Das war sprichwörtlich eine Marktlücke, die wie eine Bombe eingeschlagen hat.

Frage: Mittlerweile kommt man auf YouTube gar nicht mehr an Ihnen vorbei, wenn man nach Kirchenmusik sucht. Aber Sie machen ja auch Livetalks. Wie kommt das da draußen an?

Jetschke: Eigentlich war das gar nicht beabsichtigt, dass ich so aktiv werde. Ich habe momentan auf YouTube 5.000 Follower und auf Facebook etwa 2000. Livetalks ersparen mir einiges an Arbeit, weil ich keine Einzelvideos zu bestimmten Themen produzieren muss, sondern direkt Fragen beantworten kann. Auch wenn ich manchmal gern konkreter arbeiten würde.

Frage: Inwiefern?

Jetschke: Vor Ostern habe ich etwa im Livestream eine komplette Einführung zur Heiligen Woche gegeben. Sozusagen ein schnelles Briefing für alle, bevor es dann richtig losgeht. Insgesamt wird das ziemlich dankend angenommen.

Frage: Sie studieren ja auch Theologie. Sehen Sie da einen Auftrag, das theologische Wissen durch YouTube weiterzugeben?

Jetschke: Definitiv. Ich habe zum Beispiel einen User, der eigentlich mit Kirche gar nichts zu tun hat. Er wollte anscheinend nur ein bisschen Musik hören und hat mir dann eine E-Mail geschrieben. Er hat meinen Kanal über ein Jahr verfolgt und sich bedankt, weil er mehr theologisches Wissen quasi nebenbei vermittelt bekommen hat, als in den letzten 30 Jahren zusammen. Aber nicht einmal direkt, sondern einfach in einem Halbsatz oder wenn ich auf Facebook etwas poste und erkläre, warum ich gerade das Lied an dem Tag spiele.

Frage: Ist das ein Einzelfall?

Jetschke: Nein, tatsächlich nicht. Es passiert häufig, dass mir Leute schreiben, dass sie durch mich wieder einen Zugang zur Kirche haben oder wieder in die Messe gehen. Ich denke mir dann immer, wenn die Leute nicht in die Kirche gehen, dann bringe ich die Kirche eben zu ihnen. Ich habe auch einen Nutzer, der jetzt unbedingt konvertieren möchte. Interessanterweise auch ein paar muslimische Zuschauer, die sich zu Wort melden und meine Videos interessant und schön finden.

Frage: Gibt es auch schräge Erlebnisse mit Fans?

Jetschke: Klar, grade in Livestreams. Da bin ich froh, dass ich auch einen Moderator habe, der sich im Hintergrund um Fragen der User kümmert. Da kommen schon Fragen, die auch sehr ins Private gehen.

Das übliche #Chaos am #Schreibtisch nach einem #Labervideo-Dreh :)

Ein von Ludwig M. Jetschke (@lingualpfeife) gepostetes Foto am

Frage: Ihr Privatleben wird auch davon beeinflusst, dass Sie viele Gottesdienste spielen. Ist das manchmal stressig?

Jetschke: An einem normalen Wochenende habe ich normalerweise eine Vorabendmesse und zwei Sonntagsgottesdienste. Stressig ist das direkt nicht. Ich sehe eher die Gefahr, dass man auf der geistlichen Ebene auf der Strecke bleibt. Ich habe den Anspruch auch selbst die Sonntagsmesse mitzufeiern und etwas mitzunehmen. Gerade an den Hochfesten ist das eine Herausforderung. Am zweiten Weihnachtsfeiertag nach sieben Messen fragt man sich schon: „Wann wurde es bei dir noch mal Weihnachten?“

Frage: Wie schaffen Sie es dann, dass es bei Ihnen dann doch Weihnachten wird?

Jetschke: Das ist immer eine persönliche Gratwanderung. In einem Diskussionsvideo habe ich einmal die Frage nach "Gnadenvergiftung durch zu viele Dienste" gestellt. Das war die hitzigste Debatte, die ich jemals erlebt habe. Jeder hatte da irgendwie daran zu knabbern. Da gibt es kein Patentrezept, das muss jeder für sich persönlich lösen.

Frage: Wie sieht Ihre Lösung aus?

Jetschke: Ich suche mir immer eine bestimmte Messe aus, die ich aktiv mitfeiere. Da spreche ich alle Gebete und Akklamationen mit und bin ganz dabei. Bei den andere Gottesdiensten zwar auch, aber eine Predigt muss ich zum Beispiel nicht dreimal höchst aufmerksam hören. Klar würde ich mich nicht mit einem Kaffee hinsetzen, aber da habe ich mittlerweile Distanz und Routine.

Frage: Gibt es eigentlich noch viele junge Menschen, die sich trotz allem noch dazu entschließen, Organist zu werden?

Jetschke: Das ist eine Entwicklung, die ich momentan gerade auf YouTube stark beobachte. Bemerkenswert ist, dass immer mehr junge Leute plötzlich in Videos voller Stolz dastehen, und zeigen, dass sie Organisten sind und Kirchenmusiker werden. Ich kann da aber auch beobachten, dass diese YouTuber meine Schemata kopieren und bekomme auch das Feedback, dass diese Dinge ohne meine Arbeit so nicht passiert wären. Aber ganz ehrlich: Am liebsten wäre es mir, dass es davon noch viel mehr Leute gäbe, die so viele gute Videos machen würden, dass ich in der Bedeutungslosigkeit verschwinde.

Die Webseite

Auf der Internetseite www.lingualpfeife.de gibt es unter anderem weitere Informationen, Tutorials und eine Liederdatenbank.

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Von Julia Haase

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